Vorwürfe gegen Ex-»Bild«-Chef Reichelt Springer-Chef Döpfner plante angeblich Untersuchung gegen betroffene Frauen

In der Führungsriege des Axel-Springer-Konzerns wusste man wohl mehr über das Fehlverhalten von »Bild«-Chef Julian Reichelt als bisher bekannt. Laut einem Bericht der »Financial Times« regte Verlagschef Mathias Döpfner sogar eine »Gegenuntersuchung« an.
Springer-Chef Mathias Döpfner: »Blinde Hass-Agenda« einer »linken Blase«

Springer-Chef Mathias Döpfner: »Blinde Hass-Agenda« einer »linken Blase«

Foto: Annegret Hilse / Sven Simon / IMAGO

Als Julian Reichelt im vergangenen Herbst mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben als »Bild«-Chefredakteur entbunden wurde, präsentierte sich der Axel-Springer-Verlag als Opfer. Man habe im Rückblick einen großen Fehler gemacht, hieß es damals aus dem Konzern, der Reichelt bis dahin verteidigt hatte: Man habe ihm schlicht zu lange vertraut.

Eine Recherche der »Financial Times« lässt an dieser Erzählung nun Zweifel aufkommen. Tatsächlich war das mutmaßliche Fehlverhalten des Chefredakteurs innerhalb des Konzerns wohl länger bekannt als bisher angenommen. Und Verlagschef Mathias Döpfner beauftragte offenbar einen externen Anwalt mit einer »Gegenuntersuchung«, die sich gegen Betroffene und ihre vermeintlichen Hintermänner richten sollte.

Wie viel wusste Springer?

Eine ganze Reihe von Frauen hatte gegenüber dem damaligen »Bild«-Chef in den Monaten zuvor schwerwiegende Vorwürfe zu Protokoll gegeben, wie der SPIEGEL zuerst berichtete. Die Rede war von Machtmissbrauch, Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen zu Mitarbeiterinnen, der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Doch nach einem Compliance-Verfahren durch die Kanzlei Freshfields durfte Reichelt zunächst zurück auf seinen Posten. Angeblich, weil in der Untersuchung zwar »Fehler« festgestellt wurden, aber keine, die eine Entlassung gerechtfertigt hätten.

In Wirklichkeit waren bereits die Freshfields-Ermittler zu dem Schluss gekommen, dass bei Reichelt ein »schwerwiegendes Fehlverhalten« im Amt vorlag, schreibt die britische Tageszeitung. Außerdem seien in dem Verfahren weitere Beziehungen gefunden worden, die Reichelt nicht zugegeben habe – darunter eine, die noch andauere.

Neue Vorwürfe gegen Mathias Döpfner

Laut »Financial Times« erwähnte der Freshfields-Bericht, der dem Vorstand vorgelegt wurde, auch unerwünschte »romantische« Textnachrichten, die der »Bild«-Chefredakteur Mitarbeiterinnen geschickt hatte. Obwohl den Betroffenen Vertraulichkeit zugesichert wurde, soll Reichelt laut dem Artikel fortlaufend über den Gang der Untersuchung unterrichtet worden sein.

In der Öffentlichkeit fasste der Verlag die Ergebnisse später nur vage zusammen. Stattdessen soll Döpfner bald nach Beendigung der Ermittlungen eine »Gegenuntersuchung« angeregt haben. So zitiert die »Financial Times« Personen, mit denen der Vorstandsvorsitzende unter vier Augen sprach.

Döpfner und seine Vertrauten beauftragten laut der Tageszeitung unter anderem einen externen Anwalt und erstellten eine Liste von Personen, gegen die ermittelt werden sollte. Neben einer Ex-Freundin von Reichelt sollen darin zwei Satiriker und der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre erwähnt worden sein.

»Das hat nichts mit #MeToo zu tun«

In SMS schrieb der Vorstandsvorsitzende des Konzerns damals von einer »Verschwörung«. In Gesprächen soll er sich über eine »blinde Hass-Agenda« beklagt haben: »Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Das hat nichts mit #MeToo zu tun«, werden Döpfners Aussagen zitiert. Wenn man wieder angegriffen werde, könne man die Ankläger zwar nicht nennen, »aber es ist für uns akzeptabel, dass diese Namen rauskommen.«

Laut »Financial Times« vermutete Döpfner ideologische Gegner hinter dem Angriff: »Wir sind die letzten Bastionen der Unabhängigkeit und der Regierungskritik, und deshalb werden wir von der linken Blase, die ihre Ansichten mit großer Intoleranz verfolgt, bestraft.«

Erinnerungen an DDR-Vergleich

Die Äußerungen erinnern an eine private Nachricht, die Döpfner einst an Stuckrad-Barre geschickt hatte. Darin hatte er Julian Reichelt als letzten und einzigen Journalisten in Deutschland bezeichnet, der noch mutig »gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat« aufbegehre. Fast alle anderen seien zu »Propaganda-Assistenten« geworden. Döpfner verteidigte die bekannt gewordene Nachricht zunächst als ironisch und entschuldigte sich später dafür.

Gegenüber dem SPIEGEL äußert sich der Springer-Konzern nur knapp: Der Artikel der »Financial Times« zeichne »ein irreführendes Bild der Compliance-Untersuchung, der daraus gezogenen Konsequenzen, des gesamten Unternehmens und seiner Führung.« Reichelt selbst hatte die Vorwürfe gegen ihn immer bestritten. Gegenüber der »Financial Times« sagte er: »Die Anschuldigungen gegen mich sind falsch, die Behauptungen sind gelogen. Sie wurden von einer besessenen Ex-Freundin erfunden und inszeniert.« Eine umfassende Untersuchung habe ergeben, dass er gegen keine einzige Unternehmensregel verstoßen habe, »weil ich das niemals getan habe.«

rai