Supermarktkette vor dem Aus Diese Männer entscheiden über Kaiser's Tengelmanns Schicksal

Kaiser's Tengelmann droht die Zerschlagung, die Hoffnung ruht auf einem möglichen Spitzentreffen der entscheidenden Akteure. Wer hat die Zukunft der Supermarktkette in der Hand? Ein Überblick.

Wer hat die Zukunft der Supermarktkette in der Hand? Mundt, Mosa, Birske, Haub und Caparros (von links nach rechts)
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Wer hat die Zukunft der Supermarktkette in der Hand? Mundt, Mosa, Birske, Haub und Caparros (von links nach rechts)

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Entscheidet sich in dieser Woche das Schicksal von Kaiser's Tengelmann? Am Freitag tagt der Aufsichtsrat der maroden Supermarktkette, und Insidern zufolge will Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub nun die Zerschlagung. Die rentablen Märkte könnten dann verkauft, der Rest mitsamt Verwaltung und Zulieferbetrieben in die Insolvenz geschickt werden. 8000 der rund 15.000 Mitarbeiter könnten laut Schätzungen ihren Job verlieren.

Eigentlich wollte Haub die mehr als 400 Märkte komplett an Edeka verkaufen. Doch die Übernahme, eigentlich im Oktober 2014 besiegelt, steckt fest: Erst untersagte das Bundeskartellamt im April 2015 die Übernahme, dann erteilte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) im März dieses Jahres eine Ministererlaubnis. Postwendend legten die Wettbewerber Rewe, Markant und Norma Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf (OLG) ein. Das Gericht stoppte im Juli vorerst die Ministererlaubnis.

Noch vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag könnte ein Spitzentreffen der Verantwortlichen von Tengelmann, Edeka, Rewe und der Gewerkschaft Ver.di eine andere Lösung bringen. Übereinstimmenden Berichten zufolge soll es am Donnerstagabend stattfinden - wo, ist noch geheim.

In jedem Fall steht die Entscheidung über Kaiser's Tengelmann kurz bevor. Diese Personen haben die Zukunft der Supermarktkette in der Hand:

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Karl-Erivan Haub, Kaiser's-Tengelmann-Inhaber


Für den Milliardär geht es um viel: sein Image, das Familienunternehmen - vor allem aber um sehr viel Geld. Und der 56-jährige Haub geht ohne einen einzigen Trumpf in das Endspiel um Kaiser's Tengelmann. Seit 15 Jahren schreibt die Supermarktkette bereits Verluste, nun geht es um die Existenz. Seit zwei Jahren hängt die Übernahme in der Luft.

Mittlerweile ist das normale Geschäft deshalb kaum noch fortzuführen: Mietverträge laufen aus, daher schließen nach und nach Märkte. Bei den Lieferanten zahlt Kaiser's Tengelmann laut Insidern rund zehn Prozent mehr als die Konkurrenz. Mitarbeiter laufen scharenweise zur Konkurrenz über, heißt es in einem Brief des Geschäftsführers an Haub von Anfang September. Die IT - für eine Supermarktkette enorm wichtig - drohe zusammenzubrechen. Für das Geschäftsjahr, das im Oktober zu Ende geht, rechnet das Management mit einem Verlust von rund 90 Millionen Euro, Tendenz steigend.

Damit hat Haub ein großes Problem: Er steht unter enormen Zeitdruck. Er kann de facto nicht abwarten, bis auf dem Rechtsweg über die Komplett-Übernahme durch Edeka entschieden ist. Das würde voraussichtlich noch Jahre dauern, bis dahin wäre Kaiser's Tengelmann vermutlich endgültig zusammengebrochen und hätte Haub weitere riesige Verluste beschert.

Offenbar ist Haub daher nun doch zur Zerschlagung bereit, die er vor zwei Jahren noch ablehnte - falls mögliche Verhandlungen mit Edeka, Rewe und Ver.di scheitern. Selbst dann wäre er die Probleme nicht mit einem Schlag los. Die unrentablen Märkte, Logistik und Verwaltung, Tochtergesellschaften wie Lieferdienste und Fleischhöfe - das alles müsste abgewickelt werden. Und auch die rentablen Märkte lassen sich nicht ohne Weiteres verkaufen. Das Kartellamt müsste jeweils die Genehmigung erteilen.

Haubs größte Hoffnung beruht daher darauf, dass Rewe die Klagen gegen die Übernahme durch Edeka zurückzieht und so den Deal doch noch ermöglicht.

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Markus Mosa, Edeka-Chef


Der Edeka-Chef kann dem Endspiel um Kaiser's Tengelmann entspannt entgegensehen - denn Edeka kann eigentlich nur gewinnen. Schließlich sind die Verträge mit Kaiser's Tengelmann bereits unterschrieben.

Sollten die Gespräche also scheitern, muss Tengelmann-Eigentümer Haub sich entscheiden, ob er den Deal vor Gericht voraussichtlich jahrelang durchfechten will oder nicht. Die immensen Kosten müsste allerdings er tragen, um die Supermarktkette bis dahin am Leben zu erhalten. Freilich würden unrentable Märkte zwangsläufig geschlossen, was Mosa nur recht sein kann. Er hatte sich verpflichtet, fast alle Tengelmann-Arbeitsplätze auf Jahre hinaus zu erhalten und zudem teilweise besser zu entlohnen. Am Ende könnte Edeka so alle verbliebenen - und zumeist rentablen - Standorte bekommen, und das zu geringeren Kosten als in der Ministererlaubnis vorgesehen.

Wird Tengelmann aber zerschlagen, könnte Edeka sogar noch mehr profitieren. Schließlich hatte das Kartellamt die Übernahme von 120 Kaiser's Tengelmann-Filialen als unbedenklich eingestuft. Um diese Märkte würde es dann wohl vorrangig gehen. Als Faustpfand dienen Mosa die Verträge mit Haub, für deren Auflösung er Gegenleistungen verlangen kann. Außerdem kennt Edeka Tengelmann durch die Kaufverhandlungen bis ins Detail und weiß, welche Standorte rentabel sind.

Mosa muss sich dann auch nicht mehr an die Tarifverträge und Beschäftigungsgarantien halten, die Sigmar Gabriel als Bedingung für seine Ministererlaubnis gestellt hatte. Für Edeka wäre das sogar attraktiver. Im Vergleich zur Komplett-Übernahme läge der wirtschaftliche Vorteil der "Lebensmittelzeitung" zufolge bei 200 Millionen Euro. Mosa müsste allerdings akzeptieren, dass auch Konkurrent Rewe Märkte übernimmt - und darauf setzen, dass das Kartellamt die Einigung absegnet.

Die Voraussetzungen sind insgesamt gut, mit denen Mosa in die Gespräche gehen kann. Der 48-Jährige gilt überdies als geschickter, ruhiger und vor allem durchsetzungsstarker Verhandler. Eine Fähigkeit, ohne die niemand dauerhaft und geräuschlos die Edeka-Gruppe führen kann, die eigentlich eine Genossenschaft mit 4000 selbstständigen Kaufleuten ist. Mosa ist bereits seit 2008 an der Spitze des Marktführers.

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Alain Caparros, Rewe-Chef


Der 60-jährige Deutsch-Franzose ist ähnlich unangefochten wie Kontrahent Mosa, aber ungleich extrovertierter. Der Rewe-Chef kann sogar noch entspannter als der Edeka-Chef sein, denn seine Ziele hat er bereits jetzt erreicht. Die nannte er vor zwei Wochen unverblümt im SPIEGEL-Interview: "Ich habe alles getan, damit Edeka die Filialen nicht bekommt." Das Ziel hat er erreicht, indem er gemeinsam mit den Handelsketten Markant und Norma gerichtlich gegen die Ministererlaubnis vorging.

Noch schwieriger macht Caparros es für Haub und Mosa, weil er demonstrativ darauf verzichtet, selbst Ansprüche auf die Übernahme von Filialen zu stellen: "Die beste Lösung wäre es, wenn ein Dritter die Märkte von Kaiser's und Tengelmann bekommt." (Lesen Sie hier das gesamte Gespräch im SPIEGEL.)

Mit anderen Worten: Caparros könnte Haub auf einen Schlag aller Sorgen entledigen, wenn er die Klagen zurückzieht. Aber warum sollte er das tun? Haub und auch Edeka müssten Rewe schon enorme Gegenleistungen anbieten - wie diese aussehen könnten, scheint noch völlig offen. Immerhin: In einem Brief an Tengelmann-Chef Haub hat Caparros demonstrativ Gesprächsbereitschaft zugesichert.

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Frank Bsirske, Ver.di-Chef


Der Gewerkschaftschef steckt selbst in der Zwickmühle: Ver.di unterstützte die Komplett-Übernahme durch Edeka per Ministererlaubnis. Die wiederum zur Auflage machte, dass fast alle Arbeitsplätze auf Jahre hinaus erhalten bleiben und Tarifverträge mit den Gewerkschaften geschlossen würden. Die sind seit Mitte August unterschrieben - und könnten doch vollkommen nutzlos sein. Denn nun droht 8000 der rund 15.000 Mitarbeiter stattdessen der Jobverlust.

Damit ist Ver.di zwar einerseits Partei, andererseits versucht die Gewerkschaft zu vermitteln. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, um die Arbeitsplätze und die guten Arbeitsbedingungen bei Tengelmann zu erhalten", sagt eine Sprecherin. Im Zweifel dürften Ver.di die Arbeitsplätze dann wichtiger sein als die Arbeitsbedingungen.

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Andreas Mundt, Chef des Bundeskartellamts


Der oberste Wettbewerbshüter Deutschlands wird zwar nicht mit am Tisch sitzen, sollte es zum Spitzentreffen zwischen Tengelmann, Edeka und Rewe kommen. Aber seine Behörde ist dennoch entscheidend für die Zukunft von Tengelmann. Sie untersagte die Komplett-Übernahme durch Edeka.

Dass fast 85 Prozent des deutschen Lebensmittelhandels von vier großen Konzernen - Aldi, der Lidl-Mutter Schwarz, Rewe und Edeka - kontrolliert werden, sieht das Kartellamt ohnehin extrem kritisch. Die naheliegendste Lösung des Tengelmann-Problems - Rewe und Edeka teilen die Märkte einfach unter sich auf - wird das Bundeskartellamt daher hochwahrscheinlich nicht mittragen. Jedenfalls würde es intensiv prüfen, im Zweifel für jeden einzelnen Markt.

Aber auch jede andere denkbare Lösung, die in einem solchen Spitzengespräch zwischen zwei der großen Konzerne plus Tengelmann erarbeitet würde, dürfte Mundts Behörde schon aus Prinzip mit großen Vorbehalten sehen.

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Wolfgang C lement, Bundeswirtschaftsminister a.D.


Der 76-Jährige wird als Vermittler bei einem möglichen Spitzengespräch gehandelt. Er selbst gab allerdings noch am Sonntag der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" zur Auskunft, er wisse nichts über eine mögliche Moderatorenrolle. Das kann sich ja noch ändern. Mit ihm verbindet sich die Hoffnung, mit den drei schwierigen Egos Haub, Mosa und Caparros umgehen zu können. Schließlich ist der ehemalige SPD-Bundeswirtschafts- und -Arbeitsminister harte Auseinandersetzungen gewohnt - und seinerseits bei allen Beteiligten respektiert.


insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-1293013983 20.09.2016
1. Na, dann hat das Kartellamt ja bekommen was es wollte
Weniger Filialen und die Filets gehen trotzdem an die großen. Das wird dem Wettbewerb ja ungemein geholfen haben ...
heavenstown 20.09.2016
2. Haub selbst wird kaum verhungern..
... für seine umfangreichen und sehr teuren Briefmarkensammlungen wird immer noch genug übrig bleiben.
vonschnitzler 20.09.2016
3. 'die großen'
Zitat von spon-facebook-1293013983Weniger Filialen und die Filets gehen trotzdem an die großen. Das wird dem Wettbewerb ja ungemein geholfen haben ...
Welche kleine hatten denn Interesse? Gibt es in diesem Geschäft überhaupt noch 'Kleine'? Die unrentablen werden geschlossen, die anderen leben weiter - so wäre es bei Edeka gewesen, so wird es sein wenn die Läden an unterschiedliche Betreiber gehen. Möglicherweise sieht Herr Haub in Summe nun weniger Geld aber das wird ihn nicht in den Hunger treiben...
joG 20.09.2016
4. Wieviele Mitarbeiter über die,,.....
...entschieden wird sind Frauen?
oldman2016 20.09.2016
5. Politik soll sich raushalten
Wie weiland bei Schlecker sollte sich die Politik einfach raushalten. Unrentable Geschäfte wird auf Dauer weder EDEKA noch REWE und auch keine Tante Emma betreiben. Wenn die Politik etwas für Arbeitsplätze machen will, soll sie wieder in jedem Dorf Postfilialen eröffnen. Im Gegensatz zu den Lebensmittelkonzernen kann die Deutsche Post nämlich ständig das Briefporto erhöhen und muss dafür noch nicht einmal Mehrwertsteuer dafür abführen. Die Heuchelei der Politiker wird aber leider von der zunehmend senilen und dementen Wählerschaft der sogenannten Volksparteien nicht mehr wahrgenommen.
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