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18. März 2014, 18:08 Uhr

Krim-Krise

Russische Wirtschaft gibt sich trotz Sanktionen gelassen

Die Sanktionen gegen Moskau wegen der Krise auf der Krim schrecken die russische Wirtschaft offenbar nicht. Ganz im Gegenteil: Der Konzern Gazprom wittert neue Geschäfte und will auf der annektierten Halbinsel Öl und Gas fördern.

Hamburg/Moskau - EU und USA haben nach der umstrittenen Volksabstimmung auf der Krim Sanktionen gegen Russland verhängt, Japan schloss sich den Maßnahmen an. Der stellvertretende russische Wirtschaftsminister Sergej Beljakow warnte die Unternehmen des Landes bereits vor einer tiefen Krise. Doch die reagieren auf mögliche Boykotte mit demonstrativer Gelassenheit.

Die russische Wirtschaft sei auf Sanktionen des Westens vorbereitet und werde sich in diesem Fall nach anderen Kunden umsehen, sagte der Chef des größten russischen Ölkonzerns Rosneft, Igor Setschin, laut der Nachrichtenagentur Prime. Er beginnt in dieser Woche eine Asienreise. Erst am Montag wurde bekannt, dass sich Rosneft inmitten der Krim-Krise im großen Maßstab am italienischen Reifenhersteller Pirelli beteiligt.

Auch der russische Staatskonzern Gazprom will den Sanktionsdrohungen nur wenig Beachtung schenken. Das Unternehmen will auf der Krim Öl und Gas fördern. Gazprom habe bereits entsprechende Vorschläge unterbreitet, sagte der stellvertretende Ministerpräsident der Krim-Regierung, Rustam Temirgaliew, nach Angaben der Agentur Ria. "Natürlich war Gazprom der erste, der auf uns zugekommen ist." Der Konzern wollte sich bislang nicht dazu äußern. Schon vergangene Woche hatte Temirgaliew angekündigt, dass die staatliche ukrainische Energiefirma Chornomornaftogaz an ein russisches Unternehmen wie Gazprom verkauft werden könnte.

Aus Protest gegen die russische Ukraine-Politik hat der Westen Sanktionen gegen Einzelpersonen verhängt. Die Wirtschaft selbst ist bislang noch nicht von Strafmaßnahmen betroffen, die Europäische Union hat bisher lediglich damit gedroht.

Vertreter der russischen Regierung schätzen die Situation allerdings anders ein als die Unternehmen. Denn die Krim-Krise wirbelt die Pläne der russischen Regierung für die Privatisierung von Staatsbetrieben durcheinander. Die Behörde für Staatsbesitz hält es für möglich, dass für die erste Jahreshälfte geplante große Vorhaben verschoben werden müssen. "Es könnte gut sein, dass wir es erst im dritten und vierten Quartal angehen", sagte Behördenchefin Olga Dergunowa der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang die Fluggesellschaft Aeroflot, die Reederei Sowcomflot und den Ölriesen Rosneft. Auch die Telefongesellschaft Rostelecom steht auf der Liste von Unternehmen, von denen Staatsanteile verkauft werden sollen.

In Deutschland gerät derweil besonders der Verkauf der deutschen Gas- und Ölfördergesellschaft RWE Deaan einen russischen Großinvestor unter politischen Beschuss. Der stellvertretende Unionsfraktionschef Michael Fuchs forderte die Bundesregierung in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters auf, die Transaktion zu prüfen. Für ihn ist die deutsche Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland ohnehin viel zu hoch. Vor diesem Hintergrund passe ihm das RWE-Geschäft nicht, sagte er. Zuvor hatten sein Fraktionskollege Joachim Pfeiffer und die Vize-Chefin der Grünen-Fraktion, Kerstin Andreae, Vorbehalte deutlich gemacht.

Die Ukraine deckt mehr als die Hälfte ihres Erdgasbedarfs mit russischen Importen. Da Moskau diese Abhängigkeit schon mehrfach für politischen Druck eingesetzt hat, will die Ukraine ihre Energieversorgung breiter aufstellen. Das Erdgas des Schwarzen Meeres vor der Krim spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch Konzerne wie ExxonMobil, Royal Dutch Shell, Eni und OMV waren zur Stelle, um bei der Förderung dabei zu sein. Die Investitionen sind wegen der Krise nun aber in Gefahr.

bos/Reuters

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