Wirtschaft

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Geplanter Flüssiggas-Terminal in Brunsbüttel

Deutschlands Trumpf im Gas-Poker

An der Elbe soll ein Hafenterminal für Flüssiggas entstehen. Das Projekt dürfte erst in einigen Jahren Gewinne machen, doch es ist politisch gewollt. Deutschland könnte bei Gaslieferungen weniger abhängig von Russland werden.

Von

DPA

LNG-Tanker in Rotterdam (Archiv)

Mittwoch, 25.07.2018   11:30 Uhr

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Brunsbüttel? Die Kleinstadt in Schleswig-Holstein kennen viele Deutsche vor allem wegen des Atommeilers, einem pannenanfälligen Koloss, der 2007 nach mehreren Störfällen für immer abgeschaltet wurde. Aber bald könnte der Ort an der Elbe mit einem zukunftsweisenden Energieprojekt Aufsehen erregen: Deutschlands erstem Terminal für verflüssigtes Erdgas, auf englisch "Liquified Natural Gas", kurz LNG.

Landespolitiker aus Schleswig-Holstein und Hamburg, Bundesminister und Unternehmenschefs, Brunsbütteler Bürger: Sie alle wollen dieses Projekt, aus unterschiedlichsten Motiven. Anders als die meisten Nachbarstaaten hat die Bundesrepublik bis heute keinen einzigen Anlandeterminal, an dem die teils mehr als 300 Meter langen, 30 Meter hohen Gas-Supertanker aus Katar, Trinidad oder Australien anlegen könnten. Keine einzige Anlage, die den auf minus 162 Grad herabgekühlten, verflüssigten und auf ein Sechshundertstel des ursprünglichen Volumens geschrumpftem Brennstoff aus den Schiffsbäuchen in seinen gasförmigen Zustand zurückverwandeln könnte.

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Jahrzehntelang haben Energiekonzerne einen LNG-Terminal an der Nordseeküste erwogen, verwirklicht haben sie ihn nie. Bislang fehlte die politische Notwendigkeit. Und Geld war damit auch nicht zu verdienen.

Beides könnte sich nun ändern.

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"Deutschland ist Gefangener Russlands", hat US-Präsident Donald Trump kürzlich beim Nato-Gipfel behauptet. Schließlich importiere die Bundesrepublik gewaltige Mengen Erdgas aus Russland - und werde stetig abhängiger von ihrem Haupt-Rohstofflieferanten. Wie bei Trump üblich, sind seine Aussagen oft überzogen, teils unwahr und nur auf den eigenen Vorteil gerichtet: Schließlich würden US-Konzerne gern Flüssiggas nach Deutschland verkaufen. Aber tatsächlich erhöhen sie den Druck auf die Bundesregierung, Deutschland schnell "zum Standort für LNG-Infrastruktur [zu] machen". So hatte es die schwarze-rote Regierung im Februar im neuen Koalitionsvertrag festgehalten.

"Mehr als genug Angebot im europäischen Erdgasmarkt"

Seit Jahrzehnten kommt das Erdgas für Deutschland aus der Leitung. Durch riesige Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und vor allem aus Russland wird der Brennstoff für Heizungen, Kraftwerke und Industriebetriebe importiert. Das Gas kommt zuverlässig, und der heimische Bedarf ist gut gedeckt. "Momentan gibt es mehr als genug Angebot im europäischen Erdgasmarkt", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffstratege der Commerzbank.

Seit Eröffnung der ersten Ostsee-Pipeline (Nord Stream) ist die Bundesrepublik sogar ein wichtiger Transitstaat: Ein bedeutender Teil des Gases aus Russland wird weitergeleitet, etwa nach Frankreich oder Tschechien. Großimporteure wie der frühere Konzern Eon Ruhrgas sahen daher keinen Anlass, einen Terminal zu bauen für LNG - das zudem oftmals teurer war als Leitungsgas. Gerade haben die Bauarbeiten für Nord Stream 2 begonnen.

Zudem könnte Deutschland kräftig LNG von seinen Nachbarn beziehen. Ob Belgien, Frankreich oder die Niederlande - alle haben sich riesige Terminals zugelegt, die meist nicht einmal ansatzweise ausgelastet sind. Die Anlage in Zeebrugge etwa benötigte 2017 lediglich zwölf Prozent ihrer Kapazität, Dunkerque sieben Prozent und Rotterdam gar nur sechs Prozent.

Tiefkühlgas soll als alternativer Treibstoff verkauft werden

"Die Leitungsverbindungen mit Belgien und den Niederlanden sind ausreichend", sodass Deutschland LNG über diese Terminals importieren könnte, schrieb Ende 2016 eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln. Deswegen werde ein deutscher LNG-Terminal zur Sicherstellung der Versorgung zurzeit nicht gebraucht. Allerdings, so schrieben die Forscher, könne es künftig "Entwicklungen im kleinräumigen LNG-Markt geben, die einen deutschen LNG-Terminal zu einem lohnenden Geschäft machen".

Genau das passiert gerade in Brunsbüttel.

Zwei niederländische Unternehmen, der staatliche Versorger Gasunie und der Tankterminalbetreiber Vopak wollen zusammen mit dem Hamburger Tanklager-Logistikunternehmen Oiltanking GmbH im Norden von Hamburg für geschätzte 450 Millionen Euro einen LNG-Terminal bauen. Sie wittern Rendite mit einem anderen Geschäftsmodell.

Ihr Tiefkühlgas ist nicht so sehr für den herkömmlichen, gesättigten Erdgasmarkt gedacht. Vielmehr soll es als alternativer Treibstoff verkauft werden: an Kreuzfahrt-, Binnen- oder Containerschiffe. Und als Industriegas für chemische Betriebe in der Region.

Andere Terminals im Gespräch

Bislang fahren herkömmliche Schiffe oft mit Schweröl: einem extrem dreckigen, schwefelhaltigen Kraftstoff. Die Abgase belasten die Umwelt mit hohen Mengen an Schwefeldioxid, Stickoxid und Rußpartikeln. Von 2020 an soll es etwas besser werden. Dann dürfen Schiffe auf hoher See nur noch Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von maximal 0,5 Prozent statt bisher 3,5 Prozent verbrennen - oder müssen alternativ die Abgase vom Schwefel reinigen. Entsprechend attraktiver dürften alternative Brennstoffe werden: allen voran LNG. Der Kreuzfahrtbetreiber AIDA Cruises etwa hat den Bau von mehreren Schiffe mit Gasantrieb in Auftrag gegeben.

Auch an anderen Standorten in Deutschland, etwa in Stade oder in Wilhelmshaven, sind LNG-Terminals im Gespräch. Nirgends aber sind die Planungen so weit fortgeschritten wie in Brunsbüttel. Die Stadt am Schnittpunkt Elbe und Nord-Ostsee-Kanal, sei "ein strategisch idealer Standort" für die Beladung von "Schiffen mit LNG als alternativem Treibstoff", sagt Frank Schnabel, der Geschäftsführer des Hafenbetreibers Brunsbüttel Ports. Die Verkehrswege von und nach Hamburg sowie in und aus dem Nord-Ostsee-Kanal liefen alle über Brunsbüttel. Zudem wäre ein LNG-Terminal an diesem Standort "ideal, Hamburg und insbesondere den Hamburger Hafen mit LNG zu versorgen". Spezielle Bunkerschiffe sollen das LNG von Brunsbüttel in den Hamburger Hafen transportieren.

Berlin kommt das Projekt recht

Auch vor Ort kann das Gas genutzt werden. Der "ChemCoast Park Brunsbüttel" ist das größte zusammenhängende Industriegebiet Schleswig Holsteins: mit mehreren energieintensiven Unternehmen, "die hohen Gasbedarf haben und für die LNG eine Alternative zu Pipelinegas darstellen kann".

Die Landespolitik steht hinter dem Projekt. Sowohl Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) als auch sein Hamburger Pendant Frank Horch (parteilos) haben sich für den Terminal ausgesprochen. Beide Landesregierungen stellten den Betreibern sogar in Aussicht, "eine eventuelle Lücke bei der Wirtschaftlichkeit" aus Bundes- und Landesmitteln zu füllen. Will heißen: das Projekt finanziell zu subventionieren.

Auch der maritime Koordinator der Bundesregierung, Norbert Brackmann CDU, sagte dem Handelsblatt, der Infrastrukturfonds des Bundesverkehrsministeriums halte "grundsätzlich Mittel bereit". Für die Gasversorgung benötigt Deutschland eigentlich nicht zwingend einen LNG-Terminal. Berlin kommt das Projekt angesichts von Trumps Vorwürfen gerade recht. Zumindest politisch.

Mehr Alternativen, bessere Verhandlungsposition

Für Deutschland sei ein LNG-Terminal wirtschaftlich weniger attraktiv als für andere europäische Staaten, sagt Commerzbank-Experte Weinberg. Aber: "Jedes Land, das strategisch und geopolitisch denkt und sich der Gefahr eines Streites zwischen Russland und einem anderen Staat bewusst ist, sollte an anderen Lieferwegen Interesse haben." Deutschland müsse bei Weitem nicht sein gesamtes Gas über LNG-Terminals einführen. Wichtig sei die Schaffung zusätzlicher Alternativen, und damit einer "viel besseren Verhandlungsposition".

Noch hat die German LNG Terminal GmbH, wie das Betreiberkonsortium sich nennt, den Bau nicht endgültig beschlossen. Aber vieles deutet darauf hin, dass das bald geschieht. Wie das Unternehmen im Mai erklärte, habe es schon mit einer "beträchtlichen Anzahl" von möglichen Geschäftspartnern Absichtserklärungen unterzeichnet und den Genehmigungsprozess gestartet. Offenbar gibt es genügend Interessenten aus der Schifffahrtsbranche und der chemischen Industrie für das Tiefkühlgas.

Kommendes Jahr will das Konsortium die Investitionsentscheidung treffen - und bei einem Ja auch den Bau starten. 2022 soll der Terminal laut Plan in Betrieb gehen. Und ob die Betreiber dann ihren Brennstoff aus den USA oder von anderswoher beziehen, sollten sie als Privatunternehmen selbst entscheiden können, unbeeinflusst von der Politik.

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