Görlitz Neustart für das schönste Kaufhaus Deutschlands

Einst war es Deutschlands schönstes Warenhaus, zuletzt nur noch Filmkulisse. Doch jetzt soll das Jugendstil-Kaufhaus in Görlitz neu eröffnen - ausgerechnet in einer der ärmsten Städte Deutschlands.

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Dort, wo Corinna Schneider noch vor wenigen Wochen Parfum verkauft hat, liegen nun dreckige Lappen und ein altes Rohr. "Hier war der Laden", sagt Schneider und läuft die Umrisse auf dem staubigen Plastikfußboden ab. "Im Winter war es kalt, zuletzt war es auch oft schmutzig." Aber Corinna Schneider wollte nirgendwo anders arbeiten. Schon als Kind kam sie hierher, ins Görlitzer Kaufhaus.

1913 wurde das Kaufhaus eröffnet. Ein mit Jugendstilornamenten bemaltes Glaskuppeldach überspannt den Lichthof. Zwei riesige Kronleuchter in der Eingangshalle wecken Ballsaal-Assoziationen. Eine Freitreppe führt nach oben. Treppenbögen verbinden die Verkaufsgalerien im zweiten und dritten Geschoss. Was das legendäre Warenhaus Wertheim für Berlin war, sollte das Kaufhaus Görlitz für die Oberlausitz sein. Wertheim wurde im Krieg zerbombt, das Warenhaus in Görlitz steht bis heute, eines der besterhaltenen im Jugendstil.

Doch nun liegt eine dicke Staubschicht wie ein Tuch auf den Kronleuchtern und elegant geschwungenen Treppengeländern. Farbe blättert von den Decken. Eine Schubkarre steht im Lichthof, an vielen Stellen ist der Boden herausgerissen. Corinna Schneider macht dieser Anblick froh. Hier wird gebaut. Endlich passiert was.

Der Unternehmer Winfried Stöcker hat das Gebäude im Sommer 2013 gekauft. Etwa 20 Millionen Euro werde das Projekt wohl kosten, sagt er. Stöcker ist in der Oberlausitz geboren und kaufte in seiner Kindheit im Kaufhaus ein. Heute lebt Stöcker in Lübeck, wo er ein Medizintechnikunternehmen gegründet hat. Die Firma hat auch einen Standort in der Umgebung von Görlitz. "Ich bin froh, wenn ich etwas dazu beitragen kann, den Menschen in der Region Mut zu machen", sagt der Unternehmer. Mit Nostalgie habe sein Engagement aber nichts zu tun, sagt er. "Das ist kein Liebhaberprojekt. Das Haus muss laufen."

Gerade mal 55.000 Einwohner hat Görlitz, hinzu kommen 32.000 im benachbarten polnischen Zgorzelec. Stöcker hat sich fest vorgenommen, sie in sein Kaufhaus zu locken. "Das wird funktionieren. Keine Sorge. Wesentlich ist die langfristige Perspektive."

Die Stadt als Kulisse

Doch die Rahmenbedingungen sind auf den ersten Blick ernüchternd: Görlitz hat eine Arbeitslosenquote von zwölf Prozent, der Landkreis ist Schlusslicht bei der Kaufkraft in Deutschland, viele Einheimische ziehen gen Westen. Wenigstens kommen Touristen in die sächsische Stadt. Denn der wirtschaftliche Abstieg ist Görlitz auf den ersten Blick nicht anzusehen. Die Bomben haben die Stadt im Zweiten Weltkrieg verschont. Nach der Wende wurde liebevoll restauriert. Gotik, Renaissance, Gründerzeit, Jugendstil - Bauten der unterschiedlichsten Epochen sind erhalten geblieben.

Diese Kulisse nutzen auch Filmemacher. Wes Anderson drehte im leerstehenden Kaufhaus seinen Film "Grand Budapest Hotel". Und die Straßen von Görlitz dienten für viele Historienstreifen als Hintergrund. Wer durch die Pflastersteingassen geht, vorbei an den sorgfältig restaurierten Häusern, den beschleicht das Gefühl, er spaziere durch eine Kulisse. Die Straßen sind oft menschenleer, und alles ist so adrett, dass die Stadt wie ein Museum wirkt. Und im Zentrum das verlassene Kaufhaus.

Nach der Wiedervereinigung übernahmen Karstadt und Hertie das Haus. Doch Hertie ging pleite, und das Kaufhaus wurde 2009 geschlossen - allerdings nicht ganz. In einer Ecke der großen Eingangshalle, links neben der Tür, hielt Corinna Schneider mit ihrem Team für die Parfümerie Thiemann als letzter Mieter vier Jahre lang allein die Stellung. "Es war ein komisches Gefühl. Innerhalb von zwei bis drei Monaten wurde das Haus immer leerer", erinnert sie sich an den Auszug von Hertie. Stammkunden hielten der Parfümerie die Treue, Touristen kauften ein oder kamen einfach nur vorbei, um die Glaskuppel und die Kronleuchter zu bestaunen.

Nur ausgesuchte Ware soll ins Kaufhaus

Als Jürgen Friedel die Eingangshalle erstmals betrat, war für ihn klar: Er übernimmt die Projektleitung für den Wiederaufbau. Eigentlich ist der Bauingenieur Flughafenplaner. Jetzt will er zeigen, dass er auch Kaufhaus kann. Sein Ziel: Eröffnung im Oktober 2015.

Bauarbeiter entkernen das Gebäude bereits. Zwischenwände und der Boden werden herausgerissen. Moderne Haustechnik, eine Klimaanlage und neue Fenster sollen eingebaut werden - ohne das Gebäude zu verschandeln.

Projektleiter Friedel steigt in den dritten Stock des Kaufhauses. "Das haben wir als Prototyp extra für das Gebäude anfertigen lassen", sagt er und deutet auf ein Fenster mit grünen Metallsprossen. Es sieht dem historischen Holzfenster direkt daneben zum Verwechseln ähnlich. Selbst Denkmalschützer seien zufrieden, berichtet Friedel.

Ramschware möchte er im Kaufhaus nicht haben. Ausgesuchte Mode, hochwertige Lebensmittel und Produkte aus der Region sollen auf 6500 Quadratmetern verkauft werden. Über eine Brücke spaziert man in Görlitz über die Neiße in die polnische Nachbarstadt Zgorzelec. Auch von dort will Friedel betuchte Kunden anlocken. Doch werden die Görlitzer, von denen viele eher schlecht verdienen, hier wirklich einkaufen? Und wie bekommt man Touristen dazu, nicht nur durchs Kaufhaus zu schlendern, sondern auch Geld dazulassen?

Das Haus habe immer schwarze Zahlen geschrieben, es sei eben nur in den Strudel der Warenhaus-Pleite geraten, sagt Friedel. Manche Pläne wurden allerdings schon wieder begraben. Anfangs kursierten beim Thema Mode ausschließlich Namen wie Gucci und Prada. "Wir tendieren jetzt eher in Richtung der Liga von Hugo Boss", sagt Friedel. "Edle Mode mit bester Qualität zu bezahlbaren Preisen, aber natürlich ebenso Exquisites und interessante Angebote", beschreibt er das Motto. "Für jeden soll etwas dabei sein."

Experte gibt dem Projekt eine Chance

Friedels Team knüpft Beziehungen nach Polen. Hoteliers dort sollen ihren Gästen Busausflüge ins Kaufhaus anbieten. Mindestens jeder zweite Angestellte soll Polnisch können. Auf einer Aussichtsterrasse sollen die Kunden Sekt schlürfen, Frauen ihre gelangweilten Begleiter in einem "Männerland" parken, wo sie mit Autozeitschriften und Bier vom Fass bei Laune gehalten werden.

Mit solchen Ideen sieht auch der Einzelhandels-Experte Manuel Jahn vom Beratungsunternehmen GfK Erfolgsaussichten für das Görlitzer Projekt. "In einer Stadt wie Görlitz kann man ein Waren- oder Textilkaufhaus nicht als Standardfiliale aus einem entfernten Hauptquartier führen", sagt er. Vielmehr komme es auf den erfahrenen Betreiber an, der sich mit den regionalen Bedingungen und Bedürfnissen auseinandersetzt und ein passgenaues Konzept entwirft. Erfolgreiche Beispiele für solche mittelständische Unternehmer gebe es in Deutschland viele.

Wichtig sei ein lokales Netzwerk. Mit Events müsse man Kunden anlocken, den Fokus unbedingt auf Mode legen. Etablierte Marken, eine Vorauswahl und gute Beratung seien wichtig. "Die Leute müssen das finden, was online oder in großen Warenhäusern in der Masse des Angebots untergeht", beschreibt Jahn den Ansatz. Eine Durchhaltephase von zwei bis vier Jahren müsse Investor Stöcker schon mitbringen, meint der Konsumforscher. "Aber das Jugendstil-Kaufhaus bietet einen guten Anker. Die Menschen suchen nach der guten alten Zeit - und Görlitz bietet die Kulisse."

Wenn das Kaufhaus neu eröffnet, dann will auch Corinna Schneider wieder mit der Parfümerie ins Erdgeschoss ziehen.



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kraichgau12 21.06.2014
1. ernüchternd...
eine Gesellschaft,die seit den 50ern nichts wesentliches mehr geleistet hat,sondern nur vom Bestand lebt,rafft nun die letzten wirklich wertvollen Überbleibsel einer besseren Zeit zum Zwecke des Konsums dahin.... wundert sich wirklich jemand,wenn die eingeborene Bevölkerung mit diesen mamon gläubigen in wirtschaft und gesellschaft nicht mehr indentifizieren kann? wie krank muss man sein,in dem aermsten Landkreis der Republik ein Nobelwarenhaus eröffnen zu wollen, das polen anziehen soll? die lohnkonkurrenz kommt auch von da nein,wenn das ganze gebäude(hier rede ich nciht von diesem tollen bau) implodiert,sage bitte keiner,er waere überrascht
laermgegner 21.06.2014
2. Eine gute Nachricht für die Region !
Solche Entscheidungen sind überfällig, damit wieder Leben in die Städte kommt. Die schlesische Stadt hat viel bauliches zu bieten- aber was soll die Bemerkung zum Planer - der nur Flughafen kann ? BER ist da nicht ! Ich freue mich jedenfalls, dass die Wurzeln der Geschichte wieder Leben erhalten !
Zappa_forever 21.06.2014
3. Toi,toi,toi!
Ich war selber vor rund 15 Jahren in Görlitz und dem Kaufhaus. Faszinierender Bau. Ich wünsche dem Projekt jeden Erfolg - und der wunderschönen Stadt und der eben so schönen Region auch. Es wäre ein Jammer wenn da nicht einmal Schwung reinkäme!
Oscar Madison 21.06.2014
4. Wahrlich eine Perle
Diese Stadt ist wirklich einmalig. Zu Recht bezeichnen sie viele als schönste Stadt Deutschlands. Ich danke Herrn Stöcker, dass er den Mut und den Durchhaltewillen hat, in meiner alten Heimatstadt so etwas Wichtiges zu bewegen. Und ich hoffe, dass die alten Görlitzer ihre jahrzehntelang gehegten Vorurteile gegen die polnischen Nachbarn (und Mitbewohner) langsam aufgeben. Nur zusammen kann diese geteilte Stadt an der Neiße wirtschaftlich wachsen und blühen. Übrigens ist Görlitz von Dresden aus unter einer Stunde Fahrzeit zu erreichen. Von Berlin sind es knapp 3 Stunden.
koxo 21.06.2014
5. Viel Glück!
Ich war zu Hertie-Zeiten in dem schönen Haus und habe es damals als Ramschladen empfunden. Das Konzept des neuen Investors könnte erfolgreicher sein - es ist ihm jedenfalls zu wünschen.
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