Manipulierte Umfrage zu Krebsmedikament "Kannst du das immer anpassen?"

Umfragen deutscher Marktforschungsinstitute sind nach SPIEGEL-Informationen bisweilen manipuliert: Viele Untersuchungen wurden in Wirklichkeit zu großen Teilen ausgedacht. Zum Beispiel eine Befragung zum Krebspräparat Keytruda.
Foto: Max Heber/DER SPIEGEL

Viele Unternehmen geben Umfragenin Auftrag, meist um ihr Image zu überprüfen, Lob und Kritik der Kunden zu ermitteln oder um neue Produkte zu testen. In der Marktforschungsbranche werden diese Befragungen häufig in einer Kette immer weitergereicht: auch von den bekannten Unternehmen wie GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) oder dem Großkonzern Kantar Group an kleinere Institute und von dort aus noch weiter. Wie eine SPIEGEL-Recherche zeigt, wird dabei immer wieder manipuliert.

Fast verstörend sind Beispiele aus dem Gesundheitssektor: Viele Pharmaunternehmen wollen wissen, wie Ärzte ihre Produkte einsetzen oder welche Wirkung die Besuche ihrer Außendienstmitarbeiter haben. Es geht dabei um so schwerwiegende Dinge wie Lungenkrankheiten, Diabetes, Grippeinfektionen, Knochenmarksschäden, Herzerkrankungen oder verschiedene Krebsarten, wie in diesem Beispiel.

Bösartige Tumore

In den Jahren 2016 und 2017 beauftragte der Pharmakonzern MSD (Merck & Co.) das renommierte Marktforschungsunternehmen Infratest, das zum Großkonzern Kantar gehört, mit einer Umfrage unter Krebsärzten zu ihrem Präparat Keytruda. Mit dem Medikament werden Patienten behandelt, die einen bösartigen Tumor haben.

Die Umfrage richtet sich an entsprechende Fachärzte, wie der Fragebogen zeigt: "Guten Tag, mein Name ist XY von Kantar Health, der Gesundheitsforschung von Infratest. Wir führen derzeit Expertengespräche über die neuen Therapien in der Immunonkologie in Deutschland durch und möchten ein repräsentatives Bild der medizinischen Versorgung in Krankenhausambulanzen und Praxen erhalten."

Die Akte Marktforschung
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Dieser Artikel ist Teil der Serie "Die Akte Marktforschung". Tricksen, täuschen, manipulieren: Bei Umfragen in Deutschland wird geschummelt. Eine SPIEGEL-Recherche deckt Betrug in der Branche auf. Lesen Sie alle Texte dazu auf unserer Themenseite. 

Das Interview soll 20 Minuten dauern, teilnehmende Ärzte bekommen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 70 Euro, in einer Folgebefragung sind es noch 50 Euro. Kantar Health reicht den komplizierten Auftrag weiter, an das Feldinstitut CSI International. Anders als auf der Website beworben ("erfahrenes und etabliertes Feldserviceinstitut") dürften die Ergebnisse eher nicht "von tadelloser Qualität, solide, tragfähig und aussagekräftig" gewesen sein. CSI gibt die Umfrage wiederum größtenteils weiter, an ein kleines Unternehmen, das mit einer Reihe freier Mitarbeiter diese Interviews erstellt. Dem SPIEGEL liegen Anweisungen, E-Mails und Fragebögen von CSI vor, die die anrüchigen Praktiken der Branche belegen.

Tatsächlich werden ein paar Ärzte angerufen und befragt - keine einfache Aufgabe. Vermutlich weil das recht lange dauert, gibt CSI dem Dienstleister einige dieser im Gespräch mit echten Ärzten ausgefüllten Fragebögen weiter - und dort, so erklärt es einer der daran Beteiligten dem SPIEGEL, entsteht aus den echten Interviews in recht kurzer Zeit dann ein Datensatz mit ähnlichen Ergebnissen. Das Gute für den Dienstleister: CSI hat die Umfrage bereits einmal durchgeführt - es gibt also ausgefüllte Fragebögen. Der Hersteller will nun eine zweite und später eine dritte "Welle", wie es im Branchensprech heißt.

Wichtig in diesem Fall: Die Ergebnisse der neuen Befragung sollten nicht so stark von der ersten Runde abweichen. Die Anweisung von CSI: "Wenn in den Interviews aus Welle 1 bei der Frage D5. Kommt es vor, dass der Inhalt einer Durchstechflasche auf verschiedene Patienten aufgeteilt wird? 'Nein' angegeben wurde, dann würde ich vorschlagen, dass wir in Welle 2 ebenfalls bei D5_1 und D5_2 'Nein' angeben." [Hervorhebungen im Original]

Wie soll man das anders verstehen, als dass Interviews konstruiert werden sollten?

Video: Der Umfragen-Lüge auf der Spur

SPIEGEL ONLINE

Auch hier kommt es zu Diskrepanzen, die Anpassungen erfordern: Dem aufmerksamen Subunternehmer fällt auf, dass die Ärzte sich im Fragebogen zum Teil seltsamerweise widersprechen und das Präparat einerseits für bestimmte Therapien verwendet haben und andererseits das nicht getan haben. Die Antwort von CSI: "Mich ärgert es, dass die Ärzte und auch die Interviewer an solchen Stellen nie mitdenken. Zum Glück scheint das dem Kunden nicht aufgefallen zu sein. Kannst du das dementsprechend immer anpassen? Damit es auch logisch ist."

Der Aufwand ist offensichtlich groß. Andererseits zahlt CSI pro Datensatz nur zehn Euro - auch wenn unklar ist, wie viel das Feldinstitut seinem Auftraggeber Kantar Health für die Interviews in Rechnung stellt, die "Aufwandsentschädigung" dürfte auf jeden Fall in der Kasse bleiben. Und der Kunde war mit den Ergebnissen damals offenbar zufrieden: Vier Monate später kommt der Folgeauftrag für die dritte Welle.

Geschäftsführung wusste davon

Die verdächtigen Anweisungen kamen in diesem Fall von der mittleren Managementebene - die Geschäftsführung wusste aber wohl von Tricksereien. Bei einer weiteren Umfrage aus dem Jahr 2014 erklärt sich CSI-Chef Henning Eichholz einverstanden, Interviews "nachzumachen", so erspare man sich die "Fummelei an den Daten".

CSI selbst reagierte zurückhaltend auf die SPIEGEL-Anfrage: "Die Vorwürfe, wegen derer Sie recherchieren, sind weitreichend und betreffen möglicherweise lange Zeit zurückliegende Projekte", so Geschäftsführer Eichholz. Er hoffe auf Verständnis, dass das Unternehmen "die Situation und Abläufe zunächst intern zu recherchieren habe".

"Um Klärung gebeten"

Die Aufträge von Kantar Health hat die Firma allerdings verloren. Auf Anfrage bestätigt das Marktforschungsunternehmen Kantar, dass es Probleme mit der Datenqualität von CSI-International und dem im Zusammenhang mit der SPIEGEL-Recherche ebenfalls aufgefallenen Unternehmen ACE-International gab. "Wir haben die Befragung im eigenen Unternehmen wiederholt, einzelne Aufträge storniert", schreibt Kantar auf Anfrage.

Der ursprüngliche Auftraggeber reagierte dagegen überrascht und kann die Angaben nicht bestätigen. Es habe "vereinzelt unplausible Ergebnisse" gegeben, "die auf statistische Ausreißer und eine geringe Stichprobengröße zurückgeführt wurden", so MSD auf SPIEGEL-Anfrage. Das Unternehmen habe "Mitte Januar um Klärung gebeten", die noch nicht abgeschlossen sei.

Mehr dazu im SPIEGEL TV Magazin Sonntag, 4. Februar, um 22.30 Uhr auf RTL
Recherche: Peter Maxwill, Philipp Seibt, Ansgar Siemens. Redaktion: Jörg Diehl
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