Millionenvergleich Johnson & Johnson entzieht sich Schmerzmittelprozess

In der US-Opioidkrise entgeht Johnson & Johnson einem Großprozess. Mit einem Vergleich über 20,4 Millionen Dollar hat sich der Arzneimittelhersteller in dem Fall freigekauft - ohne Haftung zu übernehmen.

Logo von Johnson & Johnson: Vergleich drei Wochen vor Verhandlungsbeginn
REUTERS/Brendan McDermid/File Photo

Logo von Johnson & Johnson: Vergleich drei Wochen vor Verhandlungsbeginn


Vor wenigen Wochen war Johnson & Johnson wegen unrechtmäßiger Vermarktung von suchtgefährdenden Schmerzmitteln im US-Staat Oklahoma zu einer Strafe von 572 Millionen Dollar verurteilt worden. In einem anderen wichtigen Gerichtsprozess hat der Pharmakonzern nun durch einen Vergleich ein Urteil abgewendet.

Mit zwei Bezirken im Bundesstaat Ohio habe man sich auf Zahlungen von insgesamt 20,4 Millionen Dollar geeinigt, teilte das Unternehmen mit. Johnson & Johnson kauft sich damit im ersten US-Prozess auf Bundesebene frei. Der Konzern musste keine Haftung einräumen, bleibt aber mit zahlreichen ähnlichen US-Klagen konfrontiert.

Mit Mallinckrodt, Endo International und Allergan hatten zuvor bereits drei andere Pharmakonzerne mit Vergleichen verhindert, in dem Prozess verantwortlich gemacht zu werden. Sie alle stehen im Verdacht, mit der Vermarktung von Schmerzmitteln zur grassierenden Medikamentenabhängigkeit und Drogen-Epidemie in den USA beigetragen zu haben.

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In den USA starben in den vergangenen Jahren rund 400.000 Menschen an einer Überdosis. 2018 war die Zahl der Drogentoten in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten gesunken. 2018 starben laut US-Gesundheitsbehörden rund 68.600 Menschen an einer Überdosis, im Jahr 2017 gab es circa 72.200 Todesfälle. Besonders das Unternehmen Purdue Pharma - bekannt als Hersteller des berüchtigten Schmerzmittels Oxycontin - war wegen des Suchtproblems in die Kritik geraten.

Der Vergleich mit Johnson & Johnsons erfolgt weniger als drei Wochen vor dem für den 21. Oktober angesetzten Verfahrensauftakt beim zuständigen Bundesgericht in Cleveland. Der Vereinbarung zufolge zahlt der Konsumgüterkonzern, der auch Arzneimittel vertreibt, zehn Millionen Dollar an die Bezirke Cuyahoga und Summit: fünf Millionen Dollar für Rechtskosten und Aufwendungen sowie 5,4 Millionen Dollar an gemeinnützige Organisationen, die gegen die Opioid-Krise ankämpfen.

apr/dpa/Reuters

insgesamt 11 Beiträge
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mronkey 02.10.2019
1. pay money, avoid prison
So funktioniert also die Justiz in Amerika... Nach Milliardeneinnahmen durch die völlig unverantwortliche Massenvermarktung von Schmerzmitteln einfach Millionen als Vergleichszahlungen anbieten und schon muss man keine Verantwortung mehr übernehmen? Im Ernst, so verliert doch man doch leicht den Glauben an den Rechtsstaat. Ich hoffe, es kommt hier nicht so weit...
Interzoni 02.10.2019
2. Interessant wäre eine Schätzung,
wie viel Geld der Konzern als Großdealer eingenommen hat. Die Opiod-Krise zeigt schlaglichtartig die ganze Verkommenheit der Pharmabranche - und was der "Markt" so treibt, wenn man ihn lässt.
penie 02.10.2019
3. Wurde irgendwer gezwungen, sich Opoide verschreiben zu lassen?
Und diese einzunehmen? Leute, bevor Ihr über die Pharmabranche herzieht: Erwachsene sind für ihre Taten erst mal selbst verantwortlich. Ich kann die Leier vom armen, unschuldigen und offensichtlich völlig verblödeten Konsumenten nicht mehr hören. Die verschreibenden Ärzte sind auch nicht Handlanger der Pharmaindustrie, sondern der Patienten, denen sie in USA wie auch hierzulande aus Gefälligkeit Medikamente verschreiben.
garfieƖd 02.10.2019
4.
Zitat von Interzoniwie viel Geld der Konzern als Großdealer eingenommen hat. Die Opiod-Krise zeigt schlaglichtartig die ganze Verkommenheit der Pharmabranche - und was der "Markt" so treibt, wenn man ihn lässt.
Pharmafirma entwickelt Schmerzmittel. Patient hat Schmerzen. Patient geht zum Arzt. Arzt verschreibt Schmerzmittel. Patient nimmt /oder nimmt nicht Schmerzmittel. Dann beschreiben Sie diese Verkommenheit doch mal im Detail. Dass Opioide abhängig machen können, weiss jedes Kind. Als ich nach meiner letzten OP derartige Schmerzmittel verschreiben bekommen habe, habe ich mir den Beipackzettel durchgelesen und danach entschieden, dass ich lieber auf die Zähne beisse. Meine Entscheidung. Es wird sicherlich Patienten geben, die mehr aushalten müssen und nicht ohne über die Runden kommen können, aber sicher nicht in dieser Masse wie in den USA! Niemand wird gezwungen, das Zeug zu nehmen. Die Nebenwirkungen müssen allesamt auf dem Beipackzettel vermerkt werden. Der wird durch die Behörden kontrolliert und freigegeben. Niemand, der diese Tabletten geschluckt hat, kann behaupten, er wäre nicht über die Konsequenzen informiert gewesen. Wenn Sie jeden Tag eine Flasche Schnaps trinken, dann werden Sie sich schließlich auch nicht wundern, wenn sie spätestens nach einigen Monaten zum Alkoholiker geworden sind. Sind aber deswegen die Alkoholhersteller "verkommen" und Ihnen gegenüber regreßpflichtig?
krtoledo77 02.10.2019
5. Erwachsene sind selber mitverantwortlich.ist nur bedingt richtig..
Dies ist nur teilweise richtig, denn in den USA wurden für jede Art von Schmerzen einfach Opiod-haltige Schmerzmittel verschrieben, welche nun einmal abhängig machen. Diese Verschreibung ist teilweise der sehr aggressiven Vermarktung und der Verschleierung der Abhängigkeit bei längere Einnahme geschuldet. Natürlich kann man sich vorab Informieren, jedoch werde ich am Ende nun einmal das machen was mir mein Arzt rät, und wenn dieser durch höhere Provisionen, Zusatzzahlungen, etc. sich zum Handlanger von diesen Pharma Riesen macht, dann hat man auch als Erwachsener wenig Chancen
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