Essen in Zeiten der Pandemie Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen

Selbst beim Garen von Kartoffeln scheitert mancher: Die Coronakrise hat die Deutschen laut Ernährungsindustrie als Kochmuffel entlarvt. In Zeiten geschlossener Restaurants kann das zum Problem werden.
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Peter Cade/ Getty Images

"Eine Fertigpizza kann noch jeder in den Ofen schieben, und Nudeln kochen mit Pastasoße drüber, überfordert die meisten auch nicht", sagt Christoph Minhoff. Doch schon eine Kartoffel zu kochen, sei eine Herausforderung. "Da müssen Sie wissen: Mit oder ohne Schale kochen? Wenn ja, wie viel Salz muss da ins Wasser rein? Wie lange muss ich die dann kochen?"

Minhoff ist Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) - und er meint es durchaus ernst mit seiner Kritik: "Da werden jetzt viele sagen: Na das ist doch ein Witz, das kann doch jeder! Nein, es kann eben nicht jeder." Das habe die Zeit der Coronakrise deutlich gezeigt - und das stelle viele Menschen nun, wo die Restaurants geschlossen haben, vor große Probleme. Die Kochkompetenz der Deutschen sinke seit Jahren drastisch.

Kochen nur noch als Event

"Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurants, Pommes-Buden und Italiener-um-die-Ecke wirft die Leute nun dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste", sagt Minhoff. "Und die sind begrenzt."

Das Wissen, wie man sich aus mehreren Komponenten eine Mahlzeit zubereitet, werde in den Familien kaum noch vermittelt. Kochshows in Fernsehen und Internet könnten das nicht kompensieren. Gekocht werde fast nur noch am Wochenende, "und wenn gekocht wird, dann eher als Event und nicht als Teil einer gewöhnlichen Nahrungsaufnahme", so der Verbandschef.

In der arbeitsintensiven Gesellschaft des Landes hätten wir uns daran gewöhnt, zubereitetes Essen zu kaufen. Etwa in Fast-Food-Läden, Kantinen oder beim Bäcker. Dieses Angebot gebe es nun plötzlich kaum noch. "Jetzt stehen die Leute im Supermarkt und denken sich "ja gut, wie mache ich denn jetzt 'nen Burger selbst?".

So erkläre sich auch der Run auf bestimmte Produkte im Supermarkt zu Beginn der Krise. In der zweiten Märzwoche, also der Woche, bevor in den meisten Teilen Deutschlands die Schulen geschlossen und erste Corona-Beschränkungen in Kraft traten, wurden in Deutschland laut BVE gut 170 Prozent mehr Teigwaren verkauft als zur gleichen Zeit im Vorjahr und etwa 179 Prozent mehr Reis. Noch höher war demnach die Nachfrage nach Mehl, die 200 Prozent über dem Vorjahreswert lag; Brotmischungen wurden mehr als 330 Prozent mehr nachgefragt.

"Begehrt war alles, was lange haltbar und auch möglichst leicht zu kochen ist", sagt Minhoff. Beim Mehl oder auch Hefe habe der niedrige Stückpreis zur extremen Nachfrage beigetragen. Zum Vergleich: Die Nachfrage nach Toilettenpapier lag laut der BVE-Statistik "nur" gut 118 Prozent über dem Wert aus der zweiten Märzwoche 2019.

Trotz dieses exorbitanten Ansturms habe die Branche die Versorgung aufrechterhalten. "Noch immer wird in der Öffentlichkeit unterschätzt, und das finde ich ein wenig traurig, was für eine unglaubliche logistische Leistung die Ernährungsindustrie generell und jetzt in der Coronakrise speziell vollbringt", sagt Minhoff. "Unsere Unternehmen sorgen weiterhin für volle Regale in den Supermärkten."

Systemgastronomie leidet unter Coronakrise

Der Verbandschef hofft, dass die Krise seinen Mitarbeitern etwas mehr Anerkennung verschafft - und dass die Deutschen zu einem anderen Verhältnis zu ihrem Essen zurückfinden. "Sie können ein Lebensmittel nur wertschätzen, wenn Sie den Umgang damit auch mal selbst praktizieren."

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Von den fehlenden Kochkünsten konnten die Drive-in-Schalter großer Burgerketten aber nur bedingt profitieren. Auch wenn bei den Burger- und Pizza-Ketten, Fischbratern und Sandwich-Belegern das Mitnehmen des Essens seit jeher zum Konzept gehört, berichtet der Bundesverband der Systemgastronomie von Umsatzrückgängen zwischen 50 und 100 Prozent bei den Mitgliedsunternehmen.

"Teilweise sind Restaurants komplett geschlossen", sagt Hauptgeschäftsführerin Andrea Belegante. "Drive-ins oder To-go-Angebote helfen natürlich - aber sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das trägt uns nicht durch die Krise." Die Unternehmen seien durch die Krise schwer betroffen, betont Belegante. "Und auch wenn man die großen Marken kennt, stehen hinter den Restaurants vieler Ketten nahezu ausschließlich mittelständische, selbstständige Unternehmer."

apr/dpa
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