KfW-Studie Deutsche machen sich vor allem aus Verzweiflung selbständig

Es klingt paradox: Mitten in der Rezession gründeten die Deutschen 2009 wieder mehr Unternehmen. Doch der Trend zur Selbständigkeit lässt sich auch auf die Verzweiflung vieler Arbeitsloser zurückführen. Sie sehen schlichtweg keinen anderen Ausweg mehr.

Förderbank KfW: Ein Viertel der Neugründungen verschwindet spätestens nach drei Jahren
dpa

Förderbank KfW: Ein Viertel der Neugründungen verschwindet spätestens nach drei Jahren


Frankfurt am Main - Zum ersten Mal seit 2003 haben im vergangenen Jahr wieder mehr Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Das geht aus einer Studie der Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hervor. Insgesamt gründeten 872.000 Menschen ein Unternehmen. Dies entspricht einem Zuwachs um zehn Prozent im Vergleich zu 2008.

Der Anstieg ist laut Studie zu großen Teilen auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. So war jeder fünfte Unternehmensgründer zuvor arbeitslos. In der Gruppe derjenigen, die ihre Selbständigkeit zum Vollerwerb starteten, war sogar jeder Zweite zuvor langzeitarbeitslos. Der Studie zufolge kam es zu diesen Gründungen oft aus Verzweiflung, weil nur noch wenig Hoffnung auf eine abhängige Beschäftigung bestand. Zudem habe die Krise viele sogenannte Chancengründer hervorgebracht.

So gab jeder fünfte Befragte an, nur dank der wirtschaftlich schwierigen Lage auf eine Geschäftsidee gekommen zu sein. "Die Krise hat über unterschiedliche Kanäle die Gründungsaktivitäten belebt, wobei sie auch Impulsgeber für die Umsetzung vielversprechender Gründungsprojekte war", sagte KfW-Vorstandsmitglied Axel Nawrath. Wirtschaftliche Krisen gäben Menschen immer wieder Anlass, über ihre beruflichen Perspektiven nachzudenken, erklärte die Förderbank.

Die Überlebenszeit vieler Neugründungen ist der KfW zufolge aber weiterhin gering. Rund ein Viertel der Gründungen sei nach spätestens drei Jahren wieder verschwunden. Besonders oft treffe es die Kleinstgründungen. Im Schnitt schufen die Existenzgründer fast 1,7 Vollzeitstellen. So entstanden im vergangenen Jahr Hunderttausende Arbeitsplätze, die zusammen gut eine halbe Million Vollzeitjobs ergaben.

fdi/dpa-AFX/Reuters/AFP



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hypnos 21.06.2010
1. Und täglich grüßt Hartz IV
Zitat von sysopEs klingt paradox: Mitten in der Rezession gründeten die Deutschen 2009 wieder mehr Unternehmen. Doch der Trend zur Selbständigkeit lässt sich auch auf die Verzweiflung vieler Arbeitsloser zurückführen. Sie sehen schlichtweg keinen anderen Ausweg mehr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,701956,00.html
Da braucht es keine Studie. Die BA berät die älteren Arbeitslosen in die Selbstständigkeit. Jeden Morgen werden Flyer vor der BA verteilt. Vorteil: die Leute sind aus der Sozialversicherung rausgeflogen. Sie landen direkt in Hartz IV. Es ist kriminell, Menschen ohne ausreichend Eigenkapital zur Selbstständigkeit zu ermuntern. Clement und Co wollten dies aber genauso.
Monark, 21.06.2010
2. Das wundert mich nicht.
Besonders im Handwerk ist es inzwischen gang und gäbe, keine neuen Leute mehr einzustellen, sondern "auf Rechnung" arbeiten zu lassen. Auf die Dauer wird das zum Problem werden, denn viele der neuen Selbstständigen sind komplett unterversichert. Wer früher z.B. noch in die Rentenkasse eingezahlt hat, wird nun im Alter zum Sozialfall werden. Dennoch ist Selbstständigkeit immer noch besser als ALG2 plus Schwarzarbeit.
boam2001, 21.06.2010
3. Folge von schlechter Politik und diskriminierender Personalauswahl !
Kein Wunder, das viele, die aus Verzweiflung in die Selbständigkeit gegangen sind, nach relativ kurzer Zeit das Handtuch werfen. Traurig zudem, das die Mitarbeiter der Arbeitsagentur vielen die Selbständigkeit schmackhaft machen, obwohl sie von vornherein wissen, daß der- oder diejenige es nicht dauerhaft schaffen werden, weil sie die nötigen Voraussetzungen nicht mitbringen. Hauptsache, aus der Statistik und aus der Alimentation heraus. Kriminell, so etwas ! Ursache dafür, das viele aus Verzweiflung in die Selbständigkeit gehen, ist eine restriktive Sozialgesetzgebung mit immenser, knechtender Bürokratie sowie die restriktive Personalpolitik vieler Unternehmen in der Wirtschaft. Dort existieren die allseits bekannten Ansichten: Billig, willig, jung, ultimativ flexibel, 20-jährige Berufserfahrung, Gehaltsvorstellung eines Hilfsarbeiters, anspruchslos, seiner Rechte nicht bewusst sein ( je niedriger der IQ, umso besser ) usw. Kurz gesagt: Leute, die sich ausbeuten lassen. Von daher kann ich die Verzweiflung vieler verstehen, die nach zig Hunderten Bewerbungen und ebenso vielen Absagen aus der Verzweiflung heraus in die Selbständigkeit wechseln, um sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sich nicht von irgendwelchen Behörden und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern drangsalieren zu lassen. Leider ist nicht jeder für die Selbständigkeit geeignet und wird früher oder später scheitern und wieder in Hartz IV landen, um sich erneut von kaltherzigen Behörden knechten zu lassen Welch' bitteres Schicksal und vor allen Dingen: Welch' miese Gesetzgebung ist das, was die Menschen derart kaputtmacht !
newliberal 21.06.2010
4. Verzweifelt ?!?!?!?!
Zitat von sysopEs klingt paradox: Mitten in der Rezession gründeten die Deutschen 2009 wieder mehr Unternehmen. Doch der Trend zur Selbständigkeit lässt sich auch auf die Verzweiflung vieler Arbeitsloser zurückführen. Sie sehen schlichtweg keinen anderen Ausweg mehr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,701956,00.html
Na ja, Verzweiflung hat viele Gesichter. Vielleicht ist der ein oder andere an der geballten Inkompetenz seiner Vorgesetzten verzweifelt und hat sich irgendwann gesagt: Ohne diese ganzen Deppen wäre ich schon längst Millionär. Andere verzweifeln an ihrem Industriebeamtenthum. Wiederum andere verzweifeln am täglichen Stau zur Arbeit, wo Sie sich dann an einen Schreibtisch mit Computer und Telefon sethen. Verzweifelt stellen diese dann fest, dass sie zu Hause auch ein Telefon und Computer haben, und seit zwei Stunden schon längst stressfrei arbeiten könnten. Wie gesagt, nicht jeder muss vorher arbeitslos gewesen sein, aber ein bisschen Verzweiflung und Gefühl von Ausweglosigkeit gehört immer dazu, sonst traut man sich den Schritt in die Selbständigkeit nicht.
maximixa 21.06.2010
5. arbeiter- und spdverräter
Zitat von hypnosDa braucht es keine Studie. Die BA berät die älteren Arbeitslosen in die Selbstständigkeit. Jeden Morgen werden Flyer vor der BA verteilt. Vorteil: die Leute sind aus der Sozialversicherung rausgeflogen. Sie landen direkt in Hartz IV. Es ist kriminell, Menschen ohne ausreichend Eigenkapital zur Selbstständigkeit zu ermuntern. Clement und Co wollten dies aber genauso.
genau! jener clement, der es sich selbst auf der sozialen hängematte mit mehreren, horrend hohen und unverfallbaren politikerpensionen gemütlich macht. seine liebe gattin karin sagte: "Wer einen Job will, der kriegt ihn auch". karin clement selbst hat nur sechs Jahre nach ihrer mittleren reife beruflich gearbeitet, als au-pair in den usa und sekretärin. vermißt hat die fünffache mutter nichts. sie wird zu hause gebraucht. nur, dass der von ihr selbst gewählte (bequeme und sichere!?) hausfrauen- und mehrfache muttijob heute sehr unsicher ist und schnell bei hartz 4 enden kann. für die umsetzung von hartz 4 war clement ja extra von schröder zum superminister erkoren worden.
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