Lebensmittel im Internet Wie ich bei Amazon Milch gekauft habe

Erst Bücher und CDs, jetzt Brot und Käse: Seit wenigen Tagen bietet Amazon in Deutschland auch Lebensmittel an. Auf den ersten Blick eine tolle Sache. Aber warum kostet der Liter Milch fast acht Euro? Ein Einkaufsversuch von Yasmin El-Sharif.
Amazon-Lebensmittel-Seite: Verlockendes Angebot

Amazon-Lebensmittel-Seite: Verlockendes Angebot

Hamburg - Ich brauche Zeit. Ich bin eine junge Mutter und ich gehe arbeiten. Einkaufen nach Dienstschluss ist für mich mehr als lästig, meist schaffe ich es gar nicht: Zuhause wartet mein Kind - und mir knurrt der Magen.

Schön, dass sich Amazon jetzt um einen Teil meiner Probleme kümmern will. Der Versandhändler will mir Zeit und Bequemlichkeit schenken. Das Online-Unternehmen liefert nämlich seit Anfang Juli außer CDs und Büchern auch Milch, Käse und Tomaten nach Hause. Also alles, was mir im Kühlschrank fehlt.

Ich bin ein Amazon-Fan, denke ich spontan.

Es dauert nicht lange, da setze ich mich für meinen Großeinkauf an den PC - in der Mittagspause, versteht sich. Gut, dass ich schon Kunde bei dem Versandhändler bin.

Auf der Startseite von Amazon   blinken mir knallgelbe Bio-Zitronen entgegen: 500 Gramm für 1,79 Euro. Zitronen brauche ich im Moment nicht, aber wenn sie schon nach Hause geliefert werden, warum nicht? Also ab damit in den Warenkorb - und weitershoppen.

Doch so einfach ist das nicht. Denn bei Amazon gelten andere Orientierungsstandards als bei jedem Discounter: Gemüse liegt nicht neben Gemüse, Trockenprodukte wie Nudeln sind nicht neben anderen haltbaren Lebensmitteln wie Tütensuppen aufgereiht. Stattdessen lande ich nach dem ersten Klick wieder bei Büchern und DVDs.

Also gebe ich den Begriff "Käse" direkt in die Suchmaske ein. Klasse: Es offenbart sich mir die Welt des Käses. Neben altbekannten Handelsmarken und -sorten ist Käse dabei, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Sofort ins Auge fällt mir - vermutlich wegen seiner Farbe - grüner Gouda mit Pesto. Den gibt's in der 100-Gramm-Probiergröße für 1,69 Euro. Ich greife zu.

Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass etwas fehlt: Der Einkauf ist zweifellos ein interessanter Abstecher in die Welt der Waren. Doch ich kann nichts anfassen, mir näher anschauen oder riechen.

Kurz gesagt: Es fehlt das Sinnliche.

Manche Produkte finde ich gar nicht. Eine braune, amerikanische Zuckerbrause beispielsweise. Dabei fände ich es toll, wenn gerade diese schweren Flaschen zu mir nach Hause geliefert würden. Ähnliches gilt für Wasser: Unter 90 Cent für 0,7 Liter gibt es keinen Sprudel. Also streiche ich ihn von meiner Online-Einkaufsliste.

Ich lasse mich aber nicht abschrecken - und kaufe weiter. Milch und Frischkäse, Mini-Schokoküsse und Obst. Für alle Produkte verlangt der Versandhändler Preise, wie sie an Tankstellen üblich sind.

Aber wer mir Zeit schenkt, der darf dafür auch etwas mehr Geld nehmen.

An der Kasse dann die böse Überraschung: Ich habe Sachen für etwa 15 Euro zusammengesucht, doch dabei bleibt es nicht. Mir wird eine Rechnung über mehr als 30 Euro präsentiert. Wie das?

Amazon wirbt zwar damit, dass es 35.000 Produkte im Angebot habe. Aber die kriegt das Online-Unternehmen nur zusammen, weil es mit unzähligen kleineren Food-Händlern kooperiert - und die schlagen jedes Mal ihre eigenen Versandgebühren drauf. (Unterschiedliche Lieferzeiten haben sie übrigens auch.) So kann es passieren, dass mich eine Tüte Milch insgesamt 7,67 Euro kostet. Für die Milch allein müsste ich nur 72 Cent berappen.

Ich gehe also zurück auf Anfang, beginne erneut mit meinem Kauf.

Dieses Mal suche ich nicht nach den Produkten, die ich brauche, sondern lasse mir alle Angebote eines bestimmten Amazon-Partnerunternehmens anzeigen. Danach wähle ich dann aus. Am Ende schicke ich die 15-Euro-Bestellung ab - und das Warten auf die Lieferung beginnt.

Mehr als eine Stunde hat mich die Bestellung gekostet, meine Mittagspause ist längst verstrichen. Vielleicht ist das aber auch nicht Amazons Schuld. Mit etwas mehr Routine würde ich es wohl etwas schneller schaffen.

Auf jeden Fall bin ich gespannt auf die Lieferung. Ein Wochenende und zwei Tage dauert es, bis der Paketdienst der Post bei mir klingelt. Dass ich nicht da sein könnte, ist offenbar egal - obwohl ich verderbliche Sachen bestellt habe. Anders als angepriesen, schlägt mir der Versandhändler nämlich keinen Liefertermin vor. Dabei ist doch durchaus bekannt, wie gern die Post eine Notiz hinterlässt: Sie können Ihr Paket ab dem nächsten Werktag bei uns abholen.

Zum Glück bin ich zu Hause, um das Paket entgegenzunehmen. Ich reiße es auf, alles ist frisch und unversehrt. Selbst die Schokoküsse sind in bester Form.

Aber hat sich die umständliche Bestellung wirklich gelohnt? Nach der langen Wartezeit und der unangekündigten Lieferung ist mir die Lust am Online-Shoppen eigentlich vergangen.

Weder habe ich Zeit gewonnen, noch konnte ich mich auf eine pünktliche Lieferung verlassen.

Und was wäre gewesen, wenn ich das Paket erst nach Tagen im Briefzentrum hätte abholen können? Ich stelle mir vor, welches Gesicht der Post-Angestellte machen würde, während er mir die stinkende Lieferung über den Tresen reichen muss.

Bei dieser Vorstellung beiße ich grinsend in einen knackigen Schokokuss - und freue mich über den Supermarkt vor meiner Haustür.

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