Kündigung Renschler reißt Riesenlücke bei Daimler

Er versteht das Lkw-Geschäft ebenso wie die Autoproduktion: Mit Andreas Renschler kehrt ein aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von Dieter Zetsche dem Daimler-Konzern den Rücken. Für die Stuttgarter kommt die Kündigung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Topmanager Renschler: Bestes Einvernehmen mit dem Betriebsrat
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Topmanager Renschler: Bestes Einvernehmen mit dem Betriebsrat


Stuttgart - Bei Daimler herrscht gleich zu Jahresanfang schon wieder viel Unruhe. Grund ist der völlig überraschende Abschied von Daimler-Urgestein Andreas Renschler. Der Rückzug des bestens vernetzten Produktionschefs wirft in Stuttgart viele Fragen auf - galt Renschler doch als einer der Kronprinzen von Konzernchef Dieter Zetsche.

Renschler verlasse den Konzern "aus persönlichen Gründen", heißt es bei Daimler lediglich. Welche das sein könnten - darüber wird noch heftig spekuliert. Die "Stuttgarter Zeitung" berichtete am Mittwoch etwa über einen möglichen Wechsel zur Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen. Renschler war vor nicht einmal einem Jahr Knall auf Fall zum Produktionsvorstand ernannt worden - davor war er Nutzfahrzeugchef gewesen. Der Job in Wolfsburg hätte Perspektiven: Dort ist die Nachfolge von Unternehmenslenker Martin Winterkorn noch ungeklärt.

Denkbar ist auch, dass Renschler die erzwungene Rochade mit Wolfgang Bernhard nachhaltig missfiel, die der Betriebsrat im vergangenen Jahr zur Bedingung für die Verlängerung von Zetsches Vertrag gemacht hatte. "Wenn ich einen solchen Topmann im Nutzfahrzeugbereich habe, dann ist das am Ende des Tages keine richtige Entscheidung gewesen", hieß es am Mittwoch aus dem Umfeld des Unternehmens. Konzernchef Zetsche verliere in Renschler einen wichtigen Manager.

Der größte Fehler, den man machen konnte

Tatsächlich hatte der Schwabe, der bereits Ende der achtziger Jahre zu Daimler kam, im Konzern einen guten Stand. Während seiner Zeit dort baute er nicht nur das erste Auslandswerk von Mercedes-Benz in den USA auf, er brachte auch die krisengeschüttelte Kleinstwagenmarke Smart auf Kurs.

Immer wieder war sein Name auch bei der Frage nach einem möglichen Nachfolger von Daimler-Chef Dieter Zetsche zu hören. Zumal Renschler so manchem Vorstandskollegen etwas voraus hatte: die Unterstützung des Betriebsrats, mit dem er stets den Schulterschluss gesucht hatte.

Für die Arbeitnehmervertreter ist sein Abgang denn auch besonders bitter: Nun muss sich die Arbeitnehmervertretung fragen, ob sie sich damit womöglich selbst ein Bein gestellt hat. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer glaubt: "Das war der größte Fehler, den man machen konnte."

Ob Renschler tatsächlich einen Wechsel zur Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen plant, wollten am Mittwoch weder Daimler noch VW bestätigen. In Wolfsburg gäbe es für ihn zumindest genug zutun: Das Nutzfahrzeuggeschäft ist bei VW eine Dauerbaustelle. Die Lasterspezialisten MAN und Scania sind Zukäufe, im Konzern gewachsen ist dagegen die Sparte VW-Nutzfahrzeuge.

Noch viele Baustellen

Alle drei, aber besonders MAN und Scania sollen verstärkt zusammenarbeiten. Für Renschler, der bei Daimler viele Jahre lang Chef der Lastwagensparte war, wäre das eine neue Herausforderung. Denn es gilt zwei Konzerne zu verzahnen, die vollkommen unterschiedlichen Unternehmenskulturen folgen und auch für die verschiedenen Zielgruppen nicht austauschbar werden dürfen - von den Komplikationen die die verschiedenen technischen Plattformen mit sich bringen, ganz zu schweigen.

Daimler gilt, zumindest bei den größeren Lastwagen, als Weltmarktführer. Viele wichtige Projekte hat Renschler verantwortet, etwa das Aufziehen einer lokalen Lkw-Produktion für den Zukunftsmarkt Indien. Jedenfalls bei einem Produkt dürfte sich Renschler - sollte er tatsächlich wechseln - zu Hause fühlen: Bisher bauen die Schwaben in VW-Auftrag den Großtransporter Crafter, der fast baugleich mit dem Mercedes-Sprinter ist. Die Zusammenarbeit endet 2016, dann wird VW den Crafter-Nachfolger in Eigenregie auf die Räder stellen.

Bei Daimler reißt Renschlers Abgang erst einmal eine Lücke. Die Schwaben wollen ihre Erzrivalen, die VW-Tochter Audi und BMW, bis 2020 unter anderem bei Absatz und Profitabilität überholt haben und haben dabei noch ein paar Baustellen offen. Dazu hätte auch Renschler, der zuletzt für das wichtige Pkw-Geschäft verantwortlich war, beitragen sollen. Sein Nachfolger Markus Schäfer muss sich noch beweisen: Anders als Renschler hat er das Amt lediglich als Bereichsvorstand inne und ist nicht selbst im Konzernvorstand vertreten. Autoexperte Stefan Bratzel sieht die Veränderung aber auch als Chance für den Dax-Konzern: "Im positiven Sinne könnte das auch Aufbruchstimmung hervorrufen."

mik/dpa



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