Kondome als Export-Hit Die mobile Gummi-Fabrik

Sie lässt sich auf 28 Quadratmeter verpacken und wird so in alle Welt verschickt: Ein deutscher Unternehmer hat eine Kondomfabrik entwickelt, die erst vor Ort zusammengebaut wird. Das technische Meisterstück kostet 500.000 Dollar - hat sich aber trotzdem zum Export-Schlager entwickelt.
Von Udo Flohr
Farbige Kondome: Qualität "Made in Malaysia with German Engineering"

Farbige Kondome: Qualität "Made in Malaysia with German Engineering"

Foto: ddp

Malaysia

Hamburg - Sex gibt es überall - das ist die Geschäftsgrundlage von Klaus Richter. Dennoch leitet der 56 Jahre alte Sozialwissenschaftler sein Unternehmen Richter Hi-Tech von der Halbinsel aus. Denn Kondomfabriken als Versandartikel, das ist das Geschäft von Richter. Über 100 Anlagen hat Richter Hi-Tech bisher produziert und über Penangs Containerhafen verschifft, unter anderem nach Indien, Thailand und Mexiko.

Heute kommen dort die zwei leeren Container für den Brasilien-Auftrag an. Auf jeweils nur 28 Quadratmeter werden die beiden Transportbehälter zusammen eine komplette Kondomfabrik nach Südamerika befördern. Dieses Vorhaben hat Richter bereits mit rund einer Million US-Dollar vorfinanziert. Seit einem Jahr arbeiten seine Beschäftigten an der mobilen Gummi-Fabrik, noch am Vortag haben sie emsig geschweißt, geschliffen und lackiert. Am vorgesehenen Standort werde seine Mannschaft, so erklärt Richter stolz, die Anlage innerhalb von nur zehn Tagen aufstellen und in Betrieb nehmen. Und dann ist Zahltag.

Maschinen

Das schnelle Ausrichten und Verschrauben der Rahmensegmente, das Einsetzen der Kunststoff-Laufschienen für die Kondomkette, die Verdrahtung des Systems und die anschließenden Testläufe - dahinter steckt eine gehörige Portion an technischem Wissen. Es gründet auf fast 90 Jahren Erfahrung, die Richters Familie sich als Produzent von Präservativen über Generationen hinweg erarbeitet hat. Selbst bekannte Marken wie "Blausiegel" lassen sich zu ihnen zurückverfolgen. Diese Kombination lässt Richter den Weltmarkt für , die Kondome herstellen, testen und verpacken, weitgehend kontrollieren.

Grundstein zu einem neuen Geschäftsmodell

Der Großvater Emil Richter begann 1928 in Erfurt mit der industriellen Herstellung von Präservativen aus Gummi, sein Sohn Hermann, Horst Richters Vater, war nach dem Krieg an der Entwicklung der Endlos-Tauchkette beteiligt - vorher wurden auf Rahmen befestigte Kondomformen in die Lösung getaucht. Er half auch beim Übergang von Kautschuk zu Latex. Nicht nur der Gebrauch von Latex-Kondomen, auch deren Produktion ist sicherer, da sie nicht wie Kautschuk Benzin als Lösungsmittel benötigen. Ende der fünfziger Jahre betrieb Richter in Sarstedt bei Hannover die erste Hochspannungs- Testmaschine für Kondome, die er ebenfalls mitentwickelt hatte.

Den Ruf nach Malaysia erhielten die Richters dann 1990. Der Konsumgüter-Hersteller Beiersdorf wollte dort seine kränkelnde Kautschuk-Handschuh-Produktion auf Kondome erweitern und bat daher die Richters um Beratung bei der geplanten Generalüberholung. Da die eingesessenen Kondom-Experten dies als vergebliche Mühe ansahen, schlug Richters Vater stattdessen etwas anderes vor: "Wir stellen eine fix und fertige Fabrik hin, die in Sarstedt produziert, in Container verpackt und vor Ort aufgebaut wird." Die Produktion legte den Grundstein zu einem neuen Geschäftsmodell.

Zur Kontrolle vor Ort schickte er seinen Sohn Klaus Richter, der bis heute in Malaysia blieb. Denn dieser erkannte schnell, dass der Sondermaschinenbau für Kondome mit Hannover als alleinigem Standort zu viel Zeit und Geld kosten würde. Im Unterschied zu Standardmaschinen kann ein Kunde bei Sondermaschinen Änderungen fordern, sodass die Maschinen entsprechend modifiziert und erneut getestet werden müssen. Da das Hin- und Herschicken über weite Strecken jedoch nicht praktikabel ist und sich in Südostasien zahlreiche Kondomhersteller angesiedelt hatten, war ein Standort auf der Halbinsel die logische Konsequenz.

Tüftelei nach der Strategie "Versuch und Irrtum"

Darüber hinaus galt es, selber weiterhin Erfahrungen bei der Kondomherstellung zu sammeln, um die kompakten Produktionslinien weiterzuentwickeln und die Position des Marktführers zu halten. Da sich dies jedoch nur durch Tüftelei nach der Strategie "Versuch und Irrtum" bewerkstelligen lässt, erwies sich die eigene Testproduktion als nächster logischer Schritt. Auch hier war Malaysia aufgrund des preiswerten Kautschuks vor Ort Hannover vorzuziehen.

Der Start verlief jedoch holprig. Bei den ersten Produktionsschwierigkeiten half ihm Berthold Jungwirth. Der Werkzeugmacher aus Österreich hatte bereits in Taiwan gearbeitet und war von einem Kollegen zum Aufbau eines eigenen Unternehmens in Malaysia überredet worden. Dort spezialisierte sich Jungwirths Betrieb für Aluminium-Kokillenguss auf knifflige Sonderprojekte, an denen in Penangs aufblühender Hightech- Industrie kein Mangel war. Als das amerikanische Unternehmen Ansell 1998 seine Kondomfabriken im Heimatland schloss und dafür neue in Thailand eröffnen wollte, erhielt Richter den Drei-Millionen-Dollar-Auftrag, die Fabriken mit Maschinen einzurichten. Die Zahnräder, Getriebe sowie Prüfkolben für Kondom-Testmaschinen bestellte er bei Jungwirth.

Als weiteren Zulieferer konnte Richter Martin Weiss gewinnen, dessen "Malaysian European Production Systems (MEPS)" Verpackungs- und Prüfmaschinen liefert. MEPS, seit 1993 in Penang ansässig, montiert seine Maschinen mithilfe ansässiger Fachbetriebe vor allem für die Halbleiterindustrie. Der frühere Bayer Weiss hatte in Penang seinerzeit ein "Fenster der Überkapazität" erkannt. Als die bis dato boomende Halbleiter-Industrie nachließ, wanderten viele Unternehmen wieder ab, doch die von der malaysischen Wirtschaftsförderung hoch gerüsteten Maschinenbau-Kapazitäten blieben. "Es war daher nicht notwendig, in eigene Fertigungsanlagen zu investieren", erklärt Weiss.

"Made in Malaysia with German Engineering"

Alle drei Auswanderer loben die Expertise und Eigenständigkeit lokaler Ingenieure. Im Gegensatz zu deutschen Zulieferern seien die Lieferanten auch bereit, die Kleinserien der von Richter und Co. in Auftrag gegebenen Maschinenteile zu produzieren und zu testen, ohne gleich auf die Abnahme von Mindestmengen zu pochen oder gar im erhöhten Maße Entwicklungskosten in Rechnung zu stellen. Ein weiterer Standortvorteil sind auch die niedrigen Gehälter. Sie liegen etwa bei einem Drittel bis einem Fünftel des deutschen Lohnniveaus. Doch Richter und seine Partner sind sich genauso darüber einig, dass all dies ohne ihre Erfahrungswerte aus dem Maschinenbau wertlos wäre. Das sei ihr spezieller europäischer Beitrag, und der erweise sich sowohl für die Problemlösung bei Prototypen als auch für den Vertrieb der Sondermaschinen als essenziell.

"Made in Malaysia with German Engineering", lautet daher die Formel für Richters Geschäftsmodell. Motoren, Pumpen und verschiedene andere Komponenten stammen weiterhin aus Deutschland, in Malaysia werden sie zu teuren Maschinen veredelt. Der Erfolg dieses Netzwerks aus europäischen Maschinenbauern und einheimischen Fachbetrieben manifestiert sich für Richter in einem Jahresumsatz von drei bis vier Millionen US-Dollar im Maschinenbau und rund vier Millionen US-Dollar in der Kondomherstellung. Im Industriepark Kuala Ketil, eine gute Stunde landeinwärts von Penang, ist er inzwischen der größte Arbeitgeber. Auf drei separaten Grundstücken hat er sowohl den Maschinenbauzweig "Richter Hi-Tech" als auch die Kondomproduktion "Richter Rubber" angesiedelt. Werkseigene Kleinbusse bringen seine 320 im Schichtbetrieb tätigen Mit arbeiter zum Betriebsgelände, wo wegen akuten Platzmangels bereits ein gemeinsames neues Gebäude für beide Firmen in Planung ist.

Hier fertigt Richters Hi-Tech-Sparte die Tauchstraßen samt der elektrischen Schaltschränke. Die Straße ist nur 32 Meter lang und einen Meter breit - ein wesentlicher Vorteil gegenüber beispielsweise aus Korea erhältlichen Konkurrenzprodukten, die zum Teil doppelt so lang sind. Die kompakte Bauweise ist auch Voraussetzung für den Versand in die gerade angelieferten, nur zwölf Meter langen Container. "Früher haben wir zwei Tage überlegt, wie man das alles am besten unterbringt", berichtet Richter, als er auf dem Hof steht und überwacht, wie die für Brasilien bestimmte Fabrik mit Gabelstaplern in die Container bugsiert wird. "Heute haben unsere Leute so den Bogen raus, dass ein Nachmittag reicht."

"Die Ketten müssen fluchten"

Damit die Straße hineinpasst, fertigt Richter sie in mehreren Segmenten, die erst am Zielort zusammengesetzt werden. Mit den Containern trifft auch sein Montageteam am Zielort ein und stellt die Maschinen auf, die neben der Tauchstraße zum kompletten Lieferumfang gehören: ein Labor, Einzelprüfplätze, Verpackungsmaschinen. Doch die Arbeiten des Vor-Ort-Teams gehen weit über die Inbetriebnahme hinaus. "Die Tauchstraße wird entsprechend unserer Vorgaben validiert", erläutert Richter. "Das heißt, sie in den extremen Parametern zu testen: langsam, schnell, Kondome unterschiedlicher Wandstärken und so weiter." Entsprechend Richters Spezifikationen muss die festgelegte Produktionsmenge mit der zugesagten maximalen Ausschussquote erreicht werden. Auch die programmierbaren Thermostate zur Überwachung der Temperatur des Latex in den Tauchbädern werden von Richters Beschäftigten kalibriert. "Wichtig ist vor allem das Einstellen der Maschinen: Die Ketten müssen fluchten. Wenn sie in Schlangenlinien laufen, nutzen sie sich zu schnell ab", erklärt Richter.

Der Bekanntheitsgrad seines Unternehmens kommt ihm jedoch zunehmend zugute. "Wir sind ein paar Tage beim Tauchen dabei, aber meistens verfügen die Betreiber über von anderen Firmen abgeworbene Experten, die schon Erfahrung mit unseren Maschinen haben", gesteht Richter. "Da unsere Maschinen überall stehen, ist es in den letzten Jahren erheblich einfacher geworden." Um diese Dominanz noch deutlicher zu machen, holt er aus einem Regal den Kolbenhalter, den koreanische Konkurrenten zu kopieren versuchten. Nach Richters Angaben ließen die Koreaner jedoch die Glaskolben beim Austauschen aus der Latex-Mischung schräg hängen, was dazu führte, dass die Kondome unterschiedliche Wandstärken erhielten. Richters Urteil: "Hochwertige Kondome lassen sich so nicht produzieren."

Seine Spitzenqualität stellt der Maschinenfabrikant mit rund 500.000 US-Dollar in Rechnung. Die vielleicht wichtigste Dienstleistung ist dabei das Know-how-Paket. Die Beschäftigten des Kunden werden in die "Standard Operating Procedures" für alle Maschinen eingewiesen, und der Kunde selbst erhält eine Garantie für eine vorgegebene Sollmenge. Zusätzliche Pluspunkte sind Schnelligkeit und Flexibilität. Für verschiedene Größen und Ausführungen - zum Beispiel mit Noppen oder Rillen - können zwei Techniker die 950 Glaskolben innerhalb von zwei Stunden komplett auswechseln. "Das ist der größte Vorteil unserer Maschinen", erklärt Richter. Nicht weniger wichtig: Richter garantiert neuen Produzenten im Rahmen dieses Pakets, dass sie alle vorgeschriebenen Zertifikate und Zulassungen erreichen, von ISO über WHO bis zur US-Behörde FDA.

Inzwischen profitieren Kondom-Anwender auch individuell von Richters Erfindergeist. Er hat eine Produktionslinie für "maßgeschneiderte" Präservative entwickelt, in der Tauchbäder und Bürsten auf Knopfdruck verstellbar sind. Dies sei nötig und sinnvoll, da Forschungsergebnissen zufolge nur die richtige Kombination aus Länge und Durchmesser wirklich sicher sitze, so Richter. Das von ihm mitinitiierte Unternehmen Coripa kann so Kondome in 55 unterschiedlichen Größen anbieten. Der Vertrieb soll so funktionieren, dass Kondomkunden sich im Internet eine Mess-Schablone herunterladen. Die Messung fließt in einen Bestellcode ein, der an die jeweiligen Vertriebsfirmen online übermittelt wird. Für die Qualität dieses Kondom-Arsenals steht Richter mit seinen Sondermaschinen ein. Aufgabe der Vertriebsfirmen ist es hingegen, dafür zu sorgen, dass es beim Versand der nach Maß bestellten Produkte nicht zu Verwechslungen kommt.

© Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

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