Krise bei Blackberry Absturz eines Handy-Pioniers

Millionen Kunden leiden unter Technik-Problemen, jetzt rebellieren auch noch die Aktionäre: Dem Blackberry-Hersteller Research in Motion geht es immer schlechter, manche Anteilseigner wollen das Unternehmen gar zerschlagen. Ein Blick in die Zukunft des einstigen Smartphone-Stars.
Blackberrys: Probleme an allen Fronten

Blackberrys: Probleme an allen Fronten

Foto: DAMIEN MEYER/ AFP

Hamburg - Auf Research in Motion, kurz RIM, prasseln nur Hiobsbotschaften ein. Gerade erst hat der Konzern den E-Mail-Stau, unter dem Millionen seiner Kunden drei Tage lang litten, halbwegs in den Griff bekommen. Da bahnt sich schon die nächste Katastrophe an - in Gestalt von Vic Alboni.

Der ist Chef der kanadischen Handelsbank Jaguar Financial, einem wichtigen RIM-Aktionär, und sagt neuerdings in Interviews beunruhigende Dinge. Schon seit einiger Zeit schart Alboni andere RIM-Aktionäre um sich; mit deren Hilfe will er das Unternehmen zu einem radikalen Strategieschwenk zwingen. Mehrere Anteilseigner seien bereit, das Unternehmen zu verkaufen, sagte er diese Woche der Nachrichtenagentur Reuters. Man könne es in drei Teile zerschlagen.

Solch Drohungen können für die RIM-Chefs Mike Lazaridis und Jim Balsillie zum großen Problem werden. Noch sprechen sich erst Anteilseigner mit rund acht Prozent der Stimmrechtsanteile für den Verkauf aus, doch es werden immer mehr. "Wir haben erst mit rund 30 Aktionären gesprochen und haben eine gute Erfolgsquote, Leute an Bord zu holen", sagte Alboni am Donnerstag dem "Handelsblatt". "Und jetzt, da wir mehr als fünf Prozent der Anteile haben, können wir nach kanadischem Recht auch eine Hauptversammlung einberufen lassen."

Das Technik-Desaster und der Aktionärsaufstand sind nur der neueste Tiefpunkt eines spektakulären Abstiegs von Research in Motion, dem einstigen Handy-Pionier, jenem Unternehmen, das das E-Mail-Lesen auf dem Mobiltelefon weltweit alltagstauglich machte und damit einen Grundstein für die Internetnutzung auf dem Handy legte. Mit dem Blackberry (englisch für Brombeere) schuf RIM im Jahr 1999 ein neues Kultobjekt. Die Geräte wurden zum Statussymbol des modernen, universell erreichbaren Turbo-Managers. Doch dann kamen Apple   und Google  , zogen an RIM vorbei - und machten die Legende zum Loser.

Heute beträgt RIMs Marktanteil im Segment der internetfähigen Alleskönner-Handys (Smartphones) gerade mal elf Prozent, schätzt der IT-Marktforscher IDC, Anfang 2009 waren es noch 20 Prozent. Konkurrent Apple kontrolliert inzwischen 19 Prozent des Markts - obwohl das Unternehmen weit weniger Gerätetypen anbietet und erst seit vier Jahren im Smartphone-Geschäft ist. Und Apples Vorsprung dürfte wachsen: Im Sommerquartal 2011 verkaufte RIM etwas mehr als zehn Millionen Geräte, Apple fast das Doppelte.

RIMs größte Fehler

Der Suchmaschinenkonzern Google wird für RIM zu einer ebenso großen Konkurrenz. Sein Handy-Betriebssystem Android läuft mittlerweile auf Dutzenden Hightech-Handys von Herstellern wie Samsung und HTC. Auch diese haben das Blackberry technologisch und designmäßig abgehängt. Im Vergleich zu den neuen Smartphones mit ihren hochauflösenden Kameras und berührungsempflindlichen Bildschirmen wirken die RIM-Geräte bürokratisch und unsexy. Der Manager, der sich einst mit dem Blackberry schmückte, streichelt heute lieber sein iPhone oder Google-Phone.

Zwar hat auch Research in Motion seine Geräte technisch aufgerüstet. Doch hechelt der Konzern der Konkurrenz gleich in mehreren wichtigen Bereichen hinterher:

  • RIMs Touchscreen-Technologie ist jener der Konkurrenz noch immer unterlegen. Zu lange hat der Konzern darauf gesetzt, dass Manager lange Mails lieber auf einer Tastatur schreiben - was sich als falsch herausstellte.
  • Im Vergleich zum iPhone oder den Android-Handys gibt es für Blackberrys relativ wenige Mini-Programme. Diese sogenannten Apps machen das Handy zu einer Art Schweizer Taschenmesser. Durch sie kann es fast alles: Es wird bei Bedarf Spielkonsole, zum Musikinstrument oder zur Wasserwaage. Das programmieren von RIM-Apps aber ist vielen Entwicklern zu kompliziert.
  • Auch der Browser eines Blackberrys ist weit schlechter als der anderer Smartphones. Während Apple & Co. früh ahnten, dass der Handy-Nutzer der Zukunft auf seinem Gerät auch komfortabel im Internet surfen möchte, hat RIM diesen Trend lange verschlafen.
  • Marktanteile hat RIM auch verloren, weil es weit später als die Konkurrenz vom langsamen Datenübertragungsstandard EDGE auf die schnellere 3G-Technologie wechselte.

"Blackberry würde gut zu Facebook passen"

Die Folgen dieser Fehler sind hart. Seit Anfang des Jahres hat sich der Preis der RIM-Aktie mehr als halbiert, von rund 50 auf derzeit knapp 20 Dollar. Insgesamt wurden knapp 20 Milliarden Dollar Unternehmenswert vernichtet.

Kein Wunder also, dass die Aktionäre revoltieren. Protestführer Alboni will das Unternehmen möglichst gewinnbringend verscherbeln. Ein Käufer, für den der Konzern oder bestimmte Konzernteile strategisch relevant wären, würde wohl bis zu 40 Dollar pro Aktie zahlen, sagte er dem "Handelsblatt". Mögliche Interessenten nennt er gleich mit: Facebook, Microsoft  , Hewlett-Packard   und Oracle  .

Fragt sich, ob potentielle Käufer nach dem Datendebakel überhaupt anbeißen. Denn Research in Motion könnte durch den E-Mail-Stau eine ganze Menge weiterer Kunden verlieren. Das jedenfalls drohen Betroffene dem Unternehmen auf Twitter. Dort heißt es unter anderem: "Zeit, den Blackberry in die Tonne zu kloppen und auf ein iPhone zu wechseln."

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