Karrieremesse Deutschlands Firmen hofieren den Nachwuchs

Stundenlang Stellenanzeigen lesen? Wochenlang warten, bis die Firmen auf eine Bewerbung antworten? Für Ingenieure und andere Fachkräfte sind diese Zeiten vorbei: Deutschlands Unternehmen wetteifern um die besten Leute - auf der Hannover Messe umwerben sie selbst Praktikanten und Studenten.

Hannover Messe: Den Besuchern des "Job & Career Market" wird der rote Teppich ausgerollt
dapd

Hannover Messe: Den Besuchern des "Job & Career Market" wird der rote Teppich ausgerollt

Von  , Hannover


Bereits der Empfang ist freundlich. Matthias Hoffmann und seine Kommilitonen werden erst einmal an die Bar geladen. "Muss noch jemand auf die Toilette?", fragt die Messemitarbeiterin. "Wir warten."

Die Namen der Studenten werden auf einer Liste eingetragen. Keiner soll verlorengehen. Denn Matthias und seine Mitstudenten von der Technischen Universität Clausthal sind begehrte Leute: die künftigen Fachkräfte. Die Firmen buhlen um sie - in Deutschland generell, aber vor allem hier auf der Hannover Messe, der größten Industriemesse der Welt.

Den Besuchern des "Job & Career Market" wird in Halle 7 der rote Teppich ausgerollt. In den anderen Messehallen sind die Flure dunkel oder grau, hier jedoch ist der gesamte Bodenbelag in Rot gehalten. Über 50 Unternehmen werben an Ständen um Mitarbeiter.

Matthias geht die Messe entspannt an. Gestern war der 19-Jährige noch feiern, darum hat er sich an der Bar erst mal eine Cola genehmigt. Die Haare sind etwas verwuschelt. Sein Outfit sieht auch nicht nach Bewerbungstermin aus: Karohemd, Jeans und Turnschuhe. Doch ein verplanter Hochschüler ist der junge Mann mit der Brille nicht. Er weiß um seine Aussichten: "Als Ingenieur habe ich immer gute Chancen." Matthias studiert im zweiten Semester Wirtschaftsingenieurwesen und geht jetzt bereits auf die Messe, um zu sehen, was Firmen ihm bieten können. Er interessiert sich für ein Praktikum. In seiner Hosentasche steckt schon ein Blackberry.

"Auch Praktikanten sind wertvolle Mitarbeiter"

Die Messemitarbeiterin führt Matthias und seine Kommilitonen von Stand zu Stand. Bei Areva wartet man auf die Gruppe. Der Atomkonzern, der sich gerade ein Image als Windradhersteller aufbauen will, profitiert vom Boom der erneuerbaren Energien. "Wir müssen die Zahl der Anlagen, die wir errichten, ganz schnell verdoppeln", sagt eine Areva-Mitarbeiterin. "Schon Praktikanten sind wertvolle Mitarbeiter." Wer sich bewerbe, bekomme spätestens nach drei Wochen ein Feedback. Ein Praktikum sei der perfekte Einstieg.

Areva helfe auch bei der Zimmersuche. "Unsere Übernahmemöglichkeiten sind sehr hoch. Schon sechs Monate Berufserfahrung sind in der Branche sehr viel", trommelt die Dame weiter. Matthias steckt einen Prospekt in seine Tasche. "Das ist eher für Maschinenbauer interessant", sagt er. "Ich will lieber ins Controlling oder Projektmanagement."

Ein paar Meter weiter lockt ein Feldjäger im Tarnanzug und mit Schlagstock am Gürtel Besucher auf den Stand der Bundeswehr. "Wir machen hier ein Gewinnspiel", sagt er. Männergrüppchen scharen sich um Militärfahrzeuge. Ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Wehrtechnik will den angehenden Ingenieuren von der TU Clausthal Jobs bei der Armee schmackhaft machen. "Wir gehen nicht wie die Soldaten in einen Auslandseinsatz", sagt er. Stattdessen biete der Bund einen sicheren Beamtenjob mit gutem Gehalt. "Und wenn ich verweigert habe?", fragt einer. "Spielt keine Rolle", sagt der Bundeswehr-Werber. Aber bei Matthias hat er keine Chance. "Das ist auf keinen Fall was für mich", sagt er. "Verbeamtet - da hat man ja keine Aufstiegs- und Wechselmöglichkeit."

"Ingenieure sind rar und hart umkämpft"

Wenn er seinen Master macht, muss Matthias sich spezialisieren. Hüttenwesen interessiert ihn. Er kommt aus dem Ruhrgebiet, vor seinem Studium hat er bereits Praktika in einem Stahlwerk und einem Aluminiumwerk gemacht. Doch auch Energietechnik findet Matthias interessant. Da gebe es ja durch die Energiewende ziemlich gute Möglichkeiten. "Führungskräfte brauchen Ingenieur- und Wirtschaftswissen. Man muss schauen, was technisch möglich ist und was sich wirtschaftlich umsetzen lässt."

Hochtief Solutions hat sich auf den Bau von Windanlagen auf hoher See spezialisiert. 80 neue Stellen will die Firma 2011 besetzen. "Wir suchen ganz dringend", sagt der Mitarbeiter am Firmenstand. Auch Praktikanten seien willkommen. "Es ist unheimlich bereichernd für uns, mit Studenten zu arbeiten." Wer Interesse habe, solle gern zu ihm kommen, "dann können wir über konkrete Positionen sprechen".

Egal, an welchen Stand Matthias und seine Kommilitonen kommen - die Firmen empfangen die Studenten mit offenen Armen. "Ingenieure sind rar und hart umkämpft", sagt Isabel Schneider von BASF. "Talent Ressourcing" nennt der Chemie-Riese die Abteilung, die neue Fachkräfte anwerben soll. Von Naturwissenschaftlern bis hin zu Betriebswirten suche der Konzern, sagt Schneider. Das Besondere an der Hannover Messe sei, dass hier auch Leute mit Berufserfahrung kämen und sich nach neuen Jobs umschauten.

Matthias ist von den BASF-Leuten ganz begeistert. Sie schnappen sich je drei bis vier Studenten getrennt nach Studiengängen und stellen das Unternehmen vor. Sie mache gerade selbst ein Praktikum bei BASF, sagt die junge Frau, die Matthias und drei weitere Studenten berät. Man habe ihr gleich Projekte anvertraut. Etwa 900 bis 1000 Praktikanten nehme der Konzern alleine am Sitz Ludwigshafen. "Wir suchen händeringend."

Der Nachwuchs ist pragmatisch

Matthias ist beeindruckt. "Sie hat sich sehr bemüht, dass wir uns bewerben", sagt er. Allerdings lautet die Devise für ein Praktikum bei BASF: Je länger, desto besser. Damit haben Bachelor-Studenten ein Problem. Er könne sich höchstens vier bis sechs Wochen Zeit für ein Praktikum freischaufeln, sagt Matthias. Denn ein Teil der vorlesungsfreien Zeit ist mit Prüfungen belegt.

Trotzdem ist die Messe für ihn interessant - auch im Hinblick auf seine Bachelorarbeit. Denn die Firmen umwerben Studenten, ihre Arbeit doch bitte im Unternehmen zu schreiben. "Wenn das konkret wird, komme ich bestimmt noch mal auf so eine Messe", sagt Matthias.

Dann macht er sich auf die Suche nach einem weiteren potentiellen Arbeitgeber. Er will den RWE-Stand besuchen. Bisher steht der Energiekonzern eher für Kernkraft, was für Matthias kein Problem ist. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen Atomstrom." Sollte das Unternehmen seinen Kurs jedoch ändern, sieht der junge Mann das ebenfalls pragmatisch: Wenn die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, sagt er, dann könne er sich als Wirtschaftsingenieur auch darauf spezialisieren.



insgesamt 78 Beiträge
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Achim 08.04.2011
1. Arbeitsplätze
Umweltschutz schafft Arbeitsplätze, und Erneuerbare sind eine Zukunftstechnologie. Jetzt, wo das auch die Chefs von Großkonzernen und Kanzleramt merken, müssen sie sich sputen. So was aber auch ...
dipl_arch 08.04.2011
2. Warum ist es bei Architekten nicht so?
Ich habe eine andere Erfahrung gemacht.... Bewerbe mich schon ne Weile in Frankfurt und München jeweils +/- 75km - nix passiert. Anscheinend braucht dort niemand einen entwurfstarken, ideenreichen und doch realistischen Architekten. Falls doch , ich bin für Angebote offen. Grüße :-)
bambule_ 08.04.2011
3. Alles nur Lügen
Ich habe Maschinenbau studiert und weiß aus eigener Erfahrung, dass Ingenieure weder rar noch begehrt sind. Ehemalige Kommilitonen arbeiten bei Sixt oder an der Rezeption drittklassiger Hotels. Sie und ich haben an der Leibniz Uni Hannover studiert. Von Firmen umworben? Für einen Praktikumsplatz musste man mindestens 100 Bewerbungen abschicken. Und wer über keine Beruferfahrung verfügt, drei Fremdsprachen und vier Programmiersprachen perfekt beherrscht kriegt höchstens einen schlecht bezahlten Job in der Zeitarbeitsbranche. Hey Leute, studiert BWL, ist leicht und bringt viel ein. Maschinenbau ist was für Idioten. Ich bin so ein Idiot.
Hador, 08.04.2011
4. Nein, keinen Titel....
Der Artikel geht völlig am Thema vorbei. Studenten im 2. Semester, die sich auf einer Messe über (üblicherweise für wenig bis gar kein Gehalt) Praktika informieren sind eine Sache. Absolventen, die sich um eine Festanstellung bewerben eine andere. Die Situation, die im Artikel beschrieben wird ist beileibe nichts neues. So läuft es schon seit Jahren, selbst während der Wirtschaftskrise wurde man als Student der ein Praktikum sucht auf Messeständen meist mit offenen Armen empfangen. Kommt man aber an und sucht ganz konkret nach einer Stelle, dann gehts halt doch nicht so einfach. Dann läufts wieder den normalen Weg übers Personalbüro, Vorstellungsgespräch, etc. Und wer dort dann im Schlabberlook und ohne Vorbereitung auftaucht hat bei den meisten Firmen, Fachkräftemangel hin oder her, kaum Chancen.
moby17 08.04.2011
5. Die neue Job Lüge
Zitat von sysopStundenlang*Stellenanzeigen lesen? Wochenlang warten, bis die Firmen auf eine Bewerbung antworten? Für Ingenieure und andere Fachkräfte sind diese Zeiten vorbei: Deutschlands Unternehmen wetteifern um die besten Leute - auf der Hannover Messe umwerben sie selbst Praktikanten und Studenten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,755697,00.html
Seltsam, bei uns wird eine Halbtagsstelle im IT Support frei. Dafür haben sich bisher 5 gestandene Elektroingenieure beworben. Vielleicht sucht die Industrie ja Fachkräfte, die für 6,5 € in der Stunde arbeiten. Dieser sogenannte Fachkräftemangel ist doch nur vorgeschoben um billige Arbeitskräfte aus dem Osten rekrutieren zu können.
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