Besetzung von Datteln 4 Kohlestrejk för Klimatet

Mit ihrem Schild „Skolstrejk för Klimatet“ kämpft Greta Thunberg für ein Umdenken in der Umweltpolitik. Dennoch soll bald das Kohlekraftwerk Datteln 4 in Betrieb gehen. Schizophren finden das Thunbergs Mitstreiter - und stürmten das Gelände.
Protestierende in Datteln: Verrat am Kohlekompromiss

Protestierende in Datteln: Verrat am Kohlekompromiss

Foto: Björn Kietzmann

Es ist kurz nach sieben Uhr am Sonntagmorgen, die Sonne geht gerade auf, als es auf dem Gelände des Kohlekraftwerks Datteln 4 Jubelschreie gibt. Die Umweltaktivisten haben es in diesem Moment auf das Areal geschafft. Sie sollen ein Zugangstor aufgebrochen haben, so teilt es die Polizei später mit. Die Aktivisten brauchen nur ein paar Minuten, um zwei Verladekräne zu besetzen, mit denen Steinkohle transportiert wird. Auf den Kränen rollen sie ihre Transparente aus. „Exit coal, enter future“, steht auf einem. Oder: „Noch 20 Jahre eure Profite statt unsere Zukunft – Kohleausstieg jetzt!“ 

DER SPIEGEL

Rund 150 Umweltaktivisten haben am Sonntag das Kraftwerk Datteln 4 nördlich von Dortmund besetzt. Man habe „die Kohleinfrastruktur des Kraftwerks lahm gelegt“, teilt „Ende Gelände“ mit. Das Aktionsbündnis hatte erst in dieser Woche eine Serie von Protest- und Störaktionen gegen Datteln 4 angekündigt. Vor allem deswegen, weil die Bundesregierung am Mittwoch ein Gesetz beschloss, das den Ausstieg aus der Braun- und Steinkohle regelt. Die Aktion am Kraftwerk Datteln 4 kann man als Antwort der Aktivisten darauf deuten. Was sie von dem Gesetz halten? Gar nichts. 

Die Besetzung von Datteln 4 ist keine Überraschung, auch die Behörden wussten offenbar Bescheid. Seit Samstagabend befanden sich Einsatzkräfte der Polizei in der Nähe des Kraftwerks. Doch verhindern konnten sie die Aktion der Kohlegegner nicht.   

Aktivisten von "Ende Gelände": Jubelschreie, als das Tor geknackt war.

Aktivisten von "Ende Gelände": Jubelschreie, als das Tor geknackt war.

Foto: Björn Kietzmann

Datteln 4 ist das derzeit umstrittenste Kraftwerk Deutschlands. Seit ein paar Wochen läuft es in einer Art Testbetrieb, ab Sommer soll es dann regulär Strom erzeugen. So ist der Plan des Energiekonzerns Uniper, der das Kraftwerk betreibt. Doch dagegen formiert sich Widerstand, und er wird immer breiter. Den Kampf um den Hambacher Forst haben die Umweltverbände und Klimaaktivisten inzwischen gewonnen. Nun, so sieht es aus, haben sie sich Datteln 4 ausgeguckt. Als neue Front, an der weitergekämpft wird, als neues Symbol im Streit über die richtige Klimapolitik. 

Rund 180 Meter ragt der Kühlturm von Datteln 4 in die Höhe. Es ist ein neues, gigantisches Steinkohlekraft, das voraussichtlich eine Gesamtleistung von über 1000 Megawatt haben wird. Und es soll ausgerechnet in dem Jahr ans Netz gehen und damit CO2 in die Luft blasen, in dem Deutschland den Kohleausstieg beschließt. Für viele geht das nicht zusammen. 

Kathrin Henneberger, die Sprecherin von „Ende Gelände“, steht vor dem grünen Zaun, der das Kraftwerksgelände umgibt. „Wir zeigen, dass wir es ernst meinen“, sagt sie, „dass wir es der Politik nicht durchgehen lassen, dass sie 2020 noch ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz lässt.“ Über Henneberger kreist inzwischen ein Polizeihubschrauber, sie ruft: „Dieses Kraftwerk ans Netz zu lassen, bedeutet nichts anderes, als die Klimakrise willentlich voranzutreiben. Und es ist die ultimative Bremse für die Energiewende.“ 

Wie viele Jahre Datteln 4 Strom produzieren wird, wie viel Emissionen es verursachen wird, ist kaum vorherzusagen. Die Rechnungen sind kompliziert, und jede Seite kommt zu einem anderen Ergebnis. 

Uniper verspricht, dass Datteln 4 „eines der modernsten Steinkohlekraftwerke der Welt“ sei, das „100.000 Haushalte mit umweltfreundlicher Fernwärme versorgen“ könne. Die Bundesregierung verkündet, dass der Betrieb von Datteln 4 keine Mehremissionen verursachen würde, weil man dafür ältere, ineffizientere Kraftwerke außer Betrieb nehmen werde. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sieht in dem Kraftwerk einen Beitrag zum Klimaschutz, weil, so sagt es Laschet, durch Datteln 4 insgesamt mehr CO2 eingespart würde, als wenn das Kraftwerk nicht ans Netz gehen würde. 

Für Umweltverbände und Klimaaktivisten dagegen ist Datteln 4 ein Widerspruch in sich, eine Absurdität, ein Verrat am mühsam verhandelten Kohlekompromiss und am Klimaschutz generell. Auch deswegen, weil die Steinkohle für das Kraftwerk aus Ländern wie Kolumbien angeliefert werden soll. So behauptet es zumindest „Ende Gelände“. Die Kohle werde in fernen Ländern unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut, die Aktivisten sprechen von „Blutkohle“.  

Seit November, heißt es von Seiten der Aktivisten, habe man sich auf die Besetzung des Kraftwerks vorbereitet. Man plante offenbar bis ins Detail, organisierte mehrere Drohnen, damit sie Luftaufnahmen von der Besetzung liefern, die wiederum über die Social-Media-Kanäle der Aktivisten verbreitet werden sollten. 

Eine der Besetzerinnen nennt sich Tara, sie ist 22 Jahre alt, sagt sie. Man kann mit ihr telefonieren, während sie auf einem der beiden Kräne sitzt. Es gebe gerade Frühstück, erzählt sie. Brot und Tofuwürste. Tara engagiert sich auch bei Fridays for Future, und sie war im Hambacher Forst, als der Wald 2018 geräumt wurde. Nun also Datteln 4. 

Der Kampf um den Hambacher Forst, erzählt Tara, habe gezeigt, „dass wir Dinge, die scheinbar von den Firmen und der Politik längst beschlossen sind, wieder umkehren können. Das macht uns Mut, dass dieses Kraftwerk vielleicht doch nicht ans Netz gehen wird.“ 

Doch danach sieht es momentan nicht aus. Datteln 4 hat seit 2017 eine Betriebsgenehmigung. Der Strom, der dort produziert wird, soll an den Energiekonzern RWE und an die Deutsche Bahn gehen, mit beiden hat Uniper lukrative Verträge abgeschlossen. 

Einsatzkräfte der Polizei: Die Besetzung von Datteln 4 ist keine Überraschung

Einsatzkräfte der Polizei: Die Besetzung von Datteln 4 ist keine Überraschung

Foto: Björn Kietzmann

Am Mittag sind die Aktivisten noch immer auf den Kränen, die Polizei hat es nicht eilig damit, die Besetzung aufzulösen. Welche Auswirkungen die Aktion für das Kraftwerk hat, möchte Uniper nicht mitteilen. Zu möglichen Schäden gibt man keine Auskunft, auch nicht zu der Frage, ob einzelne Anlagen abgeschaltet werden mussten. Für eine Einschätzung zu den wirtschaftlichen Folgen sei es noch zu früh, sagt ein Uniper-Sprecher. Und die Aktivisten?

Am Nachmittag teilt Uniper mit, dass Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt wurde. Die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut und gegen friedlichen Protest sei aus Sicht des Unternehmens nichts einzuwenden. "Allerdings haben sich heute Personen widerrechtlich Zutritt zu unserem Kraftwerksgelände in Datteln verschaffen. Straftaten wie Hausfriedensbruch oder die Beschädigung von Privateigentum sowie andere Aktionen, die die Sicherheit unserer Mitarbeiter oder die die Funktionsfähigkeit unserer Anlagen gefährden, können wir nicht dulden", so der Sprecher.

Es wird für den Konzern nahezu unmöglich sein, aus dem Kraftwerksgelände einen Hochsicherheitstrakt zu machen. Auch deswegen, weil Datteln 4 direkt am Dortmund-Ems-Kanal liegt. Die Kohle für das Kraftwerk wird mit Schiffen über das Wasser angeliefert. Unter den Umweltaktivisten gibt es einige, so hört man, die bereits an Flößen basteln.