Umstrittener Textilsdiscounter So biegt sich der Kik-Chef die Fakten zurecht

Kik-Chef Heinz Speet verteidigt die Strategie des Textildiscounters - Verantwortung für die Unglücke an den Billigstandorten weist er von sich. Doch viele seiner Argumente sind so nicht richtig. Ein Faktencheck.
Kik-Chef Speet: "Kunden interessiert in erster Linie der Preis"

Kik-Chef Speet: "Kunden interessiert in erster Linie der Preis"

Foto: imago

Der Kunde ist König - für diese Floskel steht das Kürzel KiK. Und diesen Kunden interessiere außer dem Preis wenig, behauptet der Chef des Textildiscounters nun in einem Interview mit dem "Handelsblatt" . Heinz Speet rechtfertigt darin die Produktion an Billigstandorten. Sie geriet besonders durch ein Feuer in der pakistanischen Unglücksfabrik Ali Enterprises 2012 und den Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch 2013 mit Hunderten von Toten in die Kritik.

Kik ließ an beiden Standorten Kleidung herstellen, in Pakistan nahm das Unternehmen zeitweise drei Viertel der Produktion ab. Glaubt man Speets Aussagen, so ist dem Discounter für die Probleme an den Produktionsstandorten aber kein besonderer Vorwurf zu machen - und erst recht nicht den Kunden, die bei KiK kaufen.

Die Realität sieht etwas anders aus - Speets' wichtigste Aussagen im Faktencheck:

1. Behauptung: Die Arbeiter gefährden sich selbst

"Wir haben doch häufig nicht mal Unterstützung von den Behörden vor Ort. Die Fabrik Rana Plaza in Bangladesch etwa ist am Tag vor ihrem Einsturz geräumt worden, weil Risse in den Wänden aufgefallen waren. Aber am nächsten Tag hat keine staatliche Aufsicht die Menschen daran gehindert, wieder zur Arbeit zu gehen."

Dass Arbeiter nach dem Einsturz in Bangladesch freiwillig zurück an die Arbeitsplätze strömten, ist nicht korrekt. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim sprach mit Überlebenden, die sich allesamt weigerten, zurück an die Arbeit zu gehen. Schon vor dem Fabrikeinsturz in Bangladesch hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter die Risse in den Wänden festgestellt und wollten nicht mehr das Gebäude betreten, wurden dann aber von den Vorgesetzten beschwichtigt. Nach dem Einsturz wollten auch in vielen anderen Fabriken die Menschen nicht mehr zur Arbeit gehen. Oftmals seien sie nur unter Drohungen zurückgekehrt, berichtet Thiruvalluvar Yovel von der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign.

2. Behauptung: Kik kümmert sich um die Arbeiter

"Wir haben als zweites deutsches Textilunternehmen das internationale Brandschutzabkommen, den sogenannten Bangladesh Accord, unterschrieben, damit haben wir einen guten Weg beschritten, der noch lange nicht zu Ende ist. Das nehmen wir sehr ernst. Viele Zulieferfirmen sind mittlerweile auditiert und etliche auch nach den Prüfungen geschlossen worden."

Die von Speet aufgeführten Prüfungen (Audits) sind von begrenzter Aussagekraft. Ali Enterprises wurde noch zwei Monate vor dem Feuer der anspruchsvolle SA-8000-Standard attestiert , der etwa einen professionellen Fluchtwegeplan vorsah. Doch zum Zeitpunkt des Unglücks waren bis auf einen alle Notausgänge verriegelt. Abgesehen vom Bangladesh Accord halte sie alle Audits ohnehin für "höchst unzuverlässig", sagt die Juristin Miriam Saage-Maaß vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). "Es gibt einen regelrechten Schwarzmarkt für Audits, die man kaufen kann. Daran hat sich auch nach dem Einsturz von Ranah Plaza nichts geändert."

Opfer des Unglücks in Pakistan und Nichtregierungsorganisationen werfen KiK zudem vor, viel zu geringe Entschädigungssummen zu zahlen. Das ECCHR unterstützt derzeit vier ehemalige Arbeiter , die vor dem Dortmunder Landgericht auf jeweils rund 30.000 Euro Schadenersatz klagen.

3. Behauptung: Billig ist nicht gleich Ausbeutung

"Teure Klamotten werden nicht besser produziert als unsere, wir wissen ja, welche Marken alle über dieselben Produktionslinien laufen."

Hier hat Speet grundsätzlich recht. Bei teureren Marken fließen die zusätzlichen Einnahmen oft nicht in höhere Löhne, sondern beispielsweise in größere Werbebudgets. Das heißt aber nicht, dass der Preis irrelevant ist: Nach Einschätzung der Frauenrechtsorganisation Femnet  kann ein T-Shirt für fünf Euro nicht ökologisch und mit fairer Bezahlung hergestellt werden, eines für den doppelten Preis dagegen unter Umständen schon.

4. Arme Deutsche können sich nur Kik leisten

"Die Kunden interessiert in erster Linie der Preis, und die meisten haben dabei kein schlechtes Gewissen.[….] Außerdem haben wir in Deutschland mehr als zwölf Millionen Menschen, die von weniger als dem Existenzminimum leben müssen. Die können gar nicht anders, als das Günstigste zu kaufen."

Auch wenn es in Deutschland viele sozial Schwache gibt, dürften keineswegs alle von ihnen Kronzeugen für Speets Geschäftsmodell sein wollen. Zudem stimmt die Zahl von zwölf Millionen so nicht: Das soziokulturelle Existenzminimum bezieht sich auf den Mindestbetrag, mit dem Bürger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, Speet bezieht sich dagegen offenbar auf die Zahl von Menschen, die in Armut leben oder von dieser bedroht sind. Das "Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum" spricht von etwa "sieben Millionen Menschen, die von einem unzulänglichen Existenzminimum leben müssen".

Zwar hat der KiK-Chef Recht damit, dass ethische Aspekte für die meisten Verbraucher eine untergeordnete Rolle spielen. So ergab kürzlich eine Greenpeace-Umfrage, dass deutsche Jugendliche die problematischen Herstellungsbedingungen von Textilien zwar kennen, sie aber dennoch ihr Konsumverhalten nicht ändern.

Doch Anhänger von fair gehandelten Produkten gibt es keineswegs nur unter den Besserverdienern: Laut Zahlen des Forums Fairer Handel kaufen auch 36 Prozent der Deutschen mit einem Einkommen von weniger als 1000 Euro solche Waren.

Zusammengefasst: KiK-Chef Heinz Speet verteidigt die Billigstrategie seines Textildiscounters mit Kundenbedürfnissen und lobt Verbesserungen nach Unglücken in Bangladesch und Pakistan. Tatsächlich steht KiK in den betroffenen Ländern bis heute in der Kritik und Speet verwendet zum Teil fragwürdige Zahlen.

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