Umgang mit Plantagenarbeitern von Supermärkten Lidl lobt sich

Lidl wollte nur noch fair gehandelte Bananen anbieten - und ruderte wenige Monate später zurück. Der Kunde wolle halt billige Früchte. Die Konkurrenz um Rewe oder Edeka schwemmte den Markt damit. Der Preiskampf ist ruinös: für die Bauern.

Knut Henkel

Aus Ecuador berichtet Knut Henkel


Seit dem frühen Morgen sind die Männer auf der Plantage im Einsatz. Die Sonne lässt die Wassertropfen auf den dicken Blättern der Bananenstauden verdampfen. Darunter schneidet ein Mann einen großen grünen Bananenbüschel von der Staude, den sich ein Kollege auf die Schulter gleiten lässt. Dann stapft er mit dem rund dreißig Kilogramm schweren Fruchtstand zur Verpackungsstation. Hier wird der Büschel zerteilt und die noch grünen Bananen gewaschen. Wenig später landen die Früchte in Pappkartons mit dem Fair-Trade-Logo und dem Schriftzug "Banafair".

Der Bananenimporteur Banafair ist in Gelnhausen bei Frankfurt ansässig und beliefert die Weltläden in Deutschland. Er ist wichtigster Abnehmer der 27 Mitglieder zählenden Kleinbauerngenossenschaft aus dem Cantón Balao in Ecuadors Süden.

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Plantagenarbeiter in Ecuador: Zwei Drittel des Lohns für doppelte Schichten

"Banafair garantiert uns seit fast zwanzig Jahren die Abnahme unserer Biobananen zu einem fairen Preis", sagt William Justavino, der La Libertad leitet. "Das sind rund 8,20 US-Dollar pro Karton. Zusätzlich gibt es einen US-Dollar Prämie für die Durchführung von sozialen Projekten", erklärt Justavino. Der stämmige Bauer mit den grauen Strähnen im struppigen Haar baut auf sechs Hektar Bananen, etwas Kakao sowie Obst im Schatten von tropischen Bäumen an.

Durch den fairen Importeur läuft es gut für Justavino. Und für eine kurze Zeit im vergangenen Jahr sah es so aus, als könnte der Markt für faire Bananen einen richtigen Aufschwung nehmen. Doch so schnell, wie diese Hoffnung aufkeimte, ist sie zerstoben. Sie fiel dem Bananenkrieg im fernen Deutschland zum Opfer.

Im September 2018 hatte der Lebensmittel-Discounter Lidl angekündigt, das Sortiment auf Fair-Trade-Bananen umzustellen. Das hätte die Perspektiven von Kleinbauern wie Justavino verbessert. Und den Plantagenarbeitern anständige Löhne beschert.

Weniger Geld, mehr Arbeit

Einmal pro Woche wird bei Justavino geerntet: "Vier, fünf Arbeiter helfen mir beim Ernten, Sortieren und Verpacken der Bananen. 25 US-Dollar zahle ich ihnen für sechs, sieben Stunden Arbeit und in der gleichen Nacht gehen die Bananen dann per Kühlcontainer nach Deutschland", sagt er.

25 US-Dollar für einen Arbeitstag von etwa sechs Stunden, das ist gutes Geld in Ecuador. Auf den viel größeren Plantagen, die die deutschen Supermarktketten von Aldi bis Rewe beliefern, wird deutlich weniger gezahlt und länger gearbeitet, so Jorge Acosta von der Branchengewerkschaft ASTAC: "15 bis 17 US-Dollar sind es für den Arbeitstag mit oft zwölf, manchmal auch vierzehn Stunden." Dafür gibt es auch kein Fair-Trade-Label.

Doch Lidl machte im Mai 2019 einen Rückzieher. Nun kehrten konventionelle Bananen ins Sortiment zurück. Der Kunde wolle eine billige Banane, hieß es auf der Pressekonferenz lapidar. Parallel dazu wolle Lidl jedoch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE "die Kunden am Point-of-Sale über den Mehrwert von Fair Trade aufklären, um sie von den Vorteilen wie beispielsweise den fairen Löhnen für Erzeuger oder den Schulbau für Kinder zu überzeugen".

Zu wenig für Oxfam-Kampagnenleiter Frank Braßel. Der bedauert das mangelnde Durchhaltevermögen des Discounters, schränkt aber ein, dass die Konkurrenz von Aldi, Rewe und Edeka den deutschen Markt mit Billigbananen geflutet hat, um Lidl unter Druck zu setzten. Mit Erfolg.

Joaquín Velásquez treibt der Preiskampf in Deutschland die Sorgenfalten auf die Stirn. Der 62-Jährige leitet mit Emprocompt ein kleines Exportunternehmen, das tropische Früchte und Kakao aus Bioproduktion im Auftrag von Kleinbauerngenossenschaften nach Deutschland und Frankreich verkauft. Auch mit Justavinos Bananen handelt er.

Den Druck machen die Einzelhandelskonzerne

"Die Zahl der kleinen Farmen, die von den großen Bananenkonzernen übernommen werden, steigt", so Velásquez. "Viele Kleinbauern müssen ihre Bananen oft an Zwischenhändler verkaufen, die den offiziellen Ankaufpreis von mindestens 6,30 US-Dollar pro Kiste von 18,14 Kilogramm unterlaufen." Den Druck machen direkt die Supermarktkonzerne, sagt er: "Sie diktieren immer öfter die Ankaufpreise. Unterscheiden nicht, ob ein Kleinbauer oder eine Megaplantage die Ware liefert - das ist unfair", kritisiert er. Obendrein steigen die Preise für Kartons, Verpackungsmaterial sowie Exportgebühren und Zertifizierungskosten.

Die Supermärkte schieben die Verantwortung auf die Konsumenten - nicht völlig zu Unrecht. Anders als in der Schweiz oder Großbritannien, wo rund 50 Prozent der Bananen mit dem Fair-Trade-Logo über den Ladentisch gehen, sind es in Deutschland gerade einmal zehn Prozent. Das heizt den hiesigen Bananenkrieg an: Das Kilo konventionelle Bananen wird teils für unter einem Euro angeboten.

"Ein Dumpingpreis, denn schließlich müssen die Früchte monatelang reifen, dann gepflückt, gewaschen und anschließend im Kühlcontainer nach Europa verschifft werden, kritisiert Oxfam-Mann Braßel. "Die direkte Folge ist, dass die Leute in Ecuador und den anderen Anbauländern länger arbeiten müssen und schlechter bezahlt werden".

Das bestätigt Anahí Macaroff vom Institut für ecuadorianische Studien (IEE). Sie hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Stalin Herrera in den letzten 18 Monaten den ecuadorianischen Bananensektor unter die Lupe genommen: Arbeitsbedingungen analysiert, Verstöße gegen Gewerkschaftsrechte dokumentiert, politische Strukturen in den drei großen Anbauprovinzen El Oro, Los Ríos und Guayas durchleuchtet. Das Ergebnis der Studie ist alarmierend.

Der Sohn vom Bananenmagnaten war Arbeitsminister

Wer im Bananensektor Ecuadors arbeitet, ist oft nicht sozialversichert; schließt er sich einer Gewerkschaft an, ist er seinen Job los. "Bei Berufserkrankungen, hervorgerufen zum Beispiel durch Pestizide, sind die Menschen nicht abgesichert", erklärt Macaroff. Das verstößt zwar gegen Gesetze in Ecuador, aber die Lobby der Bananeros, wie die großen Plantagenbesitzer genannt werden, ist überaus einflussreich.

Raúl Ledesma war bis zum Januar 2019 Arbeitsminister - und ist der Sohn von Eduardo Ledesma, Präsident der Vereinigung der Bananenexporteure Ecuador. Unter seiner Regie sei die Ausbeutung der Plantagenarbeiter durch flexiblere Arbeitszeitgesetze weiter verschärft worden, kritisiert Gewerkschafter Acosta.

"Der offizielle Mindestlohn von 394 US-Dollar wird nur ausnahmsweise gezahlt. Die Arbeiter und Arbeiterinnen schuften im Akkord und werden pro verpackter Bananenkiste entlohnt. Überstunden fallen so erst gar nicht an", ärgert sich Acosta.

Die Recherchen von Macaroff und Herrera belegen außerdem, dass Frauen meist noch schlechter bezahlt werden als Männer, und dass Pestizide zum Einsatz kommen, die international geächtet sind.

Für Ecuadors Vize-Umweltminister Michael Castañeda ein Fall für die Gerichte: "Wir haben in Ecuador gute Gesetze, die die Beschäftigen schützen", wiegelt er gegenüber SPIEGEL ONLINE ab.

Doch die Realität sieht anders aus, wie ein Video zeigt, das von Oxfam Deutschland im Dezember 2016 veröffentlicht wurde. Da donnert ein Sprühflugzeug zur Mittagszeit im Tiefflug über eine Plantage, lässt einen feinen Nebel aus Schädlingsbekämpfungsmitteln ab, während die Belegschaft dort gerade zu Mittag isst.

Im Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Ecuador ist das anders vereinbart. "Das verpflichtet beide Seiten, bei den Arbeitsbedingungen Menschenrechte und ökologische Standards einzuhalten", sagt Anahí Macaroff. Ihr Institut hat in Brüssel und Quito gemeinsam mit der Branchengewerkschaft ASTAC im März 2019 Beschwerde eingelegt.

Bisher ohne Folgen, so Acosta. Mitte Juni war er noch einmal in Brüssel, um nachzuhaken. "Ohne Erfolg, denn das Abkommen sieht keine Sanktionen vor. So bleibt zum Beispiel die Entlassung von Arbeitern, nur weil sie im Januar eine Gewerkschaft auf einer Plantage des Noboa-Konzerns gegründet haben, ungeahndet".

So liegt laut Acosta das Schicksal der Bananenbauern in den Händen der Kunden in Deutschland. Doch viele werden den Ein-Euro-Bananen nicht widerstehen.



insgesamt 109 Beiträge
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marcus.w 06.07.2019
1. 4te Gewalt?
War das jetzt alles? Wo ist die vielbeschriene 4te Gewalt, wenn sie doch tatsächlich mal etwas ändern könnte? Einfach mal nen Leitartikel gegen diese Sklaventreiber und Preisdumper raushauen - und alle beim Namen nennen. Aber dann würden wohl Rewe oder Edeka keine Werbung mehr buchen wollen... also lieber weiter die billigsten Bananen.
Der Sheldon 06.07.2019
2. Das ganze "Fair-Thema"
...ist verlogen, denn die Organisatoren, die das ganze organisieren, wollen ja auch davon leben, als geht auch für die Knete ab, die dann bei den eigentlichen Erzeugern nicht ankommt. Die Handelsketten sollten das selber nachvollziehbar organisieren, anstatt eine unnütze Organisation zu finanzieren. Ähnlich ist es bei dem unglaubwürdigen "Ohne Gentechnik"-Logo: auch bei diesem staatlich sanktionierten Verbraucherbetrug (das Logo müsste eigentlich wegen der vielen Ausnahmen "Mit ein Bisschen Gentechnik" heissen) wäre es sinnvoller, die Handelsketten würden den Milchbauern bessere Preise zahlen, anstatt den Verein eines abgehalfterten Greenpeace-Aktivisten zu mästen.
StefanieTolop 06.07.2019
3. Das glaube ich sofort
Der Lidl-Eigentümer Herr Schwarz ist ja auch bekannt für seine soziale Ader. Nachzulesen im "Schwarzbuch Lidl". Ums Geld geht es ihm bestimmt nicht.
lungu_t_m 06.07.2019
4. Warum gibt es in Deutschland
keine Bananen von den kanarischen Inseln? Die Kanaren sind in der EU und die Bananen werden hoch subventioniert, nur in Europa werden sie nicht verkauft. Ist das die normale EU Politik: Anbauen, ernten und vernichten.
Streifenhörnchen15 06.07.2019
5. na passt ja...
Da macht man die Umfrage unterm Artikel, landet wie 3/4 der Teilnehmer auf der fairen Seite, aber 90% der verkauften Bananen die Müll. Aber ist ja bei Klimabewusstsrin ein ähnlicher Effekt zwischen Sagen und Tun Übrigens: Bananen sind nicht so pberragend gesund, lieber etwas weniger davon, dafür fair, und von der CO2-Bilanz fangen wir nicht an, das Zeug schippert um die halbe Welt, regionale Ernährung ist anders.
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