Warenhauskonzern in der Krise Karstadt-Manager verschicken Durchhalte-Appell

Bangen bei Karstadt: Fast zwei Dutzend Warenhäusern droht das Aus. Die übrigen 60 Filialen erwirtschaften allerdings Gewinne. Bleibt nach dem schmerzhaften Schrumpfen also ein profitabler Konzern? Experten warnen vor zu viel Optimismus.

Karstadt-Filiale in Hamburg: "Alles muss auf den Prüfstand"
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Karstadt-Filiale in Hamburg: "Alles muss auf den Prüfstand"

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Hamburg - Noch immer sind die meisten der 17.000 Karstadt-Mitarbeiter vom Rücktritt ihrer Chefin Eva-Lotta Sjöstedt schockiert - an diesem Dienstag hat die Restspitze des Warenhauskonzerns ihnen einen Brief geschrieben. Zuversicht wird das Schreiben jedoch kaum verbreiten, auch wenn die Geschäftsführer Kai-Uwe Waitz und Miguel Müllenbach in den ersten Zeilen beteuern, Karstadt sei "auf dem richtigen Weg und keinesfalls chancenlos" - "wenn wir jetzt zusammenhalten und die erforderlichen Maßnahmen so schnell und so gut wie möglich umsetzen".

Dass diese "Maßnahmen" vielen Mitarbeitern wie ein Horrorkatalog aus Streichen, Schließen, Sparen erscheinen werden, machen die folgenden Zeilen unmissverständlich klar: Von einer "entschlossenen und schnellen Sanierung" ist da zu lesen und von "einschneidenden und schmerzhaften Maßnahmen". "Um Karstadt zu retten, muss alles auf den Prüfstand", schreiben Waitz und Müllenbach, Tabus bei der Sanierung könne sich der Konzern nicht leisten, weder "in der Hauptverwaltung, noch bei der Logistik oder in einzelnen Filialen." (Hier finden Sie eine Abschrift des Mitarbeiter-Briefs im PDF-Format)

Solche Blut-Schweiß-und-Tränen-Appelle mussten die Karstadt-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren immer wieder über sich ergehen lassen. Eine Passage in dem Schreiben macht jedoch stutzig. Darin werden im Prinzip Informationen des SPIEGEL bestätigt, wonach 23 der 83 Warenhäuser des Konzerns Verluste erwirtschaften - die Karstadt-Chefs sprechen von rund einem Viertel der Filialen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Immerhin 60 Häuser arbeiten profitabel.

Schließung kostet mindestens 100 Millionen Euro

Angesichts der kollektiven Abgesänge auf die deutsche Handelsikone Karstadt erscheint das als überraschend ermutigender Befund: Das Management müsste, so scheint es, lediglich die vergleichsweise wenigen Verlustbringer schließen, dazu noch die Zentrale und die Logistik entsprechend verkleinern - und übrig bliebe ein zum ersten Mal seit vielen Jahren profitabler und angesichts der verbleibenden Masse zukunftsfähiger Konzern. Dass dies auch die Strategie des Managements ist, macht ein Interview von Aufsichtsratschef Stephan Fanderl in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" deutlich, in dem der Kontrolleur kaum verklausuliert die Schließung von mehr als 20 Häusern ankündigte.

Doch so einfach dürfte das kaum werden, warnt der ehemalige Karstadt-Manager Gerd Hessert. Das beginne bereits damit, dass es sehr teuer ist, ein unrentables Haus zu schließen: Mitarbeitern stehen Abfindungen zu, zudem gelten für viele Häuser langjährige Mietverträge. Selbst wenn ein Vermieter Karstadt weit entgegenkommen würde, koste die Schließung eines Hauses fünf bis zehn Millionen Euro, schätzt Hessert, der inzwischen an der Universität Leipzig Handelsmanagement lehrt.

Insgesamt kämen so bei 20 Häusern mindestens hundert Millionen Euro zusammen - Geld, das der Konzern schlicht nicht hat. Bereits jetzt schrammt Karstadt an der Grenze von 100 Millionen Euro an flüssigen Mitteln. Zudem ist überhaupt nicht sicher, dass die Vermieter großartige Zugeständnisse machen werden. Zwar residiert Karstadt gerade in Großstädten in erstklassigen Lagen, für die sich im Handumdrehen neue Mieter finden. Doch exakt jene Häuser sind auch die profitabelsten.

Kein Investor in Sicht

Die Verlustbringer finden sich hingegen gerade dort, wo vom Immobilienboom nichts zu spüren ist. Für das Karstadt-Haus im schleswig-holsteinischen Neumünster etwa dürfte es kaum Interessenten geben - schon gar nicht, wenn wie dort in der Nähe gerade ein 145 Millionen Euro teures hochmodernes Einkaufszentrum gebaut wird.

Auch die Hoffnung, dass der mit Karstadt verbandelte österreichische Immobilienunternehmer René Benko dem Konzern aus Eigeninteresse entgegenkommt, ist trügerisch - allein schon, weil Benkos Signa-Gruppe lediglich 18 der Karstadt-Immobilien gehören. Hesserts Resümee ist bitter: "Aus den Reserven und den laufenden Einnahmen kann Karstadt die Schließungen nicht bezahlen."

Doch selbst wenn es gelänge, glaubt der Handelsexperte nicht an ein profitables Rest-Karstadt mit 60 Häusern: "In einigen Jahren stehen dann die Häuser auf der Schließungsliste, die jetzt gerade noch so Gewinne machen." Grund sei unter anderem der Siegeszug des Online-Handels. Nötig sei daher ein Konzept mit noch weniger Häusern ausschließlich in Spitzenlagen von Großstädten sowie eine stärkere regionale Ausrichtung - und in jedem Fall ein finanzstarker strategischer Investor.

Doch der ist nicht in Sicht: Noch-Inhaber Nicolas Berggruen hat deutlich gemacht, dass von ihm kein Geld zu erwarten ist. Das war auch der Grund für den frustrierten Abgang Sjöstedts. Geschäftspartner Benko hat offenbar auch kein Interesse, ebenso wenig die internationale Konkurrenz. Und für die Metro-Tochter Kaufhof hat es wohl nur Sinn, auf eine erneute Insolvenz von Karstadt zu warten und sich dann einige Filetstücke zu sichern.

"Die Betriebsform Warenhaus hat eine Zukunft", beschwören die Karstadt-Chefs ihre Mitarbeiter am Ende ihres Briefs. Für den traditionsreichen Warenhauskonzern scheint das alles andere als sicher.



insgesamt 21 Beiträge
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HankTheVoice 15.07.2014
1. Keine Geschenke der Angestellten mehr
Karstadt hat in der Vergangenheit oft die Angestellt gebeten auf Gehalt oder Urlaub zu verzichten. Als Angestellter würde ich dem Konzern nun keine Sekunde mehr schenken.
ingenör79 15.07.2014
2. An einer Insolvenz
wird wohl kein Weg vorbei gehen. Habe schon lange nichts mehr bei Karstadt gekauft.
m.schrader 15.07.2014
3.
Zitat von HankTheVoiceKarstadt hat in der Vergangenheit oft die Angestellt gebeten auf Gehalt oder Urlaub zu verzichten. Als Angestellter würde ich dem Konzern nun keine Sekunde mehr schenken.
eben, auf Grund der hoffnungslosen Lage landen die sowieso beim Arbeitsamt!
criticalsitizen 15.07.2014
4. Weshalb nicht rückwirkend Verträge annulieren?
wie z.B. die Abspaltung der Immobilien?
werjor 15.07.2014
5. Goodbye 1900er
Diese Läden sind genauso ein Anachronismus wie Otto-Versand, Quelle und Neckermann. Heutzutage gehen Frauen in Boutiquen shoppen, Elektronik wird bei MediaMarkt und Saturn gekauft, CDs/DVDs und Bücher bei Amazon, Haushaltsgeräte beim Fachhändler die großen Warenhäuser braucht keiner mehr.
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