Krise ade Hamburger Hafen feiert Deutschlands Aufschwung

Die Wirtschaftskrise erwischte den Hamburger Hafen mit voller Wucht. Umso stärker profitiert "Deutschlands Tor zur Welt" nun von der Renaissance der deutschen Wirtschaft. Doch das Wachstum hat Grenzen: Die Elbe ist für die Superschiffe der neuesten Generation zu flach.


Hamburg - Abends will Klaus-Dieter Peters meistens noch mal raus. Wenn das norddeutsche Wetter es irgendwie zulässt, tauscht der Chef der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) Anzug und Krawatte gegen Freizeitklamotten und radelt von seinem Haus im schicken Stadtteil Othmarschen zum Altonaer Elbstrand. Dort setzt sich der 57-Jährige dann mit Weizenbier und Zigarre in den Sand und beobachtet das Containerterminal Burchardkai auf der anderen Seite des Flusses.

Was Peters allerdings über Monate sah, ähnelte einem Logistik-Stillleben. Als hätten die Containerbrücken vor der Wirtschaftsflaute kapituliert, streckten sie ihre Arme gen Himmel. Und nur ab und zu passierte ein Schiff die triste Silhouette. Der Hafen, sonst eine Rund-um-die-Uhr-Lärmquelle, war nahezu verstummt.

Im vergangenen Jahr schien Hamburgs Traum vom ewigen Boom, ja vom Aufstieg zur Globalisierungsdrehscheibe des Kontinents, beendet. Der Containerumschlag brach um 28 Prozent ein. Im Rennen um die wichtigsten Container-Umschlagplätze Europas reichte es nur noch für Rang drei hinter Rotterdam und Antwerpen. Und im globalen Vergleich fand sich die stolze Hansestadt dort, wo sie nach eigenem Selbstverständnis überhaupt nicht hingehörte: im Nirgendwo des Mittelfelds.

Die roten Blutkörperchen der Globalisierung

Den Absturz nach einer zehn Jahre währenden Wachstumseuphorie spürten Peters und seine HHLA Chart zeigen als größter Terminalbetreiber besonders: "2009 war für uns ein beispiellos schlechtes Jahr." Doch als gelte es, dieses gruselige Kapitel für immer abzuschließen, ergänzt er sofort: "Seit ein paar Monaten starten wir wieder durch." In Zahlen sieht das so aus: Der Containerumschlag im Hamburger Hafen legte im ersten Halbjahr 2010 um gut vier Prozent zu. Die HHLA schaffte sogar ein Plus von fast neun Prozent.

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Fotostrecke: Riesen-Frachter und Super-Terminals
Seitdem das Gröbste der globalen Krise überstanden ist, macht sich der Aufschwung in den Häfen überall auf der Welt mit aller Wucht bemerkbar. Denn Container sind die roten Blutkörperchen der Globalisierung, sie transportieren den Sauerstoff der Weltwirtschaft: Der Großteil des grenzüberschreitenden Warenverkehrs wird in den zumeist zwölf Meter langen und jeweils knapp 2,4 Meter breiten und hohen Kisten bewegt - vom australischen Wein über die Playstation aus China bis hin zur Turbine des schwäbischen Mittelständlers.

Eine Faustregel lautet: Wächst die Weltwirtschaft um ein Prozent, legt der Containerverkehr um 2,5 Prozent zu. Entsprechend spürt der mit Abstand wichtigste deutsche Hafen den Aufwärtstrend. HHLA-Chef Peters kann die Renaissance seines Reichs nicht nur abends beobachten, wenn er von Altona über die Elbe gen Hafen blickt. Gerade auch das Vorzeigeprojekt seines Unternehmens, das Terminal Altenwerder, brummt wieder.

"Es ist wieder richtig was los"

Das merkt auch Carsten Pohl, der an einem der effizientesten Umschlagplätze für Container weltweit als Schiffsplaner arbeitet. Wenn der 36-Jährige nicht gerade aus seiner Snoopy-Tasse Kaffee trinkt oder von der Schokolade auf seinem Schreibtisch nascht, sorgt er für die optimale Beladung der Containerriesen, die in Altenwerder festmachen. Weil die Reedereien Linie fahren - etwa zwischen Asien und Europa -, klappern die Schiffe auf ihren Rundreisen in der Regel mehrere europäische Häfen ab. Sie werden also in Hamburg nicht komplett be- oder entladen.

Um all den Containern ihren richtigen Platz zuweisen zu können, hatte Pohl 2008 noch 19 Kollegen. Und Überstunden waren Alltag. Im vergangenen Jahr waren sie deutlich weniger Leute. Und niemand der Verbliebenen arbeitete länger, als es der Tarifvertrag vorsah. Insgesamt schickte die HHLA sogar rund 2000 der 5000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Jetzt arbeiten in Altenwerder fast wieder so viele Schiffsplaner im Dienst wie einst. Und Kurzarbeiter gibt es im Unternehmen nur noch wenige.

"Es brummt zwar noch nicht ganz so wie vor der Krise, aber es ist immer mehr los", sagt Pohl. Das zeigt auch ein Blick aus seinem Büro: An der mehr als 1,4 Kilometer langen Kaimauer können bis zu vier Schiffsgiganten der neuesten Generation gleichzeitig festmachen. Mehr als 30.000 Container lassen sich auf dem Terminalgelände zwischenlagern. Lange Zeit sah es hier stets so leer aus, als wären die Umzugswagen gerade losgefahren.

Elbvertiefung soll 2011 starten

Jetzt stapeln sich wieder Zigtausende Container in endlosen Reihen und warten auf den Weitertransport per kleinerem Schiff, Lkw oder Bahn. Rund ein Drittel der Güter, die hier ankommen, gelangen ins Hamburger Umland, ein Drittel zu weiteren deutschen und osteuropäischen Zielen und ein Drittel steuert Ostseehäfen an.

Die Wiederauferstehung des Hafens macht sich auch an anderer Stelle bemerkbar. Seit einigen Wochen betreiben die Großreedereien CMA-CGM und Maersk einen neuen Liniendienst zwischen Asien und Hamburg. Die Unternehmen schicken dabei die größten Schiffe, die es derzeit gibt, die Elbe hinauf. Bis zu 14.000 Container können diese Giga-Frachter transportieren. Es bedarf 8000 Lkw, um allein die Waren eines Schiffs wegschaffen zu können.

So glücklich die HHLA über den prestigeträchtigen Liniendienst ist, der Trend zu immer größeren Schiffen bedeutet für die Hamburger nicht nur Gutes. Denn die Erreichbarkeit ist für jeden Hafen die Krux - per See genauso wie über Land. Scheitert der Ausbau von Straßen und Schienen meistens am Geld, setzt die Elbe natürliche Grenzen. Zwar soll der Fluss nach einem jahrelangen Streit ab 2011 um einen Meter vertieft werden, so dass ihn Schiffe bis zu 14,5 Meter Tiefgang passieren können. Doch ob es zu weiteren Vertiefungen kommt, ist mehr als fraglich.

Ende der unhanseatischen Euphorie

Und somit werden wohl künftig weniger die Launen der Konjunktur als vielmehr die Schiffbauingenieure darüber entscheiden, wie es mit dem Hamburger Hafen weitergeht. Ende der neunziger Jahre galt es schon als Sensation, dass ein Schiff 8000 Container fasste und gut 14 Meter Tiefgang hatte. Inzwischen sind Frachter mit bis zu 15.000 Containern und mehr als 16 Metern Tiefgang in Planung.

"Zur Beruhigung Hamburgs kann man sagen, dass es wirtschaftlich wenig sinnvoll ist, noch größere Schiffe mit noch mehr Tiefgang zu bauen", sagt Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen. Andere Branchenexperten sind allerdings pessimistischer, wenn es um die Perspektiven der Stadt geht. "Weil die Schiffe immer größer werden, droht Hamburg mittelfristig der Abstieg zum Regionalhafen", heißt es frei von Lokalpatriotismus bei einem vor Ort ansässigen Reeder.

Wie groß die Schiffe der Zukunft auch sein mögen: Die Zeiten der "Immer schneller, immer größer"-Euphorie, die eh wenig hanseatisch war, scheinen in Hamburg endgültig vorbei zu sein. Ging es vor ein paar Jahren noch vor allem um den möglichst raschen Ausbau des Hafens und um die Luxusfrage, wie dieser dauerhaft zweistellige Wachstumsraten verdauen kann, rechnet inzwischen niemand mehr mit baldigen Engpässen an den Terminals.

Der vor der Krise für 2009 angepeilte Umschlag von zehn Millionen Containern soll nun erst in ein paar Jahren erreicht werden. Und 2020 werden nach aktuellen Schätzungen wohl eher 15 als 25 Millionen Standardkisten dem Hafen einen Besuch abstatten. Würden die derzeit vorhandenen Anlagen bis zu ihrer maximalen Kapazität ausgebaut, könnten an der Elbe gut 20 Millionen Container umgeschlagen werden. Bis ein Ausbau des Hafens ansteht, wird HHLA-Chef Peters also noch oft am Elbstrand vorbeigeschaut haben.



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luckyjack 28.09.2010
1. .
Mit dem Jade Weser Port steht Deutschland ja bald ein moderner Tiefwasserhafen zur Verfügung, dann wird Hamburg langfristig sicherlich eher in der 2 Liga der Häfen spielen.
heisenberg, 28.09.2010
2. Bestimmt nicht.......
Zitat von luckyjackMit dem Jade Weser Port steht Deutschland ja bald ein moderner Tiefwasserhafen zur Verfügung, dann wird Hamburg langfristig sicherlich eher in der 2 Liga der Häfen spielen.
Eher nicht Hamburg ist reicher und kann sich jeden Bagger leisten. Hamburg liegt z.b weit im Landesinneren und günstiger. Da liegt ihr Vorteil. Viele kleinere Schiffe ,sind irgendwann mal des großen Schiffe tot. Gruß aus Augsburg
Juan Pérez, 28.09.2010
3. Also doch kein Aufschwung oder wie oder was?
---Zitat--- Es brummt zwar noch nicht ganz so wie vor der Krise, aber es ist immer mehr los", sagt Pohl ... "Der vor der Krise für 2009 angepeilte Umschlag von zehn Millionen Containern soll nun erst in ein paar Jahren erreicht werden. ---Zitatende--- Also doch kein Aufschwung oder wie oder was? Oder wurde dem Herrn Böll heute noch nicht ein Blick in seine INSM Koffer gestattet?
bicyclerepairmen 28.09.2010
4. ..
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise erwischte den Hamburger Hafen mit voller Wucht. Umso stärker profitiert "Deutschlands Tor zur Welt" nun von der Renaissance der deutschen Wirtschaft. Doch das Wachstum hat Grenzen: Die Elbe ist für die Superschiffe der neuesten Generation zu flach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,718540,00.html
Ich erinnere nur das sich schon vor "Bekanntwerden" der großen Krise über Monate die leeren Feeder im Hafen sich stapelten und kaum dicke Pötte in Sicht aber die Zahlen waren immer vom Feinsten. Das ist aber wahrscheinlich so ähnlich wie einst die astreine Unfallstatistik der HHLA. ( Jeden 2 Tag Blaulicht, Unfallwagen, stehende Kräne dort etc. ), aber die Zahlen immer vom Feinsten...
Volcatius, 28.09.2010
5.
Offensichtlich nicht so richtig. "Jetzt arbeiten in Altenwerder fast wieder so viele Schiffsplaner im Dienst wie einst. Und Kurzarbeiter gibt es im Unternehmen nur noch wenige." "Fast", "nur noch wenige". Man ist beim vermeintlichen feiernden Aufschwung also noch nicht mal auf dem Niveau von 2008 angekommen.
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