Lebensmittel Discounter läuten neue Preisrunde ein

Die Kritik an den ruinösen Preisschlachten der Discounter reißt nicht ab. Doch ein Stopp des verhängnisvollen Trends ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Die Leitwölfe der Branche wollen jetzt eine neue Runde einleiten.

Aldi-Filiale: Preissenkungen für Knabberprodukte, Käse und Öl
DPA

Aldi-Filiale: Preissenkungen für Knabberprodukte, Käse und Öl


Düsseldorf - Aldi und Penny kündigten ab Donnerstag dauerhafte Preisreduzierungen um teilweise bis zu 30 Cent an. Gesenkt wurden die Preise unter anderem für Cornflakes, Knabberprodukte, Käse und Speiseöl. Auch Netto erklärte, seine Preise in allen 4000 Märkten ab Freitag um mindestens zehn Cent zu reduzieren. "Als Discounter verhalten wir uns selbstverständlich branchenkonform", erklärte eine Sprecherin.

Erst am Mittwoch hatten Landwirtschaft und Ernährungsindustrie ein Ende des ruinösen Preiskampfes im Lebensmittelsektor gefordert. Zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin fordert der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham, von der Bundesregierung ein Einschreiten gegen den Preisverfall in der Branche und die Nachfragemacht der Lebensmitteldiscounter. "Das Verramschen von Lebensmitteln muss aufhören", sagte Abraham. Der Wettbewerb werde teilweise mit fragwürdigen Praktiken geführt, sagte er. Solche Missstände müsse die Politik beheben.

Zwölf Preisrunden im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr hatten die großen Discounter in zwölf Runden die Preise für verschiedene Lebensmittel dauerhaft gesenkt. In der Folge hatten auch die Lebensmittel- und Getränkehersteller ihre Preise insgesamt gegenüber dem Vorjahr um vier Prozent senken müssen. Treibende Kraft dabei sei der Kampf der Discounter um Marktanteile, erklärte der BVE. Über diese Ketten würden 44 Prozent der Lebensmittel vertrieben. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben 5800 Betriebe, in denen rund 535.000 Menschen beschäftigt sind.

Abraham erklärte, im Kartellrecht gebe es genügend Mittel, um Monopole und Oligopole zu bekämpfen. "Ich glaube, man muss das, was da ist, anwenden." Das Kartellamt habe offenbar nicht immer alle Problematiken im Blick.

Nach Angaben des BVE hat der Wettbewerb 2009 zu einem Umsatzrückgang der Ernährungsindustrie von 4,2 Prozent auf 149,8 Milliarden Euro geführt.

Der Einzelhandelsverband HDE wies den Vorwurf einer einseitigen Nachfragemacht des Lebensmittelhandels zurück. Handel und Hersteller stünden sich gleich stark gegenüber. Das gehe aus einer Studie der Universität Köln und der BBE Retail Experts hervor. Der Lebensmitteleinzelhandel sei als Absatzkanal zwar sehr bedeutsam, aber nicht überragend. So würden nur 22 Prozent der Gesamtproduktion von Fleisch über den Lebensmitteleinzelhandel vertrieben. Gastronomie, Direktabsatz, Großhandel, Online-Handel und Export seien weitere und wichtiger werdende Absatzmärkte für Erzeuger und Industrie.

Geringer Anstieg der Verbraucherpreise

Der Rückgang der Lebensmittelpreise ist auch Ursache dafür, dass die Verbraucherpreise insgesamt im vergangenen Jahr nur um durchschnittlich 0,4 Prozent gestiegen sind - das ist der geringste Wert seit der deutschen Wiedervereinigung Das Statistische Bundesamt bestätigte damit am Donnerstag vorläufige Zahlen. Eine ähnlich niedrige Jahresrate gab es zuletzt 1999 mit 0,6 Prozent. In den beiden Vorjahren lag die Inflationsrate mit 2,3 (2007) und 2,6 (2008) Prozent deutlich höher.

Die geringe Jahresinflation ist laut Bundesamt auch auf die Preisrückgänge bei Mineralölprodukten. Preisanstiege seien indes im Wohnbereich, bei alkoholischen Getränken und Tabakwaren festzustellen gewesen.

mik/apn

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Flari 14.01.2010
1. Ruinös?
Zitat von sysopDie Kritik an den ruinösen Preisschlachten der Discounter reißt nicht ab. Doch ein Stopp des verhängnisvollen Trends ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Die Leitwölfe der Branche wollen jetzt eine neue Runde einleiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,671881,00.html
Vielfach sind die angeblich dauerhaften Preissenkungen doch eine reine Vernebelung der Verbraucher. Über steigende Preise macht ja kein Diskounter Werbung... Und die meisten Verbraucher haben ein relativ schlechtes Zahlengedächnis. Nehmen wir doch mal die Molkereiprodukte: Vor der Euroumstellung lagen diese Preise ganz erheblich unter den aktuellen. Z.B. junger Gouda 6,49DM/kg = 3,32€. Jetzt nach der zweiten grossen Preisreduzierung bei 4,49€. Immer noch ein Plus von 35%. Für viele andere Käsesorten, etc. gilt das analog. Butter im Sommer 2009 0,69€/250g, heute 0,99€/250g, ein Plus von 44%. TK-Pommesfrites vor 2 Jahren 0,39€/kg, heute 0,79€/kg, ein Plus von über 100%. 2009 hat das Realeinkommen der breiten Masse einen absoluten Tiefpunkt der letzten 20 Jahre erreicht. Das BIP hat ein Minus von ca. 5%. Und da will die Nahrungsmittelindustrie einen Umsatzrückgang von 4,2% auf den angeblich so ruinösen Wettbewerb schieben?
glen13 14.01.2010
2. Zurück zur Natur
Zitat von sysopDie Kritik an den ruinösen Preisschlachten der Discounter reißt nicht ab. Doch ein Stopp des verhängnisvollen Trends ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Die Leitwölfe der Branche wollen jetzt eine neue Runde einleiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,671881,00.html
Preise runter, Löhne runter, Gewissen runter, Gier rauf, Gewinne rauf. Ein unkompliziertes Gesellschaftsbild, natürlich wie bei den Wölfen.
Neurovore 14.01.2010
3. ...
Zitat von sysopDie Kritik an den ruinösen Preisschlachten der Discounter reißt nicht ab. Doch ein Stopp des verhängnisvollen Trends ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Die Leitwölfe der Branche wollen jetzt eine neue Runde einleiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,671881,00.html
Was ist denn das für ein Quatsch? Erstmal hat der Vorforist schon ein paar Gegenbeispiele genannt, zweitens werden die entnormten Packungsgrößen da schon noch wieder genug Gewinnn reinbringen und drittens ist Preisdumping sowieso gesetzlich geregelt. Solange das Bundeskartellamt nicht einschreitet, ist also alles soweit in Ordnung. Was geht hier eigentlich ab? Dauernd Nachrichten, daß Reiche es ganz, ganz schwer haben. Aber daß z.B. mal wieder ein Lobbyist in höchste Ämter gerufen wird (aktuell bei den Krankenversicherungen), so etwas taucht überhaupt nicht mehr in SPON auf. Die UvdL ist plötzlich die Heldin bzw. die "rote Ursel", weil nach Jahren der Duldung mal eine Sendung über Lohndumping im Fernsehen lief. Andererseits gibt es Fragen im Forum wie "Ist der Linksextremismus eine Bedrohung?". Man muß ja direkt vermuten, daß der Spiegel ins große Geschäft der Meinungsmache eingestiegen ist....
Neurovore 14.01.2010
4. ...
BTW: Discounter generieren ihren Umsatz über ebensolchen. Will heißen, die Ware muß möglichst schnell durchgeschleust werden, kann also nicht einfach mal so wochenlang in den Regalen verbleiben. Also muß man sich da schon fast zwangsläufig an der Kaufkraft der Konsumenten ausrichten: wenn die weniger Geld zur Verfügung haben, müssen die Preise sinken, damit immer noch die gleiche Produktmenge abverkauft werden kann. Da man nicht davon ausgehen kannn, daß den Menschen in Zukunft mehr Netto im Portemonnaie verbleibt, wird die "ruinöse und verhängnisvolle Preisschlacht" auch noch weitergehen. Freuen werden sich vor allem die Besserverdiener, die die Discounter frequentieren. Zumindest solange, wie die Qualität noch gewährleistet werden kann.
Horst Bürger 14.01.2010
5. ...wie bei den Wölfen!
Zitat von glen13Preise runter, Löhne runter, Gewissen runter, Gier rauf, Gewinne rauf. Ein unkompliziertes Gesellschaftsbild, natürlich wie bei den Wölfen.
Der Hoch-Kapitalismus der sich nach dem Zusammenbruch der echt-sozialen Welt nun vollends etablieren konnte ist nun mal ein Wolfsrudel - die Großbanken führen das Rudel an und die Konzerne und Discounter führen als gieriges Rudel die tagtägliche Profitsuche aus!
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