Henrik Müller

"Abwärtsrisiken" für die Weltwirtschaft Deutschland droht der Realitätsschock

Viele Krisenherde, jede Menge Unvernunft: Die weltwirtschaftliche Stimmung trübt sich ein. Gerade Deutschland steht ein übles Erwachen bevor - und die Politik hat kaum Möglichkeiten gegenzusteuern.

Seit Dezember verschlechtert sich das Wirtschaftsklima in Deutschland. Ganz allmählich, aber doch stetig. Jeden Monat befragt das Münchner Ifo-Institut einige tausend Manager danach, wie sie ihr geschäftliches Umfeld einschätzen. Die Ergebnisse fallen immer düsterer aus. Inzwischen macht sich Pessimismus breit.

International das gleiche Bild: Im übrigen Europa, in den USA, in den großen Schwellenländern - mit der Stimmung geht's bergab. Zwar halten die Unternehmen die aktuelle Geschäftslage vielerorts noch für gut. Aber die Umfragen zeigen, dass sie immer skeptischer werden, was die Zukunft angeht. In einer solchen Konstellation geben sie typischerweise weniger Geld aus, was wiederum den Abschwung beschleunigt.

Noch wächst die Wirtschaft, noch steigt die Beschäftigung. Aber wie lange noch? Und: Was dann?

Die Lage ist vor allem deshalb heikel, weil die nächste Rezession anders verlaufen wird als die Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahrzehnte. Regierungen und Notenbanken können kaum noch gegensteuern. Bei aller Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Konjunktur, so lässt sich eines doch mit Sicherheit sagen: Die Zeiten werden rauer.

Deutsche Gewissheiten und andere Kalamitäten

Gerade den Deutschen steht ein übles Erwachen bevor. Seit 2006 erfreut sich die Bundesrepublik einer langen Wachstumsphase, unterbrochen nur von der scharfen Rezession der Jahre 2008/09. Dass Arbeitsplätze reichlich vorhanden sind und der Staatshaushalt Überschüsse ausweist ("Schwarze Null") - ja, dass Deutschland ökonomisch sowieso alles viel besser macht als andere Länder, zumal als unsere europäischen Partner -, das gehört inzwischen zu den kollektiven Gewissheiten dieser Gesellschaft.

Noch herrscht pralles Selbstbewusstsein. Noch zeigt die deutsche Wirtschaft eher Anzeichen einer Überhitzung; mehr als eine Million Stellen bleiben bei den Firmen unbesetzt, weil Bewerber rar sind. Aber Deutschland ist verletzlich. So verzeichnen die Industrieunternehmen inzwischen weniger Auftragseingänge.

Kein Wunder. Als hochgradig offene Volkswirtschaft mit gigantischem Außenhandelsüberschuss übertragen sich Stimmungsschwankungen auf den Weltmärkten ziemlich direkt auf die Bundesrepublik.

Kurzfristig seien die Aussichten noch "günstig", aber die "Abwärtsrisiken überwiegen", so die OECD, der Club der wohlhabenden westlichen Volkswirtschaften, in seinem jüngsten Wirtschaftsausblick.

Es ist eine Mischung aus zyklischen und politischen Faktoren, die die Entwicklung abbremsen. Einerseits ist es in Spätphasen eines ausgedehnten Wachstumszyklus ganz normal, dass sich die Dynamik abschwächt. Andererseits gibt es eine Reihe politischer Unwägbarkeiten, die alles andere als normal sind - und die gerade Deutschlands Wirtschaft belasten. Neben steigenden Zinsen in den USA und höheren Ölpreisen drückten "zunehmende Spannungen" im Welthandel und überhaupt "politische Unsicherheiten" auf die Stimmung, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF).

Handelskriege und andere Unsicherheiten

Tektonische Verschiebungen in der Weltwirtschaft sind im Gange. Ausgang: ungewiss.

Der Handelskrieg zwischen den USA und China eskaliert weiter, wenn auch bislang die tatsächlichen Maßnahmen hinter der martialischen Rhetorik zurückbleiben. Ob der Konflikt zwischen den USA und der EU tatsächlich beigelegt ist, muss sich erweisen: Beim Besuch von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker kürzlich in Washington hatte sich US-Präsident Donald Trump zwar überraschend konziliant gezeigt, aber eine erneute Eskalation ist jederzeit möglich.

In der Eurozone droht die Krise zurückzukehren, warnen die Ökonomen der Commerzbank. In den kommenden Wochen wird die Links-Rechts-Regierung ihren ersten Haushalt vorlegen. Dann wird sich erweisen, ob die römischen Populisten ihren breitbeinigen Anti-EU-Sprüchen Taten folgen lassen. Die nächsten heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten wären dann wohl die Folge.

Auch in den Schwellenländern nehmen die Unsicherheiten zu. China versucht, seine überschuldeten Unternehmen zu sanieren, ohne eine Rezession auszulösen. Die Türkei steckt in einer akuten Währungskrise, ein Misstrauensvotum internationaler Investoren gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich zum Quasi-Alleinherrscher aufgeschwungen hat. Die Lage im Iran spitzt sich zu, nachdem die Trump-Regierung die Sanktionen verschärft hat. Währenddessen verstrickt sich am anderen Ufer der Ölregion am Persischen Golf der junge saudische Regierungschef Mohammed bin Salman in immer neue internationale Konflikte.

Viele Krisenherde, jede Menge Unvernunft.

Geld - oder bloß gute Worte?

Politische Schocks treffen auf eine ohnehin wacklige Wirtschaft. Heikel ist die Lage vor allem, weil völlig offen ist, was die staatliche Konjunkturpolitik künftig noch ausrichten kann.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es ein normales Reaktionsmuster: In der Rezession griff der Staat ein, indem die Notenbanken die Zinsen senkten und der Staatshaushalt Ausgaben auf Pump finanzierte. Zusammen sorgten Geld- und Finanzpolitik dafür, dass die konjunkturellen Ausschläge sich im Rahmen hielten.

Doch nun ist alles anders. Nach der großen Rezession von 2008/09 verfügen Notenbanken und Finanzminister kaum noch über Spielräume. Die Zinsen sind nach wie vor sehr niedrig. Unter den großen westlichen Notenbanken hat einzig die amerikanische Fed eine Reihe von Zinserhöhungen vorgenommen und begonnen, ihre gigantischen Anleihebestände abzubauen.

Auch die meisten westlichen Finanzminister verfügen nur noch über geringe Spielräume. Seit 2007 sind die Verbindlichkeiten fast überall dramatisch gestiegen. In den USA und in Großbritannien haben sich die Verschuldungsquoten verdoppelt, in der Eurozone ist der Wert im Schnitt um ein Drittel gestiegen. Eine Verschuldung in Höhe von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist die neue Norm unter den OECD-Staaten. Dass Deutschland und einige kleinere Länder ihre Finanzen noch im Griff haben, ändert nichts an dem Befund einer insgesamt angespannten Finanzlage der Staaten.

Die Aussichten für die nächste Rezession sind deshalb besorgniserregend: Die Notenbanken können die Zinsen kaum noch weiter senken. Und: Viele Staaten würden ihre Zahlungsfähigkeit riskieren, wenn sie in massive schuldenfinanzierte Ausgabenprogrammen einsteigen.

Denkbar ist ein Japan-Szenario für alle. Dort kauft die Notenbank hemmungslos die Schulden auf, die der bereits rekordhoch verschuldete Staat (Schuldenquote: 225 Prozent) zusätzlich macht. Eine radikale Politik - allerdings mit bescheidenen Effekten.

Sollte es ganz schlimm kommen, könnten die Notenbanken auch den Bürgern direkt Geld auf ihren Konten gutschreiben. Solches "Helikopter-Geld" ist bereits seit Langem in der Diskussion. Aber ausprobiert hat diesen Ansatz noch niemand.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche