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04. Juni 2013, 07:41 Uhr

Angeschlagene Kaufhauskette

Karstadt-Eigner Berggruen rechnet mit Ver.di ab

Nicolas Berggruen hat lange geschwiegen - jetzt wehrt sich der Karstadt-Investor gegen die scharfe Kritik an seinem Management. Ver.di-Funktionäre kämpften bei Karstadt nur um ihre eigene Macht, sagt er.

Berlin - In Hamburg gehen heute wieder Karstadt-Mitarbeiter auf die Straße. Ihr Ziel: Investor Nicolas Berggruen davon überzeugen, weiter Tariflöhne zu zahlen.

Doch Berggruen gibt sich uneinsichtig - und attackiert die Gewerkschaft Ver.di. "Wenn ich nicht eingestiegen wäre, dann gäbe es Karstadt heute nicht mehr. Das vergessen viele Leute immer wieder", sagte er vor einem an diesem Dienstag geplanten Besuch der Essener Konzernzentrale der "Bild"-Zeitung. Er habe wie versprochen die Gehälter inzwischen wieder auf das Niveau vor der Pleite gebracht, weitere Erhöhungen seien wegen der Sanierung aber für die nächsten zwei Jahre unmöglich.

Der Investor hatte dem Konzern eine zweijährige Tarifpause für seine "vollständige Gesundung" verordnet, mit der drohende Mehrbelastungen in Millionenhöhe abgewendet werden sollen. Ver.di will jedoch erreichen, dass die 20.000 Mitarbeiter an kommenden Tariferhöhungen der Branche teilhaben. Um den Druck zu erhöhen, soll es in den nächsten Tagen weitere Streiks geben, nachdem am Montag nach Gewerkschaftsangaben bereits rund 450 Beschäftigte in Hamburg die Arbeit niedergelegt hatten. Ver.di fordert auch höhere Investitionen Berggruens.

Manche Kritik der Gewerkschaft ärgere ihn, so Berggruen in dem Interview. "Die Ver.di-Funktionäre kämpfen gerade bei Karstadt nur um ihre eigene Macht als Gewerkschaft auf Kosten der Belegschaft. Das ist nicht in Ordnung." Und weiter: "Mit meinem Einstieg dachten viele, Karstadt sei damit gerettet. Aber das war natürlich erst der Beginn der Rettung, nicht ihre Vollendung."

"Ich habe nicht gewusst, wie krank Karstadt wirklich war"

Er stehe aber bereit, frisches Geld mitzubringen, wenn es helfen würde, sagte Berggruen weiter. Die Probleme bei der Kaufhauskette habe er bei der Übernahme unterschätzt. "Ich habe nicht gewusst, wie krank Karstadt nach 20 Jahren Missmanagement wirklich war", sagte Berggruen. Das Unternehmen hinke in vielen Bereichen hinterher, etwa bei den Einkaufssystemen. Gleichwohl glaube er fest an Karstadt. "Das Unternehmen wird die Wende hinbekommen." Management und Mitarbeiter machten einen guten Job. "Aber eine Sanierung ist immer ein langer Weg und wir haben erst ungefähr die Hälfte hinter uns." Der Personalabbau sei aber weitgehend abgeschlossen.

Dem "Tagesspiegel" sagte Berggruen, die Zusammenkunft der Geschäftsführung am Dienstag in Essen sei kein Krisentreffen. Berggruen wies der Zeitung zufolge damit Vermutungen zurück, das Treffen sei kurzfristig wegen einer schlechten Umsatz- und Ergebnisentwicklung anberaumt worden. Zu Vorwürfen, Karstadt wolle Mitarbeitern Lohn vorenthalten und deshalb aus der Tarifbindung ausstiegen, sagte er, das Unternehmen habe die Löhne im vergangenen Jahr um etwa acht Prozent angehoben. Jetzt wolle man eine Tarifpause für zwei Jahre. Niemandem werde etwas weggenommen, alle Gehälter blieben auf dem jetzigen Niveau.

yes/Reuters/dpa

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