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07. August 2011, 14:34 Uhr

Kommentar

Warum Standard & Poor's richtig liegt

Ein Kommentar von

Weil die USA ihr Top-Rating verloren haben, drohen neue Turbulenzen an den Finanzmärkten. Doch die Herabstufung könnte sich als gute Nachricht erweisen: Sie beweist die Unabhängigkeit der Rating-Agenturen - und zwingt die Amerikaner, endlich die Steuern zu erhöhen.

Da ist sie wieder, die Kritik an den Rating-Agenturen. Die US-Regierung spricht von einer "krassen Fehlentscheidung". Und der Rest der Welt fragt sich: Musste das sein? Musste die weltgrößte Agentur Standard & Poor's (S&P) ihre Bewertung der weltgrößten Volkswirtschaft USA ausgerechnet jetzt herunterstufen, wo doch die Finanzmärkte ohnehin schon in Turbulenzen stecken?

Ja, sie musste. Wenn die Analysten bei den Rating-Agenturen davon überzeugt sind, dass der Streit um das amerikanische Sparpaket der langfristigen Kreditwürdigkeit des Landes geschadet hat, dann sollten sie diese Meinung auch äußern. Das ist ihre Aufgabe. Und die haben sie erfüllt.

Was wurde den drei großen Rating-Agenturen S&P, Moody's und Fitch in den vergangenen Monaten nicht alles vorgeworfen: Sie würden die Euro-Krise absichtlich anheizen, weil sie ihre Noten für Länder wie Griechenland, Portugal oder Irland immer dann senkten, wenn die Finanzmärkte ohnehin schon nervös waren. Ihre Ratings seien intransparent und ungerecht. Und sie würden die USA bevorzugen: Das Land, dessen Defizit in den vergangenen Jahren so gigantisch schnell gestiegen ist. Das Land, das mit rund hundert Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung deutlich höher verschuldet ist als zum Beispiel das vielgescholtene Euro-Mitglied Spanien. Das Land, in dem alle drei Rating-Agenturen ihren Hauptsitz haben.

Zumindest den Vorwurf der US-Hörigkeit dürfte S&P nun entkräftet haben. Obwohl die amerikanische Regierung bis zuletzt mit aller Macht versucht hat, die Herabstufung zu verhindern, sind die Analysten standhaft geblieben. Das ist ein gutes Zeichen: Es zeugt von einer Unabhängigkeit, die man bei den Agenturen im Umgang mit ihren Unternehmenskunden manchmal vermisst.

Die Logik des Systems

Auch in der Sache liegen die Analysten durchaus richtig: Der peinliche Streit um das US-Sparpaket hat gezeigt, dass das politische System der USA derzeit nicht besonders effektiv und verlässlich funktioniert. Die von S&P geäußerte Sorge, dass die zerstrittenen Parteien das Schuldenproblem des Landes nicht in den Griff bekommen, ist durchaus begründet.

Im Umgang mit der Staatsschuldenkrise ist den Rating-Agenturen bisher ohnehin wenig vorzuwerfen. Während sie im Vorfeld der Finanzkrise noch krass versagt hatten, weil sie die gebündelten US-Hauskredite viel zu lange viel zu gut bewertet hatten, haben sie diesmal früher reagiert und die Investoren vor dem Bonitätsverlust einzelner Staaten gewarnt.

Natürlich bleiben Zweifel an ihrer Arbeit: Warum sollten ausgerechnet die Mitarbeiter einer Rating-Agentur bewerten können, ob die USA nun genug und an der richtigen Stelle sparen? Aber das ist eine andere Frage. Solange die Investoren - und im übrigen auch die staatlichen Aufsichtsbehörden und Notenbanken - die Meinung der Rating-Agenturen hören wollen, sollten diese sie auch ehrlich äußern - ohne Rücksicht auf politische Einflussnahme und mögliche Reaktionen an den Finanzmärkten.

Und was ist mit der Reaktion der Finanzmärkte? Sicher, die Herabstufung der USA kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Sie könnte die Turbulenzen der vergangenen Wochen weiter verschärfen - so war es teilweise auch bei den Ratings zu den überschuldeten Euro-Ländern. Doch das ist nun mal die Logik des Systems: Wenn sich die Konjunktur und die Lage an den Finanzmärkten verschlechtern, leiden darunter auch die finanziellen Aussichten eines Staates. Und genau die haben die Rating-Agenturen zu bewerten. Deshalb werden ihre Herabstufungen immer dann kommen, wenn die Situation ohnehin schon nicht mehr so rosig ist. Selten sind sie die ersten, die vor einem Problem warnen.

Wer das Schuldenproblem erst jetzt erkennt, dem ist nicht zu helfen

Was S&P und die anderen da machen, ist keine Hexerei. Sie stützen ihre Bewertungen auf längst bekannte Fakten, die allen zugänglich sind. Wenn sich die Investoren an den Finanzmärkten nun durch die Herabstufung beeindrucken lassen, kann das nur zwei Gründe haben: Entweder sie können vor lauter Krisengeklingel nicht mehr rational denken - oder sie fürchten, dass genau das auf alle anderen Investoren zutrifft und sie deshalb einem allgemeinen Abwärtstrend zuvorkommen müssen.

Was die Fakten angeht, überbringt S&P den Anlegern auch diesmal keine Neuigkeit. Die USA sind nicht Zypern oder Kasachstan, wo ein Rating-Bericht vielleicht noch für Überraschungen sorgen kann. Kein Kapitalmarkt der Welt wird von den Investoren so genau beobachtet wie der amerikanische. Wer erst jetzt auf die Idee kommt, dass die USA ein Problem mit ihrer Verschuldung bekommen könnten, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

Mittelfristig könnte die standhafte Haltung von S&P sogar positive Auswirkungen haben. Vor allem mit der Ankündigung, das Rating weiter runterzustufen hat die Agentur die Parteien in Washington unter Druck gesetzt, die ausufernden US-Staatsfinanzen endlich den Griff zu kriegen. In ihrem Rating-Bericht weisen die Analysten mehrmals explizit darauf hin, dass dies nur funktionieren kann, wenn die Steuern erhöht werden beziehungsweise die noch von der Bush-Regierung beschlossenen Steuererleichterungen für Besserverdiener endlich gekappt werden.

Sollte die Angst vor einem weiteren Bonitätsverlust dazu beitragen, dass die Republikaner ihre bornierte Haltung in dieser Frage endlich aufgeben, dann war die Herabstufung diesmal wirklich zu etwas nütze.

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