Lieferprobleme in der Autoindustrie Kunden müssen häufig ein halbes Jahr auf Neuwagen warten

Händler haben wegen des anhaltenden Chipmangels und weiterer Lieferprobleme eine deutlich gestiegene Wartezeit für Autokäufer festgestellt. Die Hersteller versuchen viel, um gegen die Mangelwirtschaft anzukommen.
Daimler-Karosserie in Sindelfingen: Industrie hängt in der Luft

Daimler-Karosserie in Sindelfingen: Industrie hängt in der Luft

Foto: Silas Stein / dpa

Wer in der DDR ein Auto kaufen wollte, musste offiziell teils zehn Jahre und tatsächlich oft noch deutlich länger darauf warten. Dieses Ausmaß haben Lieferschwierigkeiten und Materialknappheit in Deutschland aktuell noch lange nicht – doch Käuferinnen und Käufer brauchen bereits immer mehr Geduld.

»Je nach Fabrikat und Modell hat sich die Lieferzeit bei einem Großteil auf drei bis sechs Monate eingependelt«, sagt Marcus Weller, Marktexperte beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Bei manchen Premiummodellen müssten Kunden sogar neun Monate bis ein Jahr lang warten, bis sie den Wagen in Empfang nehmen können.

Hintergrund sind vor allem die Lieferengpässe bei wichtigen Bauteilen, darunter Halbleiter. Hersteller drosseln deshalb die Produktion. Stefan Reindl, Leiter des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft, prognostiziert: »Die Problematik langer Lieferzeiten könnte sich im Herbst 2021 bis weit ins Frühjahr 2022 verschärfen.« Die Folge: Rabatte auf den Listenpreis werden seltener, auch Gebrauchtwagenpreise ziehen an.

Halb fertige Autos stauen sich vor Fabriken

»Der Bestand bei den Händlern ist ziemlich reduziert«, sagt Weller. Fanden Kunden früher ihr Wunschmodell nicht direkt beim Händler, sei es kurzfristig aus Lagern des Herstellers lieferbar gewesen. Das sei nun schwieriger. Wartezeiten würden mitunter mit Vorführfahrzeugen überbrückt und Leasing-Verträge verlängert. Wer bei der Marke flexibel sei, komme unter Umständen schneller an seinen Neuwagen.

Dir Krise schlägt inzwischen auch auf die Zulassungszahlen durch. Angesichts von Chipmangel und Produktionskürzungen sank die Zahl der Neuzulassungen im Oktober im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 35 Prozent, wie das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg mitteilte. Nur noch 179.683 Pkw wurden in dem Monat neu zugelassen. Rückläufig waren die Zahlen demnach in allen Segmenten, außer bei Wohnmobilen und in der Oberklasse.

Viele Autohersteller versuchen händeringend, die großen Nachfrage zu befriedigen, indem sie bestellte Fahrzeuge mit dem noch vorhandenen Material fertigstellen. Bei Konzernen wie Volkswagen und großen Zulieferern wie Continental suchen eigens gebildete »Taskforces« den Weltmarkt rund um die Uhr nach Restmengen vor allem der knappen Mikrochips ab.

Doch das, was überhaupt erhältlich ist, reicht häufig nicht aus. Vor manchen Werken stauen sich bereits halb fertige Autos, die bei Eintreffen fehlender Teile rasch nachgerüstet und erst dann ausgeliefert werden . Einige Autobauer sind aber sogar dazu übergegangen, Modelle ohne bestimmte Sonderausstattungen auf die Straße zu lassen, um die Systeme später zu ergänzen.

In der Produktion fallen aufgrund des Teilemangels Schichten aus, teils über ganze Wochen. Gleichzeitig steigen die Autopreise, denn zusätzlich zur allgemeinen Verknappung des Angebots werden Rabatte gekürzt. Und die Hersteller reservieren diejenigen Chip-Chargen, die sie bekommen können, zunächst oft für höherpreisige Modelle.

E-Autos besonders von Lieferproblemen betroffen

Andererseits wollen die Unternehmen loswerden, was geht. Bei VW etwa führte der unbedingte Vorrang für die externe Kundschaft dazu, dass sich Manager vorerst keine Elektro- oder Hybridautos als Dienstwagen mehr bestellen sollen. Diese sollen sofort in den Handel gehen – normalerweise schmückt sich der Wolfsburger Hersteller damit, auch seine Führungskräfte mit alternativ angetriebenen Fahrzeugen auszustatten.

»Besonders anfällig für lange Lieferzeiten sind aktuell vor allem Elektrofahrzeuge«, sagt Autoexperte Reindl. Sie seien bei der Ansteuerung des Antriebs und bei Assistenz- und Kommunikationssystemen stärker auf Halbleiterelemente angewiesen als Verbrenner.

Die längsten Lieferzeiten erwartet Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, im kleineren bis mittleren Preissegment. Denn die knappen Halbleiter würden zunehmend auf höherpreisige Fahrzeuge konzentriert.

Eine Entspannung auf den Zuliefermärkten sei in den kommenden Monaten nicht in Sicht. »Es bleibt zu hoffen, dass sich die Engpässe ab 2022 sukzessive auflösen – wenngleich nicht gänzlich«, sagt Bratzel. Darunter litten nicht nur Autohersteller und -zulieferer, sondern insbesondere auch der Autohandel. Wenn Händler bestellte Fahrzeuge nicht ausliefern könnten, fehle Umsatz und Ertrag. »Dies könnte zu einer ruinösen Spirale in der Automobilwirtschaft führen.«

apr/dpa
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