Milliardenverlust bei JP Morgan Die Rückkehr der Regulierer

Flop mit Folgen: Der Milliardenverlust bei JP Morgan Chase hat die Aufseher in Washington aufgeschreckt. Sie wollen die Wall Street wieder stärker kontrollieren. Für JP Morgan zeichnet sich ab, dass es nicht bei einem Verlust von zwei Milliarden Dollar bleiben wird.
Milliardenverlust bei JP Morgan: Es wird wieder über Regulierung diskutiert

Milliardenverlust bei JP Morgan: Es wird wieder über Regulierung diskutiert

Foto: CARL COURT/ AFP

Die prekärsten Begegnungen ereignen sich oft im Aufzug. Joe Nocera, ein Kolumnist der "New York Times", kann ein Lied davon singen. Vor ein paar Monaten trat Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan Chase (JPM), der größten US-Bank, zu ihm in einen voll besetzten Lift. Dimon erkannte Nocera und fragte in die aufzugtypische Stille, für alle gut hörbar: "Wieso hasst die 'New York Times' die Banken?"

Nocera - gerne kritisch, aber beileibe kein Feind der Wall Street - entsann sich dieser Anekdote in einer Kolumne Anfang April. Seine Antwort: "Es ist nicht die 'New York Times', Mr. Dimon. Wirklich nicht. Es ist das Land, das dieser Tage die Banken hasst."

Knapp sechs Wochen später sieht sich Nocera bestätigt. Exakt 28 Minuten dauerte Dimons hastig einberufene Schaltkonferenz mit Analysten am Donnerstag nach US-Börsenschluss. Das reichte, um das hohe Ansehen seiner Bank auf absehbare Zeit zu zerstören - und vor allem sein eigenes Image als unfehlbarer König der Wall Street. Und sie brachte die Debatte über die stärkere Regulierung der Banken auf die politische Agenda zurück.

Spielerei mit Sprengstoff

In nur sechs Wochen hat JP Morgan, das die Finanzkrise besser überstanden hatte als alle anderen Banken, mit obskuren Spekulationsgeschäften rund zwei Milliarden Dollar in den Sand gesetzt - als hätte es die Bankenkrise nie gegeben. "Die Wall Street hat ihr wahres Gesicht gezeigt", schreibt Börsenblogger Henry Blodget: "Die Banker sind wie Kinder, die mit Sprengstoff spielen."

Die Börsenaufsicht SEC nahm bereits erste Vorermittlungen gegen JPM auf, um zu klären, ob bei den missratenen, nach ersten Erkenntnissen aber legalen Deals, alles mit dem Rechten zuging. Zugleich zeichnete sich ab, dass die Debatte um stärkere Regulierung der Finanzbranche neuen Wind bekommt - was wiederum den polarisierten US-Wahlkampf weiter verschärfen dürfte.

Das Debakel, in dessen Mittelpunk eine JPM-Abteilung in London steht, sei "ein Schlag für die Glaubwürdigkeit" der Bank, schreibt der Analyst Gerard Cassidy (RBC Capital Markets). Denn die Banker von JPM galten bisher als wahre Meister im Umgang mit riskanten Geschäften. Kein Wunder also, dass Dimon gerade jene neuen Richtlinien in der US-Finanzmarktreform bekämpft hatte, die solche Geschäfte verhindern sollen.

Kaum noch Argumente gegen eine stärkere Regulierung

Die Reform, von US-Präsident Barack Obama initiiert, war 2010 vom Kongress verabschiedet worden - allerdings erheblich verwässert von der Wall-Street-Lobby. Eine zentrale Vorschrift, die nach dem Ex-Notenbankchef Paul Volcker benannte "Volcker-Regel", ist bis heute nicht in Kraft getreten. Sie untersagt Banken die Spekulation mit eigenem Kapital auf eigene Kasse - wie es JPM in diesem Fall offenbar getan hatte. Außerdem sträuben sich JPM und die anderen Banken bis heute dagegen, mehr Reservekapital halten zu müssen, um Verluste abzufedern. Sie beklagen zudem die Kosten, die durch die vorgesehene Regulierung entstehen würden.

All diese Argumente verlieren vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse jedoch ihre Schlagkraft. "Für JP Morgan Chase hätte diese Hiobsbotschaft zu keiner schlechteren Zeit kommen können", sagte Finanzprofessor Frank Partnoy der "New York Times".

Vor allem das Kostenargument der Banken, die die neuen Regeln als zu teuer beklagen, "ist heute um mindestens zwei Milliarden Dollar schwieriger geworden", erklärte der demokratische Kongressabgeordnete Barney Frank, einer der Namensgeber der Finanzmarktreform (Dodd-Frank Act). "Ohne jegliches Zutun der Regierung hat JP Morgan Chase das Fünffache dessen verloren, was eine stärkere Regulierung nach ihren Angaben kosten würde."

Die Führung war im Bilde

Auch wenn die Details des Desasters nur schleppend zutage treten, werfen sie schon jetzt ein denkbar schlechtes Licht auf JPM. Anders als die Schweizer Großbank UBS, die ihren 2,3-Milliarden-Dollar-Zockerverlust einem einzigen, skrupellosen Trader in die Schuhe schieben konnte, war die JPM-Spitze offenbar bestens im Bilde - seit längerem.

Seit Mitte April habe JPM die obskuren Geschäfte mit den Aufsichtsbehörden in den USA und London diskutiert, meldete die "New York Times". Dies deckt sich mit Berichten aus jener Zeit, wonach massive Spekulationen des Londoner JPM-Traders Bruno Iksil - genannt "Londoner Wal" und "Voldemort" (nach dem Harry-Potter-Urschurken) die Irritation der Kreditbranche erregt hätten. Dimon hatte diese Berichte damals als "Sturm im Wasserglas" abgetan.

Dabei muss er schon damals Bescheid gewusst gehabt haben. Denn im Zentrum des Sturms steht das Chief Investment Office (CIO), eine JPM-Abteilung, die in obskuren Finanzmärkten spekuliert, um firmeninterne Aktiva und Passiva auszugleichen. Deren Chefin ist Ina Drew, eine alte Vertraute Dimons.

Gewinner sind die Hedgefonds

Iksil sitzt in der Londoner Dependance des CIO. Dort handelt er mit Derivaten, in diesem Fall dem "Wall Street Journal" zufolge mit einem komplexen Derivateindex namens CDX.NA.IG.9. Der ist über sogenannte Kreditausfallversicherungen (CDS) an die Finanzdaten von 121 Konzernen gekoppelt: Mit ihm lässt sich für oder gegen die Stabilität dieser Konzerne wetten - ein heutzutage immer noch populäreres Spiel, bei dem man aber eben auch Milliarden Dollar verjubeln kann.

Diese Spekulationen, so zumindest bisher die Annahme, waren dabei von der Konzernspitze gedeckt: "Dies war eine Strategie, die die Bank selbst entwickelt hatte, mit vollem Wissen und Flankenschutz des JP-Morgan-Managements", meldete der Börsenblog der "New York Times".

Iksil hatte offenbar so viel in diesen Index investiert, dass sich seine Gegenparteien - angeblich eine Gruppe Hedgefondsmanager - rächten. Sie informierten mehrere US-Medien. Als die Spekulationen publik wurden, ging das Geschäft für Iksil nach hinten los. "Der Markt wandte sich gegen ihn", schreibt der Wall-Street-Kritiker Matt Taibbi, Starautor des Magazins "Rolling Stone". "Sobald deine Position bekannt wird, hast Du verloren."

Verlust an allen Fronten

Inzwischen zeichnet sich ab, dass JP Morgan nicht nur den Verlust von zwei Milliarden Dollar durch den verzockten Deal hinnehmen muss. Die Rating-Agentur Fitch stufte die Bank herab, an der Börse sackte der Kurs des Unternehmens am Freitag um 9,3 Prozent ab, JP Morgan verlor damit rund 15 Milliarden Dollar an Marktwert.

Viel stärker aber als der rein finanzielle Verlust dürfte die Bank der Imageschaden treffen - und die Tatsache, dass in der amerikanischen Öffentlichkeit jetzt wieder breit über stärkere Regulierungen diskutiert wird. Auch Präsident Obama, der das Thema zuletzt vermieden hatte, macht damit nun wieder Wahlkampf: "Sie wollen die Regeln zurückdrehen, die wir für die Banken und Finanzinstitutionen eingeführt haben", richtete er seinen Vorwurf an die Republikaner - und indirekt auch an die Wall Street.

Gewinner dieses Skandals sind - zumindest kurzfristig - die Hedgefonds. Allein die Finanzfirmen BlueMountain Capital und BlueCrest Capital hätten durch die missratene JPM-Wette bisher je 30 Millionen Dollar verdient, berichtet das "Wall Street Journal". Insgesamt aber profitierten mehr als ein Dutzend Hegdefonds, die gegen Iksil gewettet hatten.

So ist das an der Wall Street: Wenn einer verliert, gibt es immer einen, der gewinnt.

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