Lebensmittelkonzerne Warum Schokogiganten auf politisch korrekten Kakao setzen

Ab sofort verkauft Nestlé den "Kit Kat"-Riegel in Großbritannien nur noch als "Fair Trade"-Produkt. Auch in Deutschland planen Konzerne die Kehrtwende in der Kakao-Politik. Hinter dem Schwenk der Unternehmen steht weit mehr als der Wunsch, Gutes zu tun.
Von Laura Himmelreich
"Kit Kat" mit Fairtrade-Siegel: "Umstellung muss glaubhaft sein"

"Kit Kat" mit Fairtrade-Siegel: "Umstellung muss glaubhaft sein"

Foto: Chris North

Hamburg - Der Erzbischof von York stand in der Schokoladenfabrik in Nordengland, als der erste "Kit Kat"-Schokoriegel aus fairem Handel vom Band lief. Der Kirchenmann lobte den Lebensmittelkonzern Nestlé: Es sei ein guter Anfang, wenn der Hersteller nicht mehr nur auf Profitmaximierung setze, sagte er. "Keine Schokolade sollte den bitteren Nachgeschmack der Sklaverei besitzen."

Was den Erzbischof so freute, gibt es bald an jedem Kiosk: Ab Mitte Januar verkauft Nestlé seinen Schokoriegel "Kit Kat" in Großbritannien und Irland nur noch als Fair-Trade-Variante. Produkte aus fairem Handel boomen. Nach Kaffee und Bananen ist jetzt die Schokolade dran. Die Organisation TransFair registrierte bei kakaohaltigen Süßwaren 2008 ein Umsatzplus von fünf Prozent. Die Großkonzerne geloben mitzumachen. Auch Nestlé-Wettbewerber Mars will bis 2020 sämtliche Schokoriegel zertifizieren lassen. Der Lieblingsriegel der Deutschen, Snickers, bekäme so ebenfalls einen Moralbonus verpasst.

Um das Siegel der "Fairtrade Labelling Organization" (FLO) zu bekommen, garantiert Nestlé seinen Lieferanten einen Mindestpreis. Die 600 Bauern, die die Bohnen für den neuen "Kit Kat"-Riegel produzieren, verpflichten sich im Gegenzug dazu, ökologische und soziale Standards einzuhalten. Unter anderem ist der Einsatz von Kinderarbeit verboten.

Kakaopreis so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr

Doch hinter der Fair-Trade-Offensive der Großkonzerne steckt nicht nur Umweltbewusstsein und Nächstenliebe. Denn während sich der Schokoladenkonsum in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat, kämpfen die Hersteller mit Ernterückgängen und Qualitätsproblemen. Die Konzerne tragen selbst eine Mitschuld an der Misere. Fünf Unternehmen kontrollieren rund 80 Prozent des Kakaohandels. Vor allem in den neunziger Jahren drückten sie die Preise derart, dass es für den Bauern nicht möglich war, in bessere Pflanzen, Pflanzenschutz und neue Geräte zu investieren. In den vergangenen zwölf Monaten führten schwere Regenfälle, Schädlinge und Pilzkrankheiten zur schwächsten Ernte seit 14 Jahren.

Rund 40 Prozent der weltweit gehandelten Kakaoproduktion stammen aus der Elfenbeinküste - doch die Nachwehen des Bürgerkriegs verschärfen das Ernteproblem. Bis 2007 tobten in dem Land die Auseinandersetzung - deshalb blieben Wanderarbeiter aus, Rebellen und korrupte Beamte verlangten hohe Abgaben. Etliche Bauern gaben den Kakaoanbau deshalb ganz auf, die Regierung der Elfenbeinküste ermutigte sie sogar zu diesem Schritt - und Spekulanten machten sich das zunutze: In den vergangenen Monaten trieben sie den Kakaopreis an den Börsen weiter nach oben, derzeit ist er so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr.

"Das Produkt 'Ethik' verkauft sich richtig gut"

Wenn Nestlé nun plant, über die nächsten zehn Jahre 70 Millionen Euro in nachhaltigen Anbau, robustere Pflanzen und die Schulung der Bauern zu investieren, steckt hinter der Selbstverpflichtung daher auch Selbstzweck: Erst fünf Jahre nachdem der Kakaobaum gepflanzt wurde, kann die erste Bohne geerntet werden. Die Schokoladenkonzerne müssen also anfangen, langfristig zu denken, wenn sie ihren eigenen Bedarf retten wollen.

Kein Wunder also, dass die Schokokonzerne versuchen, sich im Nachhaltigkeitsrennen gegenseitig zu übertrumpfen: Nestlé und Cadbury lassen sich von FLO, dem Verband, zu dem auch Transfair gehört, kontrollieren. Kraft Foods (Milka, Toblerone) und Mars legen ihre Riegel in die Hände von "Rainforest Alliance", Mars außerdem in die von "UTZ Certified".

"Wir wollen zeigen, dass wir in allen Aspekten 'führend in der Kakaonachhaltigkeit' sind", heißt es bei Mars. Doch Nick Lin-Hi sieht einen anderen Grund hinter der Marketingoffensive. "Das Produkt 'Ethik' verkauft sich richtig gut", sagt der Professor für Unternehmensethik an der Universität Mannheim. Da "Fair Trade" kein gesetzlich geschützter Begriff sei, variierten die Standards zwischen den einzelnen Organisationen jedoch: "Transfair ist eine gute Marke, man kann davon ausgehen, dass dort die Kontrollen funktionieren. Rainforest Alliance ist dagegen nicht das Label mit den striktesten Standards."

"Fair Trade light"

Tatsächlich steht Rainforest Alliance immer wieder als "Fair Trade light" in der Kritik. Die Organisation garantiert seinen Bauern weder Mindestabnahmepreise noch Mindestlöhne. Zudem gibt es das Rainforest-Siegel schon für Produkte, wenn 30 Prozent der Inhaltsstoffe von zertifizierten Betrieben stammen. Transfair fordert dagegen 100 Prozent. Wenn sich also Mars von Rainforest Alliance kontrollieren lässt, werden Snickers oder Milky Way nicht vollständig aus fairem Handel stammen. Bis 2020, wenn alle Mars-Riegel zertifiziert sein sollen, wäre vermutlich ohnehin nicht genug Kakao aus fairem Handel auf dem Markt erhältlich, um die komplette Produktion umzustellen.

Umso wichtiger ist, dass die Briten wissen, dass sie ausschließlich Kakao aus fairem Handel verspeisen, wenn sie ab Januar in ihr "Kit Kat" beißen. Nestlé sorgt so zur Abwechslung einmal für positive Schlagzeilen. Nach Skandalen um unlautere Werbung in Afrika und verseuchtes Milchpulver gehört der Lebensmittelkonzern zu den am meisten boykottierten Unternehmen der Welt. Maren Richter, Sprecherin von Transfair, sagt, sie befürchte aber nicht, dass der schlechte Ruf des Konzerns auf den fairen Handel abfärben werde: "Wir wissen auch, dass Nestlé das als Imagegewinn macht, aber wir sehen das als Schritt in die richtige Richtung. Wenn man in einem Land was bewegen will, kommt man nicht darum herum, mit den Großkonzernen zu kooperieren."

Der Wirtschaftsethiker Lin-Hi sagt, Nestlé verkaufe nicht zwangsläufig mehr Riegel, nur weil sie ein zusätzliches Logo tragen: "Die Umstellung auf Fair Trade muss zum gesamten Konzept der Marke passen. Wenn es nicht glaubwürdig ist, wird das Fair Trade Logo vom Kunden als eine Art Ablasshandel wahrgenommen, als Feigenblatt."

Auch der Erzbischof von York schien bei seiner Fabrik-Besichtigung nicht ganz zufrieden zu sein. Wenn es nach ihm ginge, sei "Kit Kat" nur der Anfang, sagte er. Denn seinen Lieblingsriegel von Nestlé, "Yorkie", könne er noch immer nicht mit einwandfreiem Gewissen essen.