Henrik Müller

Konjunktur und Börse Viren, Crash und Terror

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Was bedeutet die Coronakrise für die Wirtschaft? Erfahrungen mit früheren Problemphasen zeigen: Heftige Verwerfungen sind möglich – aber nicht jede Gefahr wird auch Wirklichkeit.
Börse in Tokio: Die wachsende Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus ließ die Aktienmärkte weltweit einbrechen

Börse in Tokio: Die wachsende Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus ließ die Aktienmärkte weltweit einbrechen

Foto: -/ dpa

Horrorszenarien lassen sich leicht erzählen. Zum Beispiel dieses: Die Coronavirus-Epidemie wird weltweit Hunderttausende, vielleicht sogar zig Millionen Todesopfer fordern. Es kommt zu einer globalen Rezession, die wiederum eine Schuldenkrise auslöst. Eine lange ökonomische Eiszeit wäre die Folge. Nationalistische Animositäten nehmen zu; es kommt zu unkoordinierten Grenzschließungen, Protektionismus und womöglich sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen.

So ungefähr beurteilt Nouriel Roubini die Aussichten im SPIEGEL-Interview . Eine medizinische Krise werde eine wirtschaftliche und geopolitische Krise nach sich ziehen. Das Virus wird in diesem Szenario zum Katalysator für den Zerfall der bisherigen Ordnung - einer Ordnung, deren Risse bereits seit Längerem sichtbar sind und sich nun zu Gräben ausweiten. Wenn das Virus erst da ist, sagt Roubini, dann "sind wir alle am Arsch". Ernsthaft?

Es ist schon bemerkenswert. Binnen weniger Tage ist die demonstrative Gelassenheit, mit der Millionen von Bundesbürgern Karneval feierten, einem Gefühl aufsteigender Panik gewichen. Die immer weitere Ausbreitung der Epidemie hat die Börsen abschmieren, den Goldpreis in die Höhe schießen und den Kupferpreis abstürzen lassen. Grenzüberschreitende Lieferketten brechen zusammen, die für Produktionsausfälle sorgen, gerade in der Autoindustrie.

 Ein Unternehmen nach dem anderen veröffentlicht Absatzwarnungen. In Berlin ist die Internationale Tourismusbörse (ITB), die Montag beginnen sollte, abgesagt worden, in Genf der Automobilsalon. Schlaglichter. Und all das ist erst der Anfang.

Hurra, wir leben noch!?

Dies ist die Lage: Wir stehen vor einer gigantischen Nebelwand. Was sich dahinter verbirgt, wissen wir nicht.

Drei Dimensionen von Nichtwissen plagen uns: Wir kennen weder das Virus, seine genauen Ausbreitungswege, Krankheitsverläufe oder Mortalitätsraten. Noch kennen wir die seuchenpolitischen Maßnahmen, die in den kommenden Wochen und Monaten nötig werden. Noch wissen wir, welche Verhaltensänderungen die Coronakrise bei Bürgern, Unternehmen und Investoren anstößt, die wiederum die Wirtschaft dauerhaft verändern könnte.

Es ist denkbar, dass die Epidemie bereits in wenigen Wochen abgeklungen sein wird. In der Folge könnte ab Sommer, wenn Grippewellen typischerweise abflauen, eine überraschend positive Entwicklung einsetzen. Zurückgestaute Geschäfte würden dann nachgeholt. Die Stützungsmaßnahmen von Regierungen und Notenbanken, die in den kommenden Wochen vermutlich ins Werk gesetzt werden, würden zusätzlichen Schub bringen. Statt Krise und Crash käme es zu Aufschwung und Hausse. Hurra, wir leben noch!?

Ist ein solch positives Panorama wahrscheinlicher als Roubinis Dann-sind-wir-alle-am-Arsch-Szenario? Wir wissen es nicht. Vermutlich wird die Realität irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen.

Kommt es zu einem Crash wie 2008…

Was die Wirtschaftspolitik betrifft, können wir eines mit hinreichender Sicherheit sagen: Der Staat kann etwas gegen die Nachfrageausfälle und die Finanzmarktpanik infolge der Corona-Epidemie tun. Die Folgen auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft hingegen lassen sich kaum lindern.

Wenn Unternehmen und Bürger vor lauter Verunsicherung aufhören, Geld auszugeben, wenn an den Börsen Panik ausbricht, dann können – und müssen – Finanzminister und Notenbanker gegensteuern, indem sie Geld ausgeben und mit Wertpapierkäufen die Finanzmärkte stützen. Während der Finanzkrise von 2008 haben die Staaten eindrucksvoll bewiesen, dass sie im Zweifel zu höchst effektiven Stabilisierungsmaßnahmen imstande sind.

Allerdings ist die Ausgangslage heute schwieriger als damals, aus drei Gründen:

  • Die Schulden sind heute weltweit höher als bei Ausbruch der Finanzkrise 2008. Im Durchschnitt betrugen die gesamten Verbindlichkeiten in den G20-Volkswirtschaften damals 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Heute liegt der Wert rund 40 Prozentpunkte höher, wie aus Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)  hervorgeht. Verglichen mit der Lehman-Pleite ist das Wertvernichtungspotenzial eines Corona-Crashs größer.

  • Die Spielräume der Notenbanken und der Finanzminister sind geringer. Anders als damals sind die Leitzinsen bereits in vielen Ländern bei null; die Notenbankbilanzen quellen über vor Wertpapieren; die Staatsschulden sind in vielen Ländern deutlich höher als Ende der 2000er-Jahre. Sollte es jetzt zu einer schweren globalen Rezession kommen, müsste die Notenbanken vermutlich neue Staatsschulden in bislang unbekannter Größenordnung aufkaufen.

  • Der Geist globaler Kooperation ist verflogen. Nationalismus und Protektionismus bestimmen heute die Weltwirtschaft. 2008/09 gab es weltweit abgestimmte Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur und der Finanzmärkte. Die G20-Staaten handelten, vor allem die USA, China, die Eurozone, Japan, Großbritannien. Schwer vorstellbar, dass sich vergleichbare koordinierte Maßnahmen heute wiederholen ließen.

Was die Stabilisierung bei einer akuten Wirtschaftskrise angeht, könnten die Staaten also durchaus etwas tun. Allerdings sind ihre Handlungsfähigkeit und ihr Handlungswille eingeschränkt.

Günstiger als damals ist die Situation innerhalb der Eurozone. Der Rettungsschirm ESM steht bereit, hoch verschuldete Staaten, die infolge der Coronakrise an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kommen, zu stützen. Selbst für das hoch verschuldete und virusgeplagte Italien dürften die Gelder reichen.

…oder zu einem Unsicherheitsschock wie 2001?

Neben den unmittelbaren Auswirkungen kann die Coronakrise langfristig spürbare Veränderungen anstoßen. Die enorme Ungewissheit, mit der wir derzeit konfrontiert sind, ähnelt in gewisser Weise der Situation im Herbst 2001.

Auch damals herrschte zeitweise ein diffuses Gefühl individueller Bedrohung. Nach den Terroranschlägen vom 11. September war es in den USA zu einer Reihe von Attentaten mit dem Milzbrand-Erreger Antrax gekommen. Auch in Deutschland wurde damals Geschäftspost durch Sicherheitsschleusen geschickt. Viele Menschen mieden Massenansammlungen, zogen sich lieber in die eigenen vier Wände zurück. "Cocooning" – sich Einspinnen im heimischen Kokon – wurde zum Schlagwort.

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Henrik Müller

Kurzschlusspolitik: Wie permanente Empörung unsere Demokratie zerstört

Verlag: Piper
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Die Kinobesuche gingen zurück, es begann der Siegeszug der DVD. Statt ins Restaurant zu gehen, wurde wieder zu Hause gegessen. Die Reiselust nahm ab, sowohl urlaubsmäßig als auch geschäftlich. SUVs, die Sicherheitsgefühle vermittelten, wurden auch für Städter populärer, zunächst in den USA, später auch in Europa. 

Bei den Unternehmen sorgten die Terrorübergriffe für massive Verunsicherung: Würden der globale Reiseverkehr und der Container-Umschlag wegen aufwendiger Sicherheitskontrollen zum Erliegen kommen? Und was würde dann aus der Globalisierung? Müssten die Grenzen ein Stück weit geschlossen und internationale Lieferketten gekappt werden? Solche Fragen beschäftigten damals Manager, Anleger und Berater. (Ein Stimmungsbild der damaligen Lage können Sie hier nachlesen. )

Es kam dann nicht so weit. Die Lage normalisierte sich relativ rasch, kurz darauf ging die Globalisierungspartie erst richtig los. Der Zug zur immer weiteren Öffnung war dann doch stärker als die Ängste. Und dieses Mal?

Langsames Vortasten

Der Corona-Schock stößt auf eine Welt, die schon seit einiger Zeit von Fragmentierungstendenzen geprägt ist. Geopolitische Unsicherheit, Populismus, Nationalismus und Protektionismus belasten seit Jahren die Wirtschaft. Möglich, dass das Virus diese Tendenzen weiter verstärkt. Globale Wertschöpfungsketten könnten sich auflösen. Die Globalisierung, wie wir sie kennen, würde zurückgedreht.

Möglich auch, dass die Coronakrise die Virtualisierung vorantreibt. Der Austausch von Daten könnte den physischen Austausch von Gütern und Personen ersetzen. Die "Globoterisierung", wie Ökonom Richard Baldwin sie nennt, würde sich beschleunigen.

Wie gesagt: Wir stehen vor einer gigantischen Nebelwand. Einstweilen können wir nichts anderes tun, als uns langsam vorzutasten.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Jerusalem - Wählen auf dem Pulverfass – Parlamentswahl in Israel, zum dritten Mal binnen zwölf Monaten.

Erfurt – Ground Zero der Unionskrise – Die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag wählt einen Nachfolger für Mike Mohring.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Rheinmetall.

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