Listerien-Fund Wurstfirma Sieber klagt gegen Produktionsverbot

Die Firma Sieber muss nach dem Fund von Bakterien in Wurst ihre Produktion einstellen. Dagegen geht sie gerichtlich vor. Der Inhaber klagt, der Rückruf sei politisch motiviert.

Der Inhaber der Fleischfirma Sieber, Dietmar Schach
DPA

Der Inhaber der Fleischfirma Sieber, Dietmar Schach


Die Fleischwarenfirma Sieber geht nach dem Fund gesundheitsgefährdender Bakterien in Wurstwaren gerichtlich gegen das behördlich angeordnete Produktionsverbot vor. Das Unternehmen habe Klage gegen den Freistaat Bayern eingereicht, sagte der Inhaber Dietmar Schach am Firmenstandort in Geretsried (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Der Rückruf sämtlicher Waren und die Werksschließung seien politisch motiviert. Das bayerische Verbraucherschutzministerium wies die Vorwürfe zurück.

In Proben von Sieber-Wurstwaren waren gesundheitsgefährdende Listerien gefunden worden. Das Landratsamt in Bad Tölz hatte daraufhin am Freitag angeordnet, dass sämtliche Sieber-Produkte in ganz Deutschland aus den Ladentheken sowie in Flughäfen und Großkantinen zurückgerufen und vernichtet werden müssen. Außerdem verhängte die Behörde ein Betriebs- und Vertriebsverbot für die Großmetzgerei mit 120 Beschäftigten.

Eine Ansteckung mit Listerien kann bei Kleinkindern und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem meist zu starkem Durchfall und Fieber führen. Bei Gesunden verläuft die Listeriose genannte Krankheit oft harmlos.

Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein

Nach Angaben des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen wurden seit 2012 in Deutschland Listeriosen mit einem bestimmten Muster beobachtet. Diesem Ausbruch könnten möglicherweise bis zu 80 Erkrankungsfälle mit dem Schwerpunkt Baden-Württemberg und 22 Fälle in Bayern zugeordnet werden. Acht der erkrankten Personen sind gestorben, bei vier von ihnen wird die Listeriose als hauptsächliche Todesursache angesehen. Ob die Todesfälle auf Sieber-Produkte zurückgehen, ist unklar.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermutet, dass das Sieber-Produkt "Original Bayerisches Wammerl" in Zusammenhang mit dem Listeriose-Ausbruch in Süddeutschland von 2012 an bis heute steht. So kam es erst zur Verzehrwarnung durch das bayerische Verbraucherschutzministerium und schließlich zum Rückruf der Ware. Die Münchner Staatsanwaltschaft leitete inzwischen Vorermittlungen gegen Sieber ein. "Wir prüfen den Sachverhalt", sagte Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich.

Fotostrecke

14  Bilder
Lebensmittelhygiene: So verbannen Sie Bakterien aus Ihrer Küche

Es werde der Versuch unternommen, "dass man an einem Betrieb ein Exempel statuiert, um von behördlichen Versäumnissen abzulenken", sagte Schach. Er bezifferte den täglichen Schaden für sein Unternehmen auf 100.000 Euro. Insgesamt mehrere Hundert Tonnen Ware müssten vernichtet werden. Das Unternehmen beliefert seinen Angaben zufolge die Ketten Lidl, Norma, Rewe und Penny, nicht jedoch Aldi.

Vorwurf der politischen Motivation

Schach äußerte den Verdacht, dass sein Unternehmen durch die staatlich angeordneten Sanktionen dafür missbraucht werde, politisch vorzeigbare Erfolge im Kampf gegen Lebensmittelskandale zu erzielen. Er nannte als Beispiel Versäumnisse bei Bayern-Ei. Im Zuge der Salmonellen-Affäre sollen Dutzende Menschen erkrankt und ein Mann gestorben sein.

Schach verwies darauf, dass rund 45 im Unternehmen genommene Proben frei von gesundheitsgefährdenden Listerien seien. "Es gibt bis jetzt keine gesicherten Erkenntnisse, wann und wo Keime in unser Unternehmen hineingetragen wurden", sagte Schach. Allerdings wurden vor Ostern in einem Schweinefleischprodukt von Sieber im Nürnberger Land Listerien nachgewiesen. Der Grenzwert wurde dabei um das Zehnfache überschritten.

Bei daraufhin veranlassten verstärkten Proben in Kaufhausregalen waren fünf Produkte mit Listerien belastet. Nach Schachs Worten wurden dabei die behördlich vorgeschriebenen Grenzwerte eingehalten. "Dass auf dieser Tatsachenbasis das gesamte Produktsortiment zurückgerufen werden muss, ist einmalig", kritisierte der Firmenchef. Er arbeite an einem Konzept zur Rettung der Firma.

Das Verbraucherschutzministerium in Bayern wies die Vorwürfe zurück: "Die zuständigen Behörden handeln konsequent zum Schutz der Verbraucher", sagte ein Sprecher. "Auch für Betriebe einschneidende Maßnahmen werden zum Schutz der Verbraucher ergriffen, wenn sie rechtlich zulässig und erforderlich sind".

Die Behörden hätten die erforderlichen Maßnahmen ergriffen, sagte der Sprecher. "Der Rückruf wird amtlich überwacht. Außerdem wurden weitere Proben genommen, die noch ausgewertet werden. Die weitere Aufklärung der Lieferwege läuft".

brt/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frenchie3 31.05.2016
1. Ich hab keine Luft mehr,
der Lachkrampf will nicht aufhören. Eine bayerische Behörde im Auftrag des Bürgers. Verschwörungstheorien liegen mir sehr sehr fern, aber hier bin ich geneigt dem Firmenchef zu glauben. Wohlgemerkt, auf Basis des Inhalts des Artikels
bessernachgedacht 31.05.2016
2. Denn sie wissen nicht was sie tun
Behörden sind leidet total ahnungslos und überfordert. Das arme Unternehmen. Siehe Coppenrath und Wiese. Die sind daran fast kaputt gegangen. Wenn es so gefährlich ist, warum hat man dann von vor Ostern bis jetzt gebracht, zu reagieren? Listerien nisten in vielen Kühlschränken und besonders Kühlhäusern. Zwar sind sie nicht ungefährlich, aber lange kein Grund für so einen pauschalen Rückruf eines gesamten Sortiments ohne beweisende Einzelnachweise. Das ergibt bei 100 Tonnen schon mehrere hunderttausend Euro Warenschaden plus Rückrufkosten plus den Imageschaden incl Auflistung bei den Kunden. Das summiert sich auf Millionen. Falls sich der behördliche Rückruf als übertrieben herausstellt, muss der Steuerzahler im Rahmen der Haftung für den Schaden am Unternehmen aufkommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.