Zum Tod von John McAfee Sex, Drugs und Computerviren

Er schimpfte über seine eigene Software und machte mit Skandalen von sich reden – nun ist der Unternehmer John McAfee in einem spanischen Gefängnis gestorben. Ein Nachruf auf das Enfant terrible des Silicon Valley.
John McAfee in Havanna, Kuba (2019): Liebhaber von »Frauen, Abenteuern und Mysterien«

John McAfee in Havanna, Kuba (2019): Liebhaber von »Frauen, Abenteuern und Mysterien«

Foto:

Alexandre Meneghini / REUTERS

Seine Antivirus-Software machte ihn weltbekannt, er wurde von US-Behörden gejagt und nannte sich selbst einen Liebhaber von »Frauen, Abenteuern und Mysterien« – die Geschichte von John McAfee klingt wie die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster. Doch es wäre ein Film ohne Happy End: Am Mittwochabend wurde die Leiche des Unternehmers in einer Zelle der Haftanstalt Brians 2 nordwestlich von Barcelona aufgefunden, die spanischen Behörden gehen von einem Suizid aus.

Nur wenige Stunden zuvor hatte das oberste spanische Gericht grünes Licht für die Auslieferung McAfees an die USA gegeben. Dort hatten ihn Behörden unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Betrugs mit Kryptowährungen und Verschwörung zur Geldwäsche angeklagt.

McAfee hatte die Anschuldigungen stets zurückgewiesen und hielt sich für politisch verfolgt. »Vor drei Jahren habe ich einen Krieg zwischen Regierungen und der Kryptowelt vorhergesagt«, schrieb er auf Twitter. Diese Sorge habe sich mit seiner Verhaftung bewahrheitet. »Der Krieg läuft und ich bin ein Hauptziel.«

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Ist John McAfee ein Märtyrer der Kryptoszene? Die Realität ist wohl weniger romantisch: In seiner Heimat drohte McAfee wegen fragwürdiger Geschäfte mit Kryptowährungen eine jahrelange Haftstrafe. Dabei stand er schon zuvor immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz.

Der Sohn eines US-Soldaten und einer britischen Mutter kommt 1945 in Großbritannien zur Welt, wächst aber in Virginia in den USA auf. Sein alkoholkranker Vater nimmt sich das Leben, als McAfee 15 Jahre alt ist. Trotz der schwierigen Verhältnisse glückt John McAfee das Mathematikstudium, er macht Karriere als Programmierer. Er arbeitet unter anderem für die Raumfahrtbehörde Nasa und den Rüstungskonzern Lockheed. Als sein eigener Rechner von einem Computervirus infiziert wird, schreibt er eine Antivirus-Software und gründet seine eigene Firma.

Die Antivirus-Software von McAfee begleitet Generationen von Computernutzern. Das Programm wird zunächst per Shareware verbreitet: Die Weitergabe ist erwünscht, wer die Software länger einsetzen möchte, muss bezahlen. Das Geschäftsmodell geht auf. Schon 1994 zieht sich McAfee aus seinem Unternehmen zurück, der Verkauf der Firma macht ihn wenige Jahre später zum Multimillionär.

Eine Erfolgsgeschichte, wäre da nichts McAfees Drogensucht und seine ständigen Sex-Eskapaden. Obendrein beweist er als Investor ein glückloses Händchen: In der großen Finanzkrise verliert er den Großteil seines Vermögens. Auch das Image leidet. Der Intel-Konzern, der die Antivirenfirma zwischenzeitlich übernommen hat, versucht schließlich sogar, die Marke McAfee ganz zu beerdigen – McAfee selbst hatte zuvor in einem Video voller Sex- und Drogenanspielungen dazu aufgerufen, die Software zu deinstallieren.

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In jenen Jahren wirkt McAfee wie ein Aussteiger auf Sinnsuche. Er betreibt ein Yoga-Zentrum, schreibt mehrere Bücher und sucht bei Tiefflügen mit Ultraleichtflugzeugen den Nervenkitzel. Er lässt sich von den Libertären, die im amerikanischen Zweiparteiensystem als chancenlos gelten, als Kandidat für die US-Präsidentschaftswahl aufstellen. Jahrelang lebt er auf einem Anwesen im zentralamerikanischen Belize, wo ihn die Polizei im Jahr 2012 bei einer Drogenrazzia mit einer 17-Jährigen im Bett erwischt.

Wenige Monate später gerät McAfee erneut ins Visier der Behörden: Als einer seiner Nachbarn ermordet wird, steht er zunächst unter Verdacht, einen Auftragskiller engagiert zu haben. McAfee flieht erst in den Dschungel von Guatemala und setzt sich dann in die USA ab, die Ermittlungen gegen ihn in Belize verlaufen im Sand.

McAfees Versuche, sich in den USA ein neues Geschäft aufzubauen, scheitern zunächst. Doch dann wittert er in der boomenden Welt der Kryptowährungen offenbar eine neue Chance. Regelmäßig empfiehlt McAfee auf seinem Twitterkanal neue Coins zum Kauf. Die US-Börsenaufsicht SEC wirft ihm vor , sich dabei mit seinem Team bereichert zu haben. Die Deals soll McAfees Leibwächter eingefädelt haben, der dafür ebenfalls eine Provision erhalten habe.

»John McAfee hat seinen Followern Investitionen in Initial Coin Offerings empfohlen, ohne offenzulegen, dass er dafür bezahlt wurde.«

Aus einer Pressemitteilung der US-Börsenaufsicht SEC

Die mutmaßliche Masche: McAfees Gehilfen decken sich mit einer Kryptowährung aus der Nische ein, dann empfiehlt McAfee die Coins in den sozialen Medien zum Kauf. Wenn genügend Anleger der Empfehlung folgen, macht das Team die virtuellen Münzen wieder zu Geld – das Schema heißt »Pump and dump« (Hochpumpen und Wegwerfen). Ein uralter Börsentrick, der McAfee offenbar Millionen einbringt – bis ihm Behörden auf die Schliche kommen.

Obendrein wirft der amerikanische Fiskus McAfee vor, mehrere Jahre lang keine Steuererklärung abgegeben zu haben, obwohl er mit der Werbung für Kryptowährungen, Vorträgen und dem Verkauf der Rechte an seiner Lebensgeschichte viel Geld verdient haben soll.

John McAfee bei einer Gerichtsanhörung in Madrid (am 15. Juni): In den USA drohte eine jahrzehntelange Haftstrafe

John McAfee bei einer Gerichtsanhörung in Madrid (am 15. Juni): In den USA drohte eine jahrzehntelange Haftstrafe

Foto: CHEMA MOYA / POOL / EPA

Im Oktober 2020 wird John McAfee von spanischen Behörden verhaftet. Zuvor war er nach eigenen Angaben mit dem Versuch gescheitert, mit einem Tanga als Mundschutz in Deutschland einzureisen . Immer wieder meldet sich McAfee über Twitter aus dem Gefängnis, doch seine Botschaften werden zusehends düsterer. Nach monatelanger Haft stimmen die spanischen Behörden schließlich einer Auslieferung in die USA zu. Dort hätte ihm bei einer Verurteilung eine jahrzehntelange Haftstrafe gedroht, doch dazu kommt es nicht.

Dabei hat McAfee, der Zeit seines Lebens als Meister der Inszenierung galt, längst den Grundstein für die nächste Geschichte gelegt. Verschwörungstheoretiker glauben nicht an einen Suizid. Denn schon im Oktober twitterte McAfee aus dem Gefängnis: »Wenn ich mich erhänge, so wie Epstein , wird es nicht mein Fehler sein«.

John McAfee starb im Alter von 75 Jahren.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels wurde Belize als zentralafrikanischer Staat bezeichnet, tatsächlich liegt das Land natürlich in Mittelamerika.

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