Konjunkturboom Mehr Jobs, mehr Geld, mehr Sicherheit

Deutschland ist Konjunktur-Superstar: Um 3,5 Prozent soll die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen, 2011 könnte die Krise komplett überwunden sein. Viele Bürger glauben trotzdem, dass der Aufschwung bei ihnen nicht ankommt - ein gewaltiger Trugschluss.
Baustelle in Halle: Superstar Deutschland

Baustelle in Halle: Superstar Deutschland

Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

Hamburg - Wir ziehen los, mit ganz großen Schritten - das ist der Grundtenor des Herbstgutachtens der acht führenden Wirtschaftsinstitute. Ihre Prognose zur deutschen Konjunktur liest sich bemerkenswert optimistisch. Es wird aufwärts gehen - mit 3,5 Prozent Konjunkturwachstum in diesem Jahr und zwei Prozent im kommenden. Und das trotz auslaufender Konjunkturpakete. Deutschland kämpft sich nicht länger aus der Krise, die Republik wächst so stark wie seit der Wiedervereinigung nicht.

Natürlich gibt es Einschränkungen. So warnen die Konjunkturforscher vor Unwägbarkeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftswelt, die den Boom schnell wieder zunichtemachen könnten: die zögerliche Erholung der US-Wirtschaft beispielsweise, die Überhitzungsgefahr in China, die Schuldenkrisen einiger europäischer Staaten oder der globale Preisauftrieb bei Industrierohstoffen. Doch diese Warnungen sind in jedem Konjunkturgutachten Routine.

Viel bemerkenswerter ist: Selbst wenn die Prognosen eintreffen, selbst wenn es ein Rekordwachstum gibt, würde Deutschlands Konjunktur Ende 2011 gerade einmal das Vorkrisenniveau erreichen. Zwar wächst die stark vom Export abhängige deutsche Konjunktur derzeit schneller als jede andere in Europa; Deutschlands Wirtschaft ist aber im vergangenen Jahr auch besonders stark abgestürzt: um historische 4,7 Prozent.

Obendrein gibt es Klagen in der Bevölkerung: Auto-, Chemie- und Elektrokonzerne melden zwar schon wieder Milliardengewinne, die Arbeitnehmer aber fühlen sich abgehängt. In Umfragen der vergangenen Monate lautete das Credo der meisten Befragten: Der Aufschwung kommt bei uns nicht an.

In einer "Stern"-Erhebung von Ende August gaben nur 16 Prozent an, etwas von der wirtschaftlichen Erholung zu spüren; 21 Prozent sagten, es gehe ihnen schlechter als im Vorjahr. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid für "Focus" von Anfang August sagten nur 22 Prozent der Befragten, sie erwarteten, vom Aufschwung zu profitieren. Auch laut einer Emnid-Erhebung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung glauben auffällig wenige Deutsche, vom Aufschwung persönlich etwas zu haben. 61 Prozent sagten, immer höheres Wirtschaftswachstum würde ihre Lebensqualität nicht steigern.

Die Wahrheit ist: Der Aufschwung kommt sehr wohl bei jedem einzelnen Deutschen an - und das auf vielfältige Weise. SPIEGEL ONLINE nennt die wichtigsten Beispiele.

Besserer Jobmarkt - mehr Stellen und ein besseres Arbeitsklima

Ein großer Vorteil der anziehenden Konjunktur zeichnet sich schon jetzt ab: Die Arbeitslosigkeit wird nach Einschätzung vieler Experten drastisch sinken. Die acht Wirtschaftsinstitute gehen in ihrem Herbstgutachten davon aus, dass sie im kommenden Jahr unter drei Millionen sinken wird - den tiefsten Stand seit 1992. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat schon Mitte September eine ähnlich optimistische Prognose herausgegeben.

"Bemerkenswert ist, dass der Aufschwung am Arbeitsmarkt sehr breit ist", sagt Sabine Klinger vom IAB. "Er zieht sich durch alle Bundesländer, fast alle Altersgruppen, er betrifft Kurz- und Langzeitarbeitslose und macht sich auch in Branchen wie dem verarbeitenden Gewerbe bemerkbar, auf die sich die Krise besonders stark ausgewirkt hatte."

Die Vorteile dieses breiten Aufschwungs sind vielfältig. So finden nicht nur Hunderttausende Menschen einen neuen Job; auch der Lebensstandard Hunderttausender weiterer Menschen, die in der Krise nur einen Teil ihrer normalen Arbeitsstunden leisten konnten, verbessert sich.

So waren im Juni 2010 hochgerechnet nur noch 410.000 Personen in Kurzarbeit. Seit dem Höchststand im Mai 2009 hat sich damit die Zahl der Kurzarbeiter um mehr als eine Million reduziert. Auch die Vollzeitbeschäftigung hat laut IAB deutlich zugenommen. Im September 2010 arbeiteten 180.000 Menschen mehr Vollzeit als im Vorjahr.

Die Zukunftsperspektiven für Jobeinsteiger haben sich ebenfalls verbessert. Wie dem Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit zu entnehmen ist, sank die Zahl der arbeitslosen 15- bis 25-Jährigen im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Im September 2009 lag die Arbeitslosenquote in diesem Bereich noch bei 8,2 Prozent, vergangenen Monat nur noch bei 6,7 Prozent.

Es ist zudem möglich, dass der Aufschwung auch das Klima am Arbeitsplatz verbessert. Immerhin gibt es Hinweise darauf, dass sich weniger Mitarbeiter mit Fieber und Schnupfen zum Job quälen, weil sie weniger Angst vor dem Jobverlust haben.

So ist der Krankenstand im ersten Halbjahr 2010 gestiegen. Stichproben des Gesundheitsministeriums zufolge fehlten Arbeitnehmer von Januar bis Juni am jeweils ersten des Monats gut 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 3,24 Prozent - das entspricht einem Anstieg um zehn Prozent.

Bessere Löhne - die Chancen auf eine Gehaltserhöhung steigen

Ein weiterer unmittelbarer Vorteil des Aufschwungs: Er stärkt die Verhandlungsposition von Gewerkschaften und Arbeitnehmern. Ein gutes Klima auf dem Arbeitsmarkt macht es leichter, höhere Löhne zu fordern. "Der große Faktor, der die Löhne treibt, ist die Arbeitslosenquote", teilte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer kürzlich in einer Analyse zum Arbeitsmarkt mit.

Aus Sicht des Geldinstituts hat Deutschland viel Spielraum für Lohnsteigerungen. Schließlich seien die Lohnstückkosten seit der Jahrtausendwende in den südlichen Euro-Ländern um 30 bis 40 Prozent gestiegen, während sie in Deutschland kaum zugelegt hätten. Damit habe sich Deutschland einen hohen Wettbewerbsvorteil erarbeitet. Jetzt könne dieser Vorsprung für Lohnsteigerungen genutzt werden.

Denn ein Gehaltsplus für möglichst viele Arbeitnehmer hat für die gesamte Republik einen großen Vorteil: Wer mehr Geld in der Tasche hat, kann mehr kaufen - und das kurbelt die Binnenkonjunktur an, die neben dem Export von Waren der größte konjunkturelle Wachstumsfaktor für Deutschland ist.

Gerade beim Binnenkonsum hat Deutschland großen Nachholbedarf. Im starken zweiten Quartal 2010 trug der private Konsum nur leicht zum Aufschwung bei, Lokomotive für das Wachstum von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal waren vor allem die Exporte.

Gehaltserhöhungen ab 2012

Entsprechend plädieren Politiker und Wirtschaftsexperten unisono für eine satte Lohnerhöhung in vielen Branchen. "Damit die Binnenwirtschaft anspringt, wäre eine Tarifrunde mit Lohnerhöhungen von durchschnittlich gut drei Prozent erforderlich", sagte der Chefvolkswirt der staatlichen KfW-Bankengruppe, Norbert Irsch, kürzlich. "Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen möglich", sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kürzlich.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) warnten kurz nach Veröffentlichung des Herbstgutachtens schon einmal prophylaktisch vor einem zu großzügigen Gehaltsplus. In einer Pressemitteilung fordern sie eine "Lohnpolitik mit Augenmaß".

Generell aber stehen die Chancen für eine Lohnerhöhung gut. Doch wann kommt der Aufschwung bei den Arbeitnehmern an? Die meisten Tarifverträge liefen erst Ende 2011 aus. "Der Lohnauftrieb wird ab 2012 deutlich zunehmen", sagt Commerzbank-Analyst Ralph Solveen. "Allerdings werden die Lohnsteigerungen sehr unterschiedlich sein", merkt Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel an - abhängig von der Ausgangslage jeder speziellen Branche und vom Verhandlungsgeschick der zuständigen Gewerkschaften.

Einige Experten sehen indes schon jetzt positive Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft. "Wir erwarten, dass der Konsum erstmals seit zehn Jahren wieder nennenswert steigt", sagt IfW-Experte Scheide.

Moderatere Sozialabgaben - die Beiträge steigen langsamer

Für den klammen Staat ist das satte Konjunkturplus eine gute Nachricht. In ihrem Herbstgutachten gehen die acht Wirtschaftsinstitute davon aus, dass Deutschland schon im nächsten Jahr wieder die Maastricht-Kriterien einhalten wird. Die Forscher erwarten für 2011 eine Defizitquote von 2,7 Prozent, nach 3,8 Prozent in diesem Jahr.

Das Loch in den Kassen der gesetzlichen Sozialversicherung ist schon jetzt erheblich kleiner geworden. Vor allem dank des Aufschwungs auf dem Arbeitsmarkt schrumpfte es im ersten Halbjahr 2010 auf drei Milliarden Euro, berichtete das Statistische Bundesamt am Donnerstag. Im selben Zeitraum 2009 war die Lücke mit 9,3 Milliarden Euro noch mehr als dreimal so groß.

In drei der vier sozialen Sicherungssysteme macht sich der Aufschwung schon jetzt bemerkbar:

  • Von Januar bis Juni nahm die Bundesagentur für Arbeit deutlich mehr Geld ein als im ersten Halbjahr 2009. Unter dem Strich sank das Defizit um 8,5 Milliarden Euro auf 1,7 Milliarden Euro.
  • Einen leichten Überschuss verbuchte die gesetzliche Krankenversicherung. Sie lag 300 Millionen Euro im Plus.
  • Einnahmen und Ausgaben der Pflegeversicherung waren ausgeglichen - mit jeweils 10,6 Milliarden Euro.
  • Schlechter steht es um die Rentenversicherung. In diesem Bereich registrierten die Statistiker von Januar bis Juni ein Defizit von 1,8 Milliarden Euro, eine Milliarde Euro mehr als im Vorjahreszeitraum.

Auf sinkende Beiträge sollten die Bürger trotz des Aufschwungs nicht unbedingt hoffen. Denn die Regierung ist auch jetzt noch notorisch klamm. Gerade erst hat die schwarz-gelbe Koalition ein 80-Milliarden-Euro-Programm auf den Weg gebracht, um die Staatsausgaben zu kürzen und die neue Schuldenbremse im Grundgesetz einzuhalten. In ihrem Herbstgutachten appellieren die Forscher ebenfalls an die Koalition, ihren Sparkurs fortzusetzen.

Für die Bevölkerung ist der Aufschwung dennoch eine gute Nachricht. Die Defizite in den sozialen Sicherungssystemen schrumpfen schneller als erwartet - neue Erhöhungen der Sozialbeiträge werden damit zunächst nicht nötig.