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Kuriose Prognosen: Konjunktur und Minirock

Foto: LUKE MACGREGOR/ REUTERS

Kuriose Prognosen Boom im Zeichen des Minirocks

Schmale Krawatten, kurze Röcke, starke Wirtschaft - so einfach kann eine Wachstumsprognose sein. Doch selbst skurrile Theorien über den Zusammenhang von Mode und Konjunktur enthalten einen wahren Kern. Ein etwas anderer Ausblick auf das neue Jahr.

Hamburg - Wirtschaftsprognosen haben einen schlechten Ruf: Zu oft müssen sie der Realität angepasst werden. "Die akademischen Kaffeesatzleser befragen die Glaskugelbesitzer", lästerte der Kabarettist Volker Pispers einmal über den Ifo-Geschäftsklimaindex, für den das Ifo-Institut regelmäßig die Einschätzung von Unternehmern zu ihren Geschäftsaussichten erforscht.

Zwar gibt es auch "harte" Indikatoren wie Auftragseingänge oder Einkaufsmanagerindizes, die können aber nur die sehr nahe Zukunft erfassen. Tatsächlich spielen Stimmungen und Erwartungen, so labil sie auch sein mögen, eine große Rolle für die Entscheidungen von Unternehmen und Verbrauchern über Investitionen oder Konsum.

Der Blick in die Zukunft ist ein menschliches und wirtschaftliches Bedürfnis. Wenn schon die amtlichen Prognosen nicht hundertprozentig verlässlich sind, warum nicht auf alternative Indikatoren zurückgreifen, die vielleicht etwas abseitig sind, dafür aber umso anschaulicher?

Selbst renommierte Ökonomen greifen auf Alltagsbeobachtungen zurück, um ihre Sicht der wirtschaftlichen Weltlage zu untermauern. Der langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan brachte in seinem Buch "Zeitalter der Turbulenzen" eine Theorie unter, der zufolge Männer seltener neue Unterwäsche kaufen, wenn sie schwierige Zeiten kommen sehen. Von allen notwendigen Konsumgütern würde daran am ehesten gespart.

Mit der Stimmung heben sich die Rocksäume

Genau umgekehrt verhält es sich mit dem "Lippenstiftindikator", den Kosmetikmogul Leonard Lauder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vorbrachte: Der Absatz von Lippenstiften steige, wenn Frauen einen Stimmungsaufheller brauchten. Das sei kleiner Luxus, den sie sich auf jeden Fall leisten könnten.

Berühmt ist die "Rocksaumtheorie", schon 1926 vorgetragen vom US-Ökonomen George Taylor. Sie ist einprägsam, weil bildlich stimmig: Steigt die Zuversicht, steigen auch die Rocksäume der Frauen und dann die Wirtschaftsleistung. Geht es mit der Wirtschaft dagegen abwärts, sieht man das an längeren Kleidern. Diese Regel wird zwar von vielen Modefachleuten abgelehnt, weil ihnen die Vorstellung widerstrebt, äußere Faktoren überlagerten die freie Kreativität der Modemacher. Doch die Rocksaumtheorie wurde mehrfach empirisch belegt.

"Über viele Jahrzehnte hinweg lässt sich beobachten, dass der Rocksaum sich immer dann nach oben bewegt, wenn die Menschen ein euphorisches Gefühl von Wirtschaftswachstum und Prosperität haben", hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Allensbach herausgefunden. "Jede Rezession ließ auch die Röcke und Kleider länger werden." Bei schlechter Wirtschaftslage werde "die Mode verhaltener, ernster - wenn man will: seriöser".

Schmale Krawatten bedeuten Aufschwung

Bleibt nur die Frage, ob die Rocklänge ein nach- oder vorlaufender Indikator ist, ob sie also Aussagekraft für die Zukunft besitzt oder bloß abbildet, was wir ohnehin schon wissen. Marjolein van Baardwijk und Philip Hans Franses von der Erasmus-Universität Rotterdam haben in einer neuen Studie den Zusammenhang zwischen den Aufs und Abs der Röcke und den Aufs und Abs der Wirtschaft von 1921 bis 2009 nachgewiesen - allerdings mit etwas zeitlichem Abstand. "Das erklärt, warum jetzt in der Krise die Röcke kurz sind, denn vor drei Jahren boomte die Wirtschaft", schließen die Niederländer, in deren Heimat der gegenwärtige Aufschwung lange nicht so spürbar ist wie in Deutschland.

Da der Konjunkturzyklus selbst aber oft nur sechs Jahre dauert, ist auch die gegenteilige Interpretation möglich: Die Mode ist der Wirtschaft um Jahre voraus. Bemerkenswert jedenfalls, dass schon ab 1927 die kurzen Röcke der Goldenen Zwanziger deutlich längeren Mustern wichen, bevor die Weltwirtschaftskrise einsetzte.

Auch in den sechziger Jahren verdrängten lange Hippie-Röcke den Minirock, und 1967 beendete die erste große Nachkriegsrezession das Goldene Zeitalter. Die Allensbacher Forscher beobachteten im deutschen Vereinigungsboom, dass die Modeindustrie es zunächst schwer hatte, ihre wadenlangen Schnitte abzusetzen - und dann 1992 mit den Lieferungen nicht nachkam. 1993 folgte die Wirtschaftskrise.

Keineswegs beschäftigen sich die Prognostiker nur damit, wie viel Bein Frauen zeigen. Auch die vorherrschende Krawattenbreite der Herren wird herangezogen. "Wenn die Krawatten schmaler werden, dann brummt es", heißt es beim Deutschen Mode-Institut, das die Auszeichnung "Krawattenmann des Jahres" verleiht. Die Erklärung: Dünnere Schlipse verleihen dem Träger ein jugendlicheres Image. Das ist dann gefragt, wenn Elan, Tatendrang und Experimentierfreude Konjunktur haben. In der Krise dagegen können Männer mit breiten Krawatten Seriosität und Seniorität demonstrieren.

Sommermode 2011 lässt für die Konjunktur hoffen

Ähnlich haben die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei" und die Konsumforscher des Kosmetikkonzerns Kao hergeleitet, warum Haarschnitte als Indikator taugen. Laut ihrer Analyse bedeuten längere Haare der Japanerinnen Aufschwung, weil sie Lebenslust und Leichtigkeit ausstrahlen, strenge Bubikopfschnitte dagegen Abschwung. Das lässt hoffen. Denn während sich die professionellen Auguren nach zwei Jahrzehnten Flaute schwertun, dem Inselreich gute Zeiten vorherzusagen, melden die Friseure Entwarnung: Die Haare werden wieder länger.

Noch besser sieht es in Deutschland aus. Geradezu euphorisch klingt der Ausblick des Deutschen Mode-Instituts auf die Frühjahrs- und Sommersaison 2011. Eine "neue entspannte Smartness" präge die Herrenmode. 2011 werde "ein 'Blue Man Summer', der nichts mit der Schwere des Blaumanns, der traditionellen Arbeitskleidung des Fabrikarbeiters, zu tun hat, sondern im Gegenteil die Leichtigkeit des Seins feiert". Für Krawatten stehe "die schmale Linie hoch in Kurs". Die Schlipse blieben zwischen sechs und sieben Zentimetern breit.

"Beine bleiben im Blickfeld", stellt das Institut für die Damenmode fest, "die Rocksäume enden über dem Knie." Lange Kleider? Höchstens zu Gartenpartys oder "just for fun". Jedenfalls sei "eine Renaissance der langen Hippie-Röcke nicht zu befürchten". Demnach kann der Aufschwung also weitergehen.

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