Krim-Krise Was für deutsche Konzerne in Russland auf dem Spiel steht

Für seinen Putin-Besuch muss Siemens-Chef Kaeser Kritik einstecken, doch in der Wirtschaft bekommt er Beifall. Allein die Dax-Konzerne fürchten in Russland um Milliardenumsätze und -investitionen. Was auf dem Spiel steht - der Überblick.
Metro-Supermarkt in Moskau: Milliardengeschäft für deutsche Konzerne

Metro-Supermarkt in Moskau: Milliardengeschäft für deutsche Konzerne

Foto: © Sergei Karpukhin / Reuters

Hamburg - Der Russlandbesuch von Joe Kaeser provozierte Empörung. Mitten in der Krim-Krise hatte sich der Siemens-Chef mit Präsident Wladimir Putin getroffen. Und mit Eisenbahnchef Wladimir Jakunin, obwohl der auf der Sanktionsliste der Vereinigten Staaten steht. Nach dem Besuch lobte Kaeser dann auch noch die "vertrauensvolle Beziehung" zu Russland und spielte das Weltereignis Krim-Annexion zur "kurzfristigen Turbulenz" herunter.

Selbst in deutschen Konzernen fand man das Auftreten des Siemens-Chefs diplomatisch ungeschickt. Gleichzeitig hätten auch viele Wirtschaftsvertreter Kaesers Botschaft begrüßt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Freitag.

Die Wirtschaft dürfe für die Belange der Politik nicht instrumentalisiert werden, finden manche. Kaesers Auftritt - ein willkommenes Signal gegen Sanktionen. Aus Sicht der Konzernlenker kann man das verstehen, denn in dem einstigen Boomland steht für sie viel auf dem Spiel - wie folgende Tabelle zeigt:

Allein die Umsätze der Dax-Konzerne in dem einstigen Boomland beliefen sich im Jahr 2012 auf mindestens 21,5 Milliarden Euro, wie die Unternehmensberatung EAC Consulting kürzlich in einer Studie feststellte. Insgesamt macht das Russlandgeschäft bis zu 7,5 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus.

Bei Firmen außerhalb des Dax ist die Abhängigkeit teils noch weit höher. Die Knauf-Gruppe etwa erwirtschaftet rund 20 Prozent ihres Konzernumsatzes von rund fünf Milliarden Euro in Russland.

Nicht nur die Umsätze sind durch politische Unruhen und Sanktionen bedroht, sondern auch künftige Engagements. Laut Bundesbankstatistiken haben deutsche Firmen bislang gut 20 Milliarden Euro in Russland investiert, nun ziehen nach Angaben der Wirtschaftsberatung KPMG viele ihr Kapital ab. Ein Risiko für geplante und halbfertige Projekte, wie eine Übersicht des Ostausschusses zeigt:

  • Siemens ist demnach per Joint-Venture eng mit der Sinara-Group aus Jekaterinburg verbunden, zusammen mit Partnern will man von 2013 bis 2015 rund eine Milliarde Euro investieren.
  • Volkswagen hat in sein Werk in Kaluga bereits 1,3 Milliarden Euro investiert, 1,2 Milliarden sollen in den kommenden Jahren folgen. Russland ist für den Konzern Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa, jährlich 300.000 Fahrzeuge werden dort verkauft.
  • Das Unternehmen Berlin Chemie baut gerade in Kaluga einen Standort auf, der noch im ersten Halbjahr in Betrieb gehen soll.
  • Bosch investiert bis Ende 2016 rund 50 Millionen Euro in ein neues Werk in Samara, zu dem Zeitpunkt sollen dort rund 500 Mitarbeiter arbeiten.
  • Fraport ist mit 35,5 Prozent am St. Petersburger Pulkovo-Flughafen beteiligt und will dort ein neues internationales Passagierterminal bauen.

Auch die Versorgung der Konzerne ist teils bedroht, nicht nur im Energiesektor. Airbus bezieht demnach 60 Prozent des für den Flugzeugbau entscheidenden Leichtmetalls Titan aus Sibirien.

Angesichts solch enger Verflechtungen fragt man sich, wie viel Spielraum die Bundesregierung mit weiteren Sanktionen gegen Russland hat. Weitere wirtschaftspolitische Strafaktionen werden auch den deutschen Konzernen wehtun, entsprechend werden sie im Kanzleramt Druck machen, dass es nicht so weit kommt.

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