Umfrage zu hohen Energiepreisen Mehr als 40 Prozent der Mittelständler sehen ihre Existenz bedroht

Putins Krieg kostet die deutsche Wirtschaft laut DIW-Ökonom Fratzscher bis zu 200 Milliarden Euro. Der Lebensstandard vieler Menschen wird wohl sinken, an eine Lohn-Preis-Spirale glaube er aber nicht.
Leuchte an einer Produktionsanlage in Baden-Württemberg: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger

Leuchte an einer Produktionsanlage in Baden-Württemberg: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger

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Sebastian Gollnow / picture alliance/dpa

Unter den explodierenden Energiepreisen leiden nicht nur Haushalte – sondern auch viele mittelständische Unternehmen. Einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft BVMW zufolge sehen viele von Ihnen gar bereits ihr Überleben in Gefahr.

42,36 Prozent von 853 befragten Unternehmen gaben in der Umfrage an, dass die Energiepreisexplosion die Existenz des Unternehmens gefährden würde, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten. Mit 72,5 Prozent gaben fast drei Viertel der befragten Unternehmen an, unter den derzeitigen Preisen für Energie zu leiden.

Dass die Lage seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ernst ist, bestätigt auch Ökonom Marcel Fratzscher. Die deutsche Wirtschaft werde das noch über Jahre spüren. Der Krieg habe »massiven Schaden für die deutsche Wirtschaft verursacht«, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Von dem zu Jahresbeginn für möglich gehaltenen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 4,5 Prozent in diesem Jahr könnte bestenfalls ein Plus von anderthalb Prozent übrig bleiben.

Konjunktur wird wohl jahrelang zurückgehen

»Und das ist jetzt nur der Einfluss auf dieses Jahr«, sagte Fratzscher. Das werde sich die nächsten zwei, drei Jahre fortsetzen – »so lange, bis wir wirklich unabhängig von russischem Gas sind«. Das werde bis mindestens 2025 dauern. Es gehe grob geschätzt um vier bis fünf Prozentpunkte des Bruttoinlandsproduktes, die über drei Jahre hinweg verloren gehen. »Das sind 150 bis 200 Milliarden Euro weniger Wirtschaftsleistung.«

Die Gefahr einer Rezession im Winterhalbjahr sei »hoch und steigend«. Es könnte schon im laufenden Sommerquartal eine schrumpfende Wirtschaftsleistung geben. Eines sei jedoch anders als bei den bisherigen Krisen: »Wir könnten eine ungewöhnliche Rezession erleben, in der wir keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit haben werden, aber einen deutlichen Rückgang des privaten Konsums und damit des Lebensstandards  ungewöhnlich vieler Menschen«, sagte Fratzscher. Gegen größere Probleme am Arbeitsmarkt spreche der massive Fachkräftemangel, die Unternehmen hätten aktuell fast zwei Millionen offene Jobs.

Als Treiber Nummer eins für eine Rezession gelten die hohen Energiepreise. »Das führt dazu, das Unternehmen weniger investieren und vor allem Verbraucher weniger konsumieren«, sagte der DIW-Chef. »Wir sehen schon jetzt eine massive Schwäche bei den privaten Konsumausgaben.« Zwar würden die Kosten dieser Rezession so auf viel mehr Schultern verteilt als üblich. Das Problem daran sei, dass es Menschen mit geringen Einkommen ungewöhnlich stark treffe. »Sie haben das Drei- bis Vierfache an Inflation im Vergleich zu Menschen mit hohen Einkommen«, sagte Fratzscher. Sie erlitten einen höheren Kaufkraftverlust und müssten sich noch stärker einschränken, »zumal viele von ihnen keine Ersparnisse haben«.

Unternehmer rufen nach dem Staat

Bei der Frage, wie dem begegnet werden kann, hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zu Wochenbeginn weitere Entlastungen für Geringverdiener in Aussicht gestellt. Die mittelständischen Unternehmen fordern aber auch mehr Hilfe. Eine deutliche Mehrheit von 88,64 Prozent plädiert laut Verbandsumfrage für staatliche Maßnahmen zur Energiepreissenkung. Zwei Drittel der Unternehmen sprachen sich für eine Steuersenkung oder Steuerbefreiung auf Energie aus.

Aber auch ein gemeinsamer Einkauf von Energie durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (44,3 Prozent) sowie Energiekostenzuschüsse (41,4 Prozent) fordern viele Unternehmen. Rund jedes vierte Unternehmen wünsche sich eine Preisdifferenzierung für energieintensive Branchen.

Für Beschäftigte verhandeln die Gewerkschaften besonders wegen der hohen Energiepreise derzeit üppige Gehaltserhöhungen heraus. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hatte deshalb zuletzt immer wieder vor einer Lohn-Preis-Spirale gewarnt und von einer realen Gefahr gesprochen.

Ökonom Fratzscher glaubt nicht an die Gefahr zu hoher Lohnabschlüsse, die dann wiederum die ohnehin schon kräftige Inflation weiter anheizen. »Das ist ein Märchen«, sagte Fratzscher. Die Gefahr sei nicht akut. »Man muss jedenfalls keine Panik schieben, auch weil die Gewerkschaften nicht mehr eine so starke Verhandlungsmacht haben, wie dies noch in den Siebzigerjahren der Fall war.« Es gebe eher deutliche Reallohnverluste. Dieses Jahr dürften die Löhne im Schnitt um 4,5 Prozent zulegen – bei einer Inflation in Deutschland von etwa acht Prozent. »Auch für die kommenden Jahre sehe ich keine Anzeichen, dass wir in eine Lohn-Preis-Spirale rutschen könnten.«

apr/Reuters
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