S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Eine gut verkaufte Fahrt in die Hölle

Die Deutschen sind mal wieder Exportweltmeister. Sie sehen diesen Titel als Zeichen der Stärke. Doch in Wahrheit sind die gewaltigen Handelsüberschüsse ein Symptom der deutschen Investitionsschwäche - und ein Symbol der ökonomischen Dummheit.

Einer der großen Trends unserer Zeit ist das Verschwinden der wirtschaftlichen Ungleichgewichte - fast überall, nur nicht in Deutschland. Die amerikanischen Außenhandelsdefizite des vergangenen Jahrzehnts sind auf erträgliche Größe geschrumpft. Auch China hat gemerkt, dass es nicht in seinem Interesse ist, extreme Handelsüberschüsse anzuhäufen. Denn mit jedem Export häufen die Chinesen Dollarreserven an, die man nicht mehr so leicht gewinnbringend investieren kann. Auch China passt sich gerade an.

In Deutschland hingegen wachsen die Ungleichgewichte munter weiter. Laut Ifo-Wirtschaftsinstitut hatte Deutschland 2013 einen Überschuss in der Leistungsbilanz von 7,3 Prozent der Wirtschaftsleistung oder umgerechnet 260 Milliarden Dollar. Wir sind wieder mal Exportweltmeister. China gewinnt die Silbermedaille mit "nur" 195 Milliarden Dollar Überschuss. Bronze geht an den Sonderfall Saudi-Arabien mit seinen gewaltigen Ölexporten. Für 2014 erwartet das Ifo-Institut sogar einen noch höheren deutschen Überschuss. Herzlichen Glückwunsch!

Leider führt dieser sportliche Vergleich in die Irre, denn extreme und anhaltende Ungleichgewichte im Außenhandel - egal ob Überschüsse oder Defizite - sind alles andere als Zeichen wirtschaftlicher Stärke, sondern Symptome einer verdeckten Krankheit. Ich bestreite nicht, dass alternde Gesellschaften wie Japan oder Deutschland maßvolle Überschüsse in der Leistungsbilanz aufweisen sollten, um quasi als Gesamtgesellschaft Ersparnisse fürs Alter aufzubauen. Pathologisch hingegen sind Überschüsse in einer derartig extremen Größenordnung, jahrein, jahraus, und zwar aus zwei Gründen:

  • Zum einen sind diese Überschüsse Ausdruck einer fehlenden Bereitschaft, im Inland zu investieren. Deutschland leidet unter einer chronischen Investitionsschwäche. Die deutsche Investitionsquote, staatlich und privat zusammengenommen, lag in den späten neunziger Jahren noch zwischen 20 und 23 Prozent der Wirtschaftsleistung - deutlich höher als die von Frankreich. Im Jahre 2012 lag sie nur wenig über 17 Prozent. Frankreich hat längst aufgeholt. Die Investitionen von heute aber sind das Wachstum von morgen.
  • Die zweite Komponente der Pathologie besteht darin, dass Überschüsse unglaublich riskant sind. Wenn wir mehr Waren ausführen als einführen, dann erhalten wir dafür ausländische Forderungen - Devisen oder andere Wertpapiere. Ob das ein guter oder schlechter Tausch ist, hängt davon ab, wie gut wir das Geld anlegen. Leider sind wir Deutschen insgesamt miserable Investoren. Wann immer es im Ausland Geld zu verlieren gibt, sei es beim Platzen von Immobilienblasen, bei der Pleite von Großbanken oder beim griechischen Schuldenschnitt - immer sind deutsche Inverstoren ganz vorne mit dabei.

Das Gegenteil intelligenten wirtschaftlichen Handelns

Die andauernden Leistungsbilanzüberschüsse machen uns nicht zum Weltmeister im Exportieren, sondern zum potentiellen Transferweltmeister. Wenn Deutschland sich mit seinen Exportüberschüssen brüstet, dann erinnert mich das an die Definition der Diplomatie als die Kunst, jemanden zur Hölle zu schicken, und zwar so, dass dieser sich auf die Reise freut. Je mehr Autos, Werkzeugmaschinen und Einbauküchen wir ins Ausland verkaufen, desto ärmer werden wir - weil die Forderungen, die wir im Gegenzug erwerben, sich allzu oft als nicht werthaltig herausstellen. Was hier passiert, ist genau das Gegenteil intelligenten wirtschaftlichen Handelns.

Sinnvoll wäre eine Neuausrichtung der deutschen Wirtschaftspolitik mit dem Ziel, die Überschüsse auf eine nachhaltige Größe zu begrenzen, etwa drei Prozent. Ein guter Anfang wäre ein Investitionsprogramm von rund zwei Prozent der Wirtschaftsleistung sowie Gehaltserhöhungen im öffentlichen Sektor. Es ist besser, gezielt im Inland zu investieren, als massiv im Ausland zu verlieren.

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