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06. März 2013, 18:27 Uhr

EU-Strafe für Microsoft

Machtlos gegen die Web-Giganten

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Die Kartellstrafe gegen Microsoft kommt zu spät: Manche Konkurrenten sind längst pleite, andere haben die Marktdominanz des Software-Riesen aus eigener Kraft gebrochen. Der Fall zeigt, wie ohnmächtig die Wettbewerbshüter gegenüber der Dynamik der IT-Märkte sind.

Hamburg - Die Kartellstrafe gegen Microsoft ist das Ende einer Saga, die sich über einen fast epischen Zeitraum erstreckt hat. 561 Millionen Euro Strafe hat die EU-Kommission dem IT-Konzern am Mittwoch aufgebrummt, weil er sich auf dem Markt der Internet-Browser wettbewerbswidrig verhalten hatte.

Begonnen hat diese Geschichte, da waren Computer noch zahnsteinfarbene Türme, Handys waren Plastikknochen mit unförmigen Tasten, und manche Menschen gingen mit einem Kasten ins Internet, der sich über die Telefonleitung einwählte und dabei komische Geräusche machte.

Mitte der neunziger Jahre startete der Microsoft-Konzern mit seinem Browser, dem Internet Explorer, einen brutalen Verdrängungswettbewerb und machte den Konkurrenten Netscape platt. Ab 2004 erstarkten neue Konkurrenten: Firefox, Opera, Google Chrome. Der Microsoft-Konzern hielt die Emporkömmlinge auf Distanz, indem er auf seinem alles dominierenden Betriebssystem Windows ab Werk den eigenen Browser vorinstallierte.

Ab 2009 ging die EU-Kommission dagegen vor. Drohte mit hohen Strafen. Ließ Microsoft zwischenzeitlich wieder vom Haken, unter der Auflage, dass alle Windows-Nutzer ihren Browser per Wahlmenü selbst festlegen. Eröffnete das Verfahren erneut, weil das Menü bei 15 Millionen der insgesamt rund 670 Millionen verkauften Exemplare von Windows 7 fehlte. Und bestraft Microsoft nun dafür.

Späte Gerechtigkeit

Die abschreckende Wirkung dieser Strafe ist begrenzt. Die 561 Millionen Euro für das Bußgeld verdiente der Software-Gigant im Winterquartal 2012 in ungefähr anderthalb Wochen. Doch angesichts des recht kleinen Verstoßes haben die Kartellwächter durchaus hart durchgegriffen. Das mussten sie auch. Es hätte sie sonst niemand mehr ernst genommen.

Das Hauptproblem ist ein anderes. Das Urteil kommt reichlich spät. Zu einer Zeit, in der das internetfähige Handy mehr Rechenpower hat als das PC-Monster unterm Tisch. In der Internetnutzer darüber sinnieren, wie sich die internetfähige Brille, die Google entwickelt, beim Flirten einsetzen lässt. In der Verteilungskämpfe auf dem Browser-Markt nicht mehr das vordringliche Problem sind. Und in der Microsofts Übermacht ohnehin passé ist.

In aktuellen Schätzungen zu Marktanteilen auf dem europäischen Browser-Segment liegt Google Chrome mit rund 35 Prozent auf Platz eins, gefolgt von Firefox mit 28 Prozent; Microsofts Internet Explorer belegt mit 23 Prozent den dritten Platz. Die Konkurrenz hat es aus eigener Kraft geschafft, dem Software-Riesen Marktanteile abzutrotzen. Einbußen durch Wettbewerbsnachteile musste sie trotzdem erdulden.

Die Strafe der EU-Kommission ist also nicht umsonst gewesen. Sie ist eben nur eine sehr späte Form der Gerechtigkeit. Und sie zeigt, wie machtlos die Wettbewerbswächter gegen die Dynamik der IT-Märkte sind.

Begrenzte Macht

Das Marktforschungsunternehmen Gartner schätzt, dass sich der Verkauf von Handy-Apps im laufenden Jahr zu einem Weltmarkt mit einen Volumen von 25 Milliarden Dollar entwickeln wird. Vor fünf Jahren gab es ihn noch nicht. Für das Tempo solcher Märkte sind die Wettbewerbsbehörden einfach nicht gewappnet. Wenn sie wirklich jemanden schützen müssen, versagen sie regelmäßig.

Beispiel Chip-Industrie: Als Europas Wettbewerbshüter 2009 gegen Intel ein Rekordbußgeld von 1,06 Milliarden Euro verhängten und auch das US-Kartellamt sich den IT-Konzern vorknöpfte, hatte Intel die Konkurrenz bereits zerquetscht. Intels Weltmarktanteil lag damals bei mehr als 80 Prozent, Hauptkonkurrent AMD bei 17 Prozent, andere Hersteller bewegten sich unter der Wahrnehmungsschwelle.

Beispiel Suchmaschinen: Unternehmen, die mit bestimmten Google-Produkten konkurrieren, werden womöglich seit Jahren bei der Anzeige von Suchergebnissen benachteiligt. Die EU-Kommission geht einer entsprechenden Beschwerde nach. US-Kartellwächter sprachen Google kürzlich von dem Vorwurf frei. Die EU-Kommission indes droht mit Strafen. Sie will diesen Sommer entscheiden.

Sollte sie zu dem Ergebnis kommen, dass die Vorwürfe gerechtfertigt sind, hätten zahlreiche Firmen seit Jahren Mindereinnahmen hinnehmen müssen. Das britische Unternehmen Foundem hatte bereits 2010 umfangreiches Datenmaterial an die EU-Kommission geschickt. Aus dem geht angeblich hervor, dass Google Konkurrenten bei manchen seiner Suchergebnisse den Platz raube. Schon seit 2007. Mindestens.

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