Kaufhauskonzern in der Krise Karstadt steigt aus Flächentarifvertrag aus

Die Warenhauskette spricht von einer "Tarifpause": Karstadt steigt aus dem Flächentarifvertrag aus. Mitarbeiter behalten zwar ihre bisherigen Ansprüche, profitieren aber künftig nicht mehr von tariflichen Lohnerhöhungen - der klamme Konzern kann sie sich offenbar schlicht nicht leisten.
Eingang zur Karstadt-Zentrale in Essen: Konzern verkündet Tarifpause

Eingang zur Karstadt-Zentrale in Essen: Konzern verkündet Tarifpause

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Düsseldorf/Essen - Karstadt will bei den Beschäftigten sparen: Der Warenhauskonzern steigt aus dem Flächentarifvertrag aus. Das Unternehmen lege eine sogenannte Tarifpause ein, teilte Karstadt am Montag mit: "Künftige Entwicklungen der Tarifverträge des Einzelhandels werden auf Arbeitsverhältnisse der Karstadt-Gruppe keinen Einfluss haben." Ziel sei es, ab 2015 erneut in die Tarifbindung einzusteigen.

Damit können die Karstadt-Beschäftigten vorerst nicht mehr auf Lohnerhöhungen aus den Tarifrunden der Branche setzen. Der nun angekündigte Ausstieg aus der Tarifbindung sei für die "vollständige Gesundung" des Unternehmens nötig, hieß es von Karstadt zur Begründung. Allerdings gelten die bisher tariflich vereinbarten Bedingungen für bereits angestellte Karstadt-Mitarbeiter weiter, sie können nicht einseitig gekündigt werden.

Das Management des Konzerns hatte seine Betriebsräte für diesen Montag zu Gesprächen einbestellt. Nach SPIEGEL-Informationen warnte die Konzernspitze vor den hohen Kosten einer Tariferhöhung. Bei angenommenen Erhöhungen von 3,5 Prozent für 2013 und 2,5 Prozent für 2014 würde dies Karstadt rund 35 Millionen Euro kosten. Damit fiele der Konzern bei der Liquidität unter die 100-Millionen-Euro-Marke, "und dann würde es kritisch", hieß es. Karstadt-Chef Andrew Jennings warnte vor Streiks - diese hätten "katastrophale Folgen".

Betriebsräte verlassen Treffen unter Protest

Bei der Versammlung ging es nach Teilnehmerangaben hoch her. So verließ ein Drittel der 300 Betriebsräte zwischenzeitlich den Raum. Fragen sollten erst nur schriftlich eingereicht und verlesen werden. Nach heftigem Protest durften die Betriebsräte ihre Fragen dann doch selbst stellen. Für Unmut sorgte zudem, dass der Ausstieg aus dem Tarifvertrag noch während der Veranstaltung im Intranet verkündet wurde.

Ein Betriebsrat sagte dem SPIEGEL, der US-deutsche Investor Nicolas Berggruen müsse "nun Farbe bekennen". "Wir erwarten, dass er seine Versprechen hält."

Auch die Tarifpartner im Einzelhandel reagierten auf den Entschluss der Karstadt-Führung. "Wir sehen den Ausstieg von Karstadt aus dem Flächentarifvertrag mit großem Bedauern", sagte Heribert Jöris, Geschäftsführer Recht, Bildung und Arbeit des Handelsverbands Deutschland (HDE), gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Karstadt ist ein großer Player in unserer Branche und sein Rückzug ein weiterer Schlag gegen die Tarifbindung im Einzelhandel."

Jöris stellte klar, dass die Tarifbindung für alle derzeit Beschäftigten bei Karstadt nachwirke, die Arbeitsbedingungen könnten nur im Einvernehmen mit den Beschäftigen geändert werden. Das gelte aber nicht für Mitarbeiter, die erst nach Ende der Tarifbindung eingestellt werden. Offen ist also, wie deren Verträge gestaltet sein werden.

Die Gewerkschaft spricht von einem Skandal

Für Jöris zeigt der Ausstieg von Karstadt, wie dringend reformbedürftig der Einzelhandels-Tarifvertrag sei: "Einfache Tätigkeiten müssen derzeit laut Tarifvertrag relativ hoch bezahlt werden, Öffnungszeiten nach 19 Uhr kosten beim Personal hohe Zuschläge." Das sei vor allem für ein Handelsunternehmen mit vielen Filialen in Innenstadtlage wie Karstadt schwierig. Der HDE als zuständiger Arbeitgeberverband versucht derzeit mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di einen neuen Tarifvertrag auszuhandeln.

Ver.di bezeichnete die Entscheidung als einen Skandal. Es handele sich um eine weitere Fehlentscheidung des Karstadt-Managements, sagte eine Sprecherin. Die Beschäftigten des Warenhauskonzerns hätten in der Vergangenheit bereits zahlreiche Belastungen auf sich genommen, um einen Beitrag zur Sanierung zu leisten.

Erst im vergangenen Sommer war ein Sanierungstarifvertrag ausgelaufen, durch den die Karstadt-Beschäftigten sechs Jahre lang auf Gehaltsbestandteile wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet hatten. Karstadt hätte diese Regelung gern verlängert, die Gewerkschaft Ver.di hatte dies jedoch abgelehnt. Seitdem gilt bei dem Kaufhauskonzern wieder der Flächentarifvertrag der Branche.

Die Geschäftslage bei Karstadt ist schlecht. Nach Informationen des SPIEGEL hat der Konzern seit dem Beginn des Geschäftsjahrs im Oktober 2012 bis Februar 2013 nur 1,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht  - das sind fast zehn Prozent weniger als geplant und 136 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum.

mit Material von Reuters
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