"Eine einzige Katastrophenveranstaltung" Bahn-Aufsichtsrat prangert eigenes Unternehmen an

Verspätungen, technische Probleme, kaum Geld: Der Zustand der Deutschen Bahn ist desolat, schimpft Bahn-Aufsichtsratsmitglied Klaus-Dieter Hommel. Die Linke fordert, die Bahn wieder zu verstaatlichen.

"Wenn die Deutsche Bahn ein Autohersteller wäre, wären die Lenkräder hinten montiert und die Räder oben" - ein vernichtendes Urteil, besonders wenn es von den eigenen Mitarbeitern kommt. Bahn-Aufsichtsrat Klaus-Dieter Hommel hatte seinem Ärger über die Deutsche Bahn mit diesen Worten in der "Welt am Sonntag" ("WamS") Luft gemacht. "Das ist hier inzwischen eine einzige Katastrophenveranstaltung", schimpfte Hommel, der auch Vizechef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist.

Hommel ist mit seiner Kritik nicht allein. Zuletzt hatte die Deutsche Bahn ihre selbst gesteckten Ziele bei der Pünktlichkeit verfehlt. Nur etwa 70 Prozent der Züge fuhren im November nach Plan. Hinzu kommen schwierige Tarifverhandlung. Wegen eines Warnstreiks hatte die Bahn am 10. Dezember bundesweit den Fernverkehr eingestellt.

"Es wird eh nicht besser"

Der Vize-Aufsichtsratsvorsitzende und EVG-Chef Alexander Kirchner warnte vor wachsendem Frust unter den Mitarbeitern. "Nicht wenige denken: Es wird eh nicht besser. Viele Kollegen haben die Hoffnung verloren", sagte Kirchner dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Kollegen in den Zügen und auf den Bahnhöfen sind mit der Wut der Reisenden über Verspätungen direkt konfrontiert. Sie müssen sich permanent für Probleme rechtfertigen, die sie weder verursacht haben noch verhindern können." Dazu passt eine Analyse des Bundesinnenministeriums, laut der die gewaltsamen Angriffe auf Bahnpersonal deutlich zugenommen haben.

Laut "WamS" ist zudem der Kapitalbedarf der Deutschen Bahn deutlich höher als die bisher veranschlagten vier Milliarden Euro. Bahnchef Richard Lutz und Netzvorstand Ronald Pofalla müssen laut "WamS" am 15. Januar im Bundesverkehrsministerium Eckpunkte für Maßnahmen zur Verbesserung der Lage vorstellen, um diese dann dem Aufsichtsrat vorzulegen.

"Ich erwarte vom Vorstand, dass er nachvollziehbar erklärt, wie der finanzielle Mehrbedarf gedeckt werden soll", sagte Aufsichtsratschef Michael Odenwald dem Blatt. Die Bahn will nach früheren Aussagen aus eigenen Mitteln in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro zusätzlich in Züge und Schienennetz investieren. Vier Milliarden Euro davon sind noch nicht finanziert, wie in Kreisen des Kontrollgremiums zu hören war.

Zuletzt hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) angemahnt, die Qualität beim Bahnfahren müsse schnellstens wieder steigen. Der Bund sitzt als Eigentümer auch mit Vertretern im Aufsichtsrat und kontrolliert somit das Management.

"Das System kippt"

"Die Bahn ist über Jahre auf Verschleiß gefahren worden", sagte EVG-Chef Kirchner. Es fehlen Kapazitäten bei der Infrastruktur, bei den Zügen und beim Personal. Das führt dazu, dass das System allmählich kippt."

Bei der Linken im Bundestag wird der Ruf nach einer Wiederverstaatlichung laut. "Was der hoch bezahlte Vorstand, die Manager und der Aufsichtsrat leisten, können Behördenleiter schon lange. Und die kassieren dafür keine Millionengehälter", schrieb der Parlamentarische Geschäftsführer Jan Korte in einem Vorschlag an seine Fraktion.

Die Bahn ist seit 1994 eine Aktiengesellschaft, die Aktien gehören alle dem Bund. "Niemand kann uns erzählen, dass die Bahn als staatliche Behörde schlechter als jetzt laufen würde", so Korte.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Marco Buschmann, wies die Forderung als "grotesk" zurück. "Ursache für die Probleme sind schlechtes Management und unzureichende Aufsicht. Deshalb sind jetzt Verkehrsminister Scheuer und der Vorstand gefordert und keine Rezepte aus der Mottenkiste."

Gewerkschaftschef Kirchner gab nicht nur dem aktuellen Vorstand und dessen Vorgängern die Schuld an der schwierigen Lage: "Auch die Politik ist verantwortlich für den desolaten Zustand, den wir jetzt haben: Sie hat es über Jahre versäumt, die notwendigen Mittel für die Modernisierung der Infrastruktur bereitzustellen."

koe/dpa
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