Lufthansa-Aufsichtsrätin zum Stellenabbau "In so einer Situation ergeben Streiks keinen Sinn"

Bis zu 26.000 Jobs sollen bei der Lufthansa wegfallen, trotz Rettung durch den Staat. Gewerkschafterin Christine Behle will im Aufsichtsrat für den Erhalt von Stellen kämpfen - auch wenn das oft aussichtslos scheint.
Stillgelegte Lufthansa-Maschinen auf dem Frankfurter Flughafen

Stillgelegte Lufthansa-Maschinen auf dem Frankfurter Flughafen

Foto: Boris Roessler/ DPA

SPIEGEL: Frau Behle, wie erklärt man seinen Mitgliedern bei der Lufthansa, dass man als Gewerkschaft nicht für jede Stelle kämpfen kann?

Behle: Natürlich kämpfen wir für jeden Beschäftigten, aber wir sind nicht blind. Dass Kapazitäten abgebaut werden müssen, sind wirtschaftliche Entscheidungen, die nicht von vorneherein falsch sind. Die Frage ist aber: Legt man ein Flugzeug komplett still oder fliegt man es nur eine Weile lang nicht? Es geht bei diesen Dingen um das Überleben der Unternehmen. Es geht aber auch um die Beschäftigten, die an den Flugzeugen dranhängen. Da muss man gemeinsam Lösungen finden. Deshalb verhandeln wir. Einfach kündigen geht nicht, das muss sozial abgefedert werden. 

Zur Person
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Jürgen Heinrich/ imago images

Christine Behle, 52, ist Vizechefin der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und dort unter anderem für den Luftverkehr zuständig. Seit Mai 2013 fungiert sie zudem als stellvertretende Vorsitzende des Lufthansa-Aufsichtsrats.

SPIEGEL: Nicht nur Lufthansa, auch andere Fluggesellschaften wie Air FranceEasyjet oder TUIfly sowie die Flughäfen wollen im großen Stil Stellen abbauen. Ryanair droht sogar damit, mehrere Standorte in Deutschland zu schließen. Gibt es überhaupt eine Chance, das zu verhindern oder gar dagegen zu streiken?

Behle: In so einer Situation ergeben Streiks keinen Sinn. Welcher Beschäftigte würde sich jetzt dafür entscheiden, die Arbeit niederzulegen? Klar, der Luftverkehr ist hart getroffen, aber auch andere Industrien leiden. Wir haben es nicht mit einem Einzelphänomen zu tun. Wir brauchen einfach ein vernünftiges Miteinander. 

SPIEGEL: Die Lufthansa wird durch das vergleichsweise teure Rettungspaket der Bundesregierung über Jahre hinaus finanziell stark belastet sein. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass bei den Personalkosten kräftig gespart werden soll?

Behle: Das ist zu kurz gegriffen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass es allein die Beschäftigten sein sollen, die die Krise meistern. Das Rettungspaket hätte an Bedingungen geknüpft werden müssen, die die Beschäftigten schützen. Selbst wenn alle Personalkosten wegfallen würden, wäre die Lufthansa damit nicht gerettet. Niemand sagt, dass es ohne Beiträge beim Personal geht. Aber hier geht es darum, dass nicht alles aus diesem Bereich getragen wird. Flughäfen und andere Dienstleister müssen ebenfalls mitziehen. Reine Notlagen-Tarifverträge sind einer Belegschaft ohne konkrete Gegenleistungen nur schwer zu vermitteln. Die Arbeitnehmer müssen sicher sein können, dass sie nach den Einschnitten nicht doch noch gekündigt werden. Stellen Sie sich mal vor: Ein Arbeitnehmer gibt für zwei Jahre 20 Prozent seines Gehalts ab und bekommt als Dank danach trotzdem die Kündigung. Am Ende bekommt er sogar weniger Arbeitslosengeld. Das geht nicht. Bei den Lufthansa-Beschäftigten gibt es eine hohe Bereitschaft mitzuziehen, das liegt auch daran, dass die Führung keine Misswirtschaft betrieben hat, sondern unverschuldet in Not geraten ist. Aber der Arbeitnehmer darf nicht der Dumme sein.

SPIEGEL: Konzernchef Carsten Spohr hat angekündigt, Beteiligungen zu verkaufen, wie zum Beispiel die Cateringtochter LSG. Dagegen haben Sie schon in der Vergangenheit heftig protestiert. Geben Sie Ihren Widerstand jetzt auf?

Behle: Als Lufthansa sich vergangenes Jahr entschieden hatte, in einem ersten Schritt mit dem Verkauf der LSG zu beginnen, haben wir als Ver.di deutlich gemacht, dass wir das für einen strategischen Fehler halten. Lufthansa ist stark geworden, weil sie ein Aviation-Konzern ist und nicht nur eine reine Fluglinie. Der Luftverkehr ist volatil, solche Schwankungen kann man besser auffangen, wenn man eine große Unternehmensstruktur hat, zu der alles Mögliche gehört. Die LSG hatte super Zeiten und hat viel Geld verdient, vor allem außerhalb von Europa. Sich von solchen Betrieben zu trennen, ist viel zu kurzfristig gedacht.

SPIEGEL: Auch der neue Großaktionär Heinz-Hermann Thiele  drängt darauf, die Lufthansa so schnell wie möglich zu verkleinern und zu sanieren. Muss dafür nicht zwangsläufig Tafelsilber verkauft werden?

Behle: Das hat der Lufthansa schon in der Vergangenheit nicht immer gutgetan und nie dazu geführt, dass die wirtschaftliche Grundlage verbessert wurde. Alles was passiert ist, war, dass Einnahmen weggebrochen sind. Klar, es gibt einen großen Druck, die Verschuldung so schnell wie möglich loszuwerden, um die hohen Zinskosten zu vermeiden. Aber ich glaube nicht, dass es hilft, tolle Unternehmen wie etwa die Lufthansa Technik zu verkaufen. Wir müssen eher schauen, wo es neue Geschäftsfelder gibt. Das Projekt "Ocean" ist ein gutes Beispiel dafür. Weil der Geschäftsreiseverkehr kleiner wird, will man sich im touristischen Fluggeschäft verstärken. Das ist ein guter Ansatz. 

SPIEGEL: Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley fordert ein Gesamtkonzept zur Rettung der Luftfahrtbranche. Hat er recht? Und wie könnte es aussehen?

Behle: Das ist seit vielen Jahren ein Thema. Wir brauchen nicht nur in Deutschland, sondern für ganz Europa ein solches gemeinsames Konzept. Doch das fehlt. Stattdessen wird der Luftverkehr hier gegenüber ausländischen Wettbewerbern benachteiligt. In den USA zum Beispiel gibt es für die Branche nicht rückzahlbare, echte Zuschüsse. Das ist in Europa extrem schwierig. Wir konkurrieren in einem globalen Markt, in dem ungleiche Bedingungen herrschen. Und dann wirft die EU der Lufthansa auch noch Steine in den Weg, indem sie die Abgabe von Slots (Start- und Landerechte) an Konkurrenten fordert. Das ist doch schräg und ein extrem künstlicher Wettbewerb. In anderen Ländern passiert so etwas nicht. Und dann sollen die Slots auch noch Fluglinien wie Ryanair bekommen, die ihre Mitarbeiter unfair behandeln. Das ist nicht akzeptabel.

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SPIEGEL: Wie haben Sie eigentlich den Krimi um die Lufthansa-Rettung und den Einstieg des Multimilliardärs Thiele in das Unternehmen erlebt?

Behle: Der ganze Prozess war geprägt von der Finanzkrise 2008/2009. Damals wurden Entscheidungen zur Bankenrettung getroffen, die der Bundesregierung später auf die Füße gefallen sind, etwa bei der Commerzbank. Diese Fehler wollte man nicht wiederholen. Deshalb versuchte die Regierung auch, die Vergütung der Lufthansa-Manager auf jeden Fall zu deckeln. Es war ein erbittertes Ringen mit dem Ziel, das Geld des Steuerzahlers gut anzulegen und gleichzeitig maximale Sicherheit zu erreichen. Als Steuerzahlerin finde ich das gut. Aber als jemand, der im Lufthansa-Aufsichtsrat sitzt, machte ich mir auch Sorgen, vor allem um die Beschäftigten. Dauern die Verhandlungen zu lang, fragte ich mich, und: Schafft das die Lufthansa? Am Ende ging es zum Glück gut aus.

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