Längere Laufzeiten Studie widerlegt Billigstrom-Versprechen der Atomriesen

Eine Studie bringt die Energieriesen in Erklärungsnöte: Nach SPIEGEL-Informationen würde der Strompreis bei einer Laufzeitverlängerung nur um wenige Euro sinken - wenn überhaupt. Die Konzerne hatten die mögliche Ersparnis für Verbraucher bislang deutlich höher angesetzt.
Atomkraftwerk Grohnde: Umstrittene Laufzeitverlängerung

Atomkraftwerk Grohnde: Umstrittene Laufzeitverlängerung

Foto: A9999 Chris Gossmann/ dpa

Hamburg - Eine Verlängerung der Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke hätte weit weniger positive Auswirkungen auf den Strompreis als bisher angenommen. Laut einer Studie des Ökostromanbieters Lichtblick, die dem SPIEGEL vorliegt, würde ein normaler Haushalt jährlich maximal neun bis zwölf Euro weniger zahlen, sollten die Atommeiler länger am Netz bleiben. Durch die im Jahresverlauf stark schwankenden Energiepreise könnten die ohnehin geringen Einsparungen sogar völlig kompensiert werden.

Hauptgrund für die geringe Ersparnis ist laut Gutachten eine sich verfestigende Marktmacht der vier führenden Stromanbieter und damit ein geringerer Wettbewerbsdruck auf die Branche. Außerdem würde sich durch die geplante Verlängerung der Laufzeiten die Modernisierung des Kraftwerksparks verzögern, ältere Kohlekraftwerke dürften dadurch länger in Betrieb bleiben.

Die Ergebnisse der Lichtblick-Studie bringen die etablierten Stromanbieter in Erklärungsschwierigkeiten. Denn die hatten die mögliche Ersparnis für Stromkunden bislang deutlich höher angesetzt. Nach Berechnungen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), in denen die Stromkonzerne organisiert sind, spart ein normaler Haushalt bei einer Verlängerung der Laufzeiten angeblich bis zu 144 Euro im Jahr.

Ohnehin wird eine Verlängerung der Laufzeiten immer unwahrscheinlicher. Im Bundesrat hat die Regierung für ihr Atomgesetz keine Mehrheit, und ohne Zustimmung der Länder droht ein Rechtsdebakel. Das Bundesjustizministerium schreibt in einem Gutachten, dass selbst eine "moderate" Verlängerung der Laufzeiten ohne Zustimmung des Bundesrats höchst unsicher wäre. Bis Juli will die Regierung ein Konzept zur künftigen Energiepolitik und zu längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke vorlegen.

Neue Atomsteuer könnte Verbraucher 60 Euro pro Jahr kosten

Wegen des Sparpakets der Regierung könnten die Verbraucher beim Strompreis schlimmstenfalls sogar draufzahlen. Die Energiekonzerne sollen zur Haushaltssanierung künftig eine sogenannte Brennelementesteuer für ihre Atomkraftwerke leisten. Dadurch erhofft sich Schwarz-Gelb Mehreinnahmen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Noch ist unklar, wann genau die Steuer erhoben werden soll. Nach Angaben des Finanzministeriums soll sie selbst dann greifen, wenn eine Laufzeitverlängerung abgeblasen wird. Nach Angaben von Unionsfraktionschef Volker Kauder dagegen soll es ohne längere Laufzeiten keine Brennelementesteuer geben.

Klar ist dagegen schon jetzt: Kommt die Steuer, könnten die Verbraucher die Leidtragenden sein. Erfahrungsgemäß geben Unternehmen Kostensteigerungen an sie weiter. Nach Angaben des Branchenportals Verivox sollte eine vierköpfige Familie damit rechnen, rund 60 Euro im Jahr mehr für Strom bezahlen zu müssen. Grundlage der Berechnung sind Äußerungen eines Sprechers des Bundesfinanzministeriums, wonach eine Strompreiserhöhung um 1,5 Cent je Kilowattstunde realistisch sei.

Das Bundesfinanzministerium wies diese Berechnungen zurück. "Wir gehen nicht davon aus, dass der Verbraucher dadurch belastet wird", sagte ein Sprecher. Zum einen sei das Gewicht der Atomkraftwerkskosten für die Entwicklung der Strompreise gering. Zum anderen gebe es Stimmen aus der Stromwirtschaft, nach denen die neue Steuer vermutlich voll zulasten der Gewinnmargen der Unternehmen gehen dürfte.

doh/ssu/Reuters
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