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02. August 2012, 15:01 Uhr

Kampf gegen die Saatgutindustrie

Der Kartoffel-Krieger

Von , Barum

Karsten Ellenberg kämpft gegen die Übermacht der Saatgutkonzerne. 2009 rettete der Züchter die Kartoffelsorte Linda, inzwischen gilt er als Symbolfigur einer neuen Bauernmacht. Besuch bei einem Mann, der sich mit der Bio-Nische nicht zufriedengibt.

Der Kartoffel-Rebell ist ein eher gemütlicher Typ. Bedächtig schildert Karsten Ellenberg die Geschichte seines Kampfs für die Kartoffel Linda und gegen die Saatgut-Industrie. Vom Aussehen her erinnert der Bio-Bauer ein wenig an den Schlagersänger Howard Carpendale. Man versteht, warum Ellenberg oft unterschätzt wurde. Ein Fehler, den inzwischen niemand mehr macht.

Als er 1996 begann, Kartoffeln zu züchten, rieten ihm Bekannte, sich doch lieber noch einen richtigen Job zu suchen. Die Herstellung von Pflanzgut, so heißt das Saatgut bei Kartoffeln, tauge doch allenfalls als Nebenerwerb. Heute arbeiten zehn Menschen auf Ellenbergs Hof in der Lüneburger Heide. Er vertreibt seine Knollen europaweit. Sogar eine Expansion nach China sei geplant.

Bis es so weit war, musste der Kartoffelbauer einige Kämpfe ausfechten. Vor einigen Jahren rettete er die beliebte Kartoffel Linda, die der Hersteller vom Markt nahm, weil sie kein Geld mehr brachte. Er überstand zahlreiche Anzeigen von Zuchtunternehmen, die seinen Ökoanbau für illegal hielten. Ellenberg ließ sich nicht beirren. Inzwischen steht er mit seinem Betrieb "Kartoffelvielfalt" für ein neues Selbstbewusstsein der deutschen Bauern. Wie er wehren sich immer mehr Landwirte gegen die Saatgutindustrie. Sie beenden ihre Abhängigkeit von den Konzernen - und setzen auf eigene Vertriebswege und eigenes Saatgut.

Einen wichtigen Etappensieg konnten die Agrar-Rebellen Mitte Juli feiern. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) legte fest: Bauern dürfen Saatgut aus alten, amtlich nicht zugelassenen Pflanzensorten selbst herstellen und vermarkten. Ellenberg freut sich über das Urteil, auch wenn es eigentlich nur eine Ausnahmeregel aus dem Jahr 2009 bestätigt. "Uns stärkt die Entscheidung", sagt der Züchter. "Sie ist ein Schritt zu mehr Freiheit auf dem Markt."

Und das sei bitter nötig. 67 Prozent des Saatguts weltweit werden von Konzernen wie Bayer, Monsanto und Syngenta kontrolliert. Denn die Zulassung neuer Sorten ist aufwendig und teuer, kleine Anbieter können sich das Verfahren selten leisten, Großunternehmen schon. Die neuen Sorten sind nach der Anerkennung für 30 Jahre geschützt. In dieser Zeit darf der Hersteller für sie Gebühren kassieren. Das findet Ellenberg in Ordnung, die Unternehmen sollen ihre Investitionen wieder reinholen. Doch was nach den 30 Jahren Sortenschutz passiert, darüber ist er komplett anderer Meinung als die großen Zuchtunternehmen. "Dann gehören die Pflanzen der Allgemeinheit, jeder muss sie züchten dürfen. Es kann doch nicht sein, dass sie vom Markt verschwinden, nur weil die Industrie keinen Gewinn mehr mit ihnen macht."

Die Zuchtunternehmen argumentieren dagegen, neue Sorten seien schlicht besser. Sie brächten mehr Ertrag und seien widerstandsfähiger gegen Bakterien und Fäule. Eine Freigabe der Sorten würde dagegen dazu führen, dass jeder Landwirt das Saatgut herstellen könnte - was zu minderer Qualität führe.

Dieser Streit führte fast zum Verschwinden der Kartoffel Linda. 2004 lief der Sortenschutz aus, der Hersteller Europlant nahm die Pflanze aus dem Handel. Landwirte und Verbraucher waren empört, eine der beliebtesten Knollen sollte auf einmal nicht mehr gut genug sein. Ellenberg stellte sich an die Spitze der Protestbewegung. Als sich abzeichnete, dass die deutschen Behörden Linda keine Zulassung geben würden, ging er einfach nach Großbritannien. Dort wurde die Kartoffel zwei Jahre auf Ertrag, Widerstandsfähigkeit und Geschmack geprüft und im Jahr 2009 schließlich zugelassen. Ellenberg kam die Rechtslage in der Europäischen Union zugute: Da in Deutschland nicht verboten sein darf, was in einem anderen Mitgliedsland erlaubt ist, durfte er die Linda auch hierzulande wieder anbauen. "Was für ein Glück, dass es die EU gibt, oder?", fragt Ellenberg und grinst.

"Das Wissen ist verloren gegangen"

Mittlerweile baut er 170 Kartoffelsorten an, 37 stehen zum Verkauf - darunter die Blaue Anneliese und die Rosemarie. Wie ihr Name schon sagt, sind diese Knollen nicht klassisch gelb, sondern blau und rosa. Ellenberg führt stolz durch sein Reich, ein kleines Labor samt Kühlraum sowie ein daneben gelegenes Gewächshaus. "Früher haben viele Landwirte ihre eigenen Kartoffeln gezüchtet", erzählt er beim Rundgang. "Doch das Wissen ist mit der Zeit verloren gegangen." Er spüre jedoch, dass das Interesse bei den Bauern wieder zunehme. "Viele sind unzufrieden mit dem Standardsortiment der Industrie. Die neuen Sorten unterscheiden sich kaum noch im Geschmack, bei den alten Knollen gibt es dagegen eine große Bandbreite."

Tatsächlich machen bereits die Namen auf Ellenbergs Sortenliste einiges her. Da gibt es die Bamberger Hörnchen, eine "festkochende, hörnchenförmige Knolle mit würzigem Geschmack". Oder den Naglerner Kipfler, eine österreichische Sorte, "cremiger Geschmack, geeignet als Salat- und Pellkartoffel". Auch beliebt bei Hobbygärtnern und Verbrauchern: der Reichskanzler, eine mehlige Kartoffel mit fast weißem Fleisch, geeignet zum Beispiel für Kartoffelbrei.

Derzeit herrscht Waffenstillstand

Knollen-Krieger Ellenberg hat viele Schlachten geschlagen. Verbittert ist er darüber nicht geworden. Er wettert nicht über gnadenlose Geschäftemacher oder den Preisdruck durch die Schnäppchenmentalität der Verbraucher. Ellenberg ist kein Revolutionär. Er erscheint vielmehr wie ein Grübler, der sich in seinem winzigen Labor Gedanken macht, wie das alles weitergeht. "Die Gefahr bei der industriellen Landwirtschaft ist doch, dass wir einen Einheitsbrei bekommen", sagt er. "Wenn alle das Gleiche anbauen, dann gibt es irgendwann nur noch zehn verschiedene Sorten Kartoffeln." Ellenberg verzieht das Gesicht.

Immerhin, die Industrie lasse ihn derzeit in Ruhe, erzählt er. Solange er in seiner kleinen Nische bleibe, hätten die großen Anbieter kein Problem mit ihm. Das könne sich aber schnell ändern. Dann nämlich, wenn der Markt der alten Sorten so groß wird, dass die Konzerne ihren Einfluss schwinden sehen.

Er wünscht sich, dass die EU-Kommission nun auch noch die Obergrenzen für die alten Sorten kappt. Denn derzeit gilt die Ausnahmeregel nur für kleine Mengen, maximal 0,3 Prozent der gesamten Anbaufläche einer Pflanze darf eine alte Sorte ausmachen.

Das reicht für Linda schon nicht mehr aus. Von der "Kartoffel des Jahres 2007" werden inzwischen wieder mehrere tausend Tonnen pro Jahr geerntet.

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