Lieferando-Gründer Christoph Gerber Jung und Millionär: Was nun?

Es ist der Traum vieler Jungunternehmer: Ihr Start-up an die Börse bringen - und auf einen Schlag reich sein. Lieferando-Gründer Christoph Gerber gelang es 2016. Schafft er es ein zweites Mal?

Lieferando-Gründer Gerber (M.), Mitstreiter Hansen (l.) und Gerbig (r.)
privat

Lieferando-Gründer Gerber (M.), Mitstreiter Hansen (l.) und Gerbig (r.)

Von manager-magazin-Redakteur


Zum Eingang der Amsterdamer Börse führt an diesem Freitag ein orangener Teppich, daneben baumeln Ballons. Es ist früh am Morgen, 8 Uhr, trotzdem soll es wie eine Party aussehen. Drinnen, auf dem Balkon, stehen drei junge Männer im Anzug. Sie warten darauf, dass Jitse Groen, der Geschäftsführer, endlich den Gong schlägt.

Es ist der 30. September des vergangenen Jahres, der Tag des Börsengangs von Takeaway.com. Das niederländische Start-up wird an diesem Tag 328 Millionen Euro einnehmen, mehr als die Hälfte davon fließt an Wagnisfinanzierer und andere Anteilseigner, darunter auch die drei jungen Männer auf dem Balkon.

Takeaway vermittelt in zehn Ländern Essensbestellungen über das Internet. In Deutschland ist die Firma unter der Marke Lieferando ("Isch bin Dir Farfalle.") bekannt. Marktführer Lieferando ist hier der größte Konkurrent von Delivery Hero (Lieferheld, pizza.de, Foodora), das in diesem Sommer ebenfalls an die Börse will.

Christoph Gerber hatte sich diesen Tag in Amsterdam oft ausgemalt. Jetzt, als er wirklich in der Börse feiert, ist es surreal und erleichternd zugleich. Er ist einer der jungen Männer auf dem Balkon.

Gerber, sein Freund Kai Hansen und der heutige Takeaway-Deutschlandchef Jörg Gerbig hatten Lieferando 2009 in Berlin gegründet und später mit Takeaway verschmolzen. Als Gegenleistung bekamen sie damals Anteile des neuen Gemeinschaftsunternehmens, die sie nun via Börse an Investoren verkaufen.

Die drei Gründer hatten einst in ihrer Studenten-WG Speisekarten per Hand abgetippt, zum ersten Mal verhandelt, Mitarbeiter eingestellt und später einen - auch juristischen - "Lieferkrieg" mit Delivery Hero geführt. Es war eine intensive, sehr aufreibende Zeit, mehrmals stand Lieferando kurz vor dem Aus. Mit dem Erklingen des Börsengongs sollten sich diese Mühen endlich auszahlen.

Gerber und Hansen verhandeln in Amsterdam in der Nacht zuvor noch bis in die Morgenstunden mit den Takeaway-Anwälten. Sie arbeiten zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr für das Unternehmen, vor allem Gerber kommt mit dem neuen Boss Groen nicht zurecht.

Ihre Freundinnen sind mit nach Amsterdam gekommen, die Vier wohnen gemeinsam in einem Airbnb-Appartment. In der Börse gibt es Torte, später gehen die Freunde noch in einen Club. Gut sechs Tage später werden ihnen Banken wie Morgan Stanley den Kaufpreis für ihre Anteile überweisen. Gerber, 31 Jahre alt, ist seitdem Multimillionär mit Eigentumswohnung und Porsche 911.

Für deutsche Verhältnisse ist das eine ungewöhnliche Geschichte. Nur wenige Gründer schaffen es, ein Start-up zu einem millionenschweren "Exit", also an die Börse oder bis zu einem Verkauf, zu führen. Es ist der Traum vieler junger BWL-Absolventen, gerade solcher, die auf Privatuniversitäten wie der WHU in Vallendar oder der HHL in Leipzig studiert haben. Gründer hat sich in dieser Szene als Trend-Beruf etabliert. Die Hochschulen werben mit Oliver Samwer und anderen bekannten Tech-Alumni, sie verkaufen dabei auch den Traum vom schnellen Reichtum.

Aber was kommt danach?

Christoph Gerber sagt, dass ihn die Vorstellung des Exits immer auch geängstigt habe. Was, wenn ihn das viele Geld verändern würde? "Ich dachte oft: Fuck, vielleicht merke ich das gar nicht." Er sei deshalb vorsichtig, abgesehen vom Porsche und der Wohnung habe er seinen Lebensstil kaum geändert, noch immer seinen alten Freundeskreis. Er lädt die Familie ab und an zu einer Reise ein, erzählt Gerber, möchte ansonsten aber bloß kein "Schenkonkel" werden.

Es ist nicht leicht, hier eine sinnvolle Grenze zu ziehen. Vor allem, wenn der Abstand zu den eigenen Verhältnissen plötzlich so groß ist.

Gerber hat an der Berliner Universität der Künste Wirtschaftskommunikation studiert, er wollte mal Werber werden. An feinen Unis wie der WHU wäre er mit seiner provokanten, etwas derben Art wohl ein Sonderling gewesen. Gerber ist in Berlin-Wilmersdorf aufgewachsen, die Eltern waren Lehrer.

In die Start-up-Szene rutschte er durch Zufall.

Während des Studiums lernte Gerber über seinen Kumpel Kai Jörg Gerbig kennen, der die Idee zu Lieferando aus New York mitbrachte. Als Banker hatte Gerbig dort die Bestellgewohnheiten seiner Wall-Street-Kollegen studiert, die ihre Spesen früh im Netz ausgaben. Es ging dann schnell bergauf, bei Wagniskapitalgebern standen Onlineplattformen wie Lieferando plötzlich hoch im Kurs.

Haben die Firmen einen Markt erst einmal für sich, gelten sie als Gelddruckmaschinen mit Margen über 50 Prozent. Ein Hype, der mit dem Börsengang von Delivery Hero bald seinen Höhepunkt erreichen dürfte.

2015, nach dem Zusammenschluss mit Takeaway, zog Gerber mit seiner Freundin für knapp ein Jahr nach Australien. Zum Surfen - und, um eine neue Geschäftsidee vorzubereiten.

Jungmillionär Gerber
Talon One

Jungmillionär Gerber

Mit seinem neuen Start-up "Talon One" verkauft er Firmen eine Software, mit der sie Rabatt- und Werbeaktionen präziser steuern können. Gerade Start-ups wissen, wie teuer schlecht organisierte Gutscheinaktionen werden können. Ende 2015 ging es offiziell los, das Produkt ist seit Anfang dieses Jahres fertig.

Talon One, das sind bislang 17 Mitarbeiter im Dachgeschoss eines Gewerbehofs in Berlin-Kreuzberg. Das Treppenhaus ist dreckig, auf der Terrasse machen sie im Winter manchmal Feuer. Geld will Gerber möglichst wenig verbrennen, das Risikokapital kam dieses Mal vor allem von Bekannten. Kein Vergleich also zu den wilden Lieferando-Zeiten.

Talon One hat erst wenige Kunden, etwa die Umzugs-Start-ups Movinga und Move24. Je nach Volumen zahlen sie bislang vier- bis fünfstellige Beträge im Monat. Das muss mehr werden. Gerber hofft, bald den ersten großen Deal zu machen.

Dem boomenden Lieferbusiness trauert er nicht hinterher, er möchte noch einmal etwas Solides aufbauen. "Spätestens beim Börsengang wusste ich: That's it!"



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