Dachmarke "Wings" Lufthansa will Billigflotte auf Langstrecken ausweiten

Die Lufthansa will günstiger werden, auch auf langen Strecken. Die Strategie von Airline-Chef Spohr könnte ihm neuen Ärger mit Arbeitnehmervertretern einbringen.

Lufthansa-Chef Spohr: "Schnell loslegen"
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Lufthansa-Chef Spohr: "Schnell loslegen"

Von , Seeheim


Schmale Straßen, Fachwerkhäuser, eine Metzgerei mit eigener Schlachtung. Das südhessische Seeheim ist deutsche Provinz in Reinform. Doch wer von hier aus ein paar steile Straßen hinauffährt, steht vor einem modernen Gebäude im Grünen, das mit viel Glas und einer großzügigen Lobby auch ein Kongresshotel in den Alpen sein könnte: das Schulungszentrum der Lufthansa.

Um Modernisierung ging es auch bei der Botschaft, die der neue Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwoch in Seeheim verkündete. Unter der Überschrift "Der Weg nach vorne" stellte Spohr seine Strategie für die kommenden Jahre vor. Deren wichtigste Neuerung: Unter der Dachmarke "Wings" will Lufthansa seine Angebote im Billigsegment deutlich ausweiten.

Ab kommendem Jahr sollen Maschinen der Konzerntochter Eurowings vom Flughafen Basel aus neue Ziele in Europa ansteuern. Zudem ist ein neuer Billiganbieter für Interkontinentalflüge geplant. Einen Namen, Flugpläne oder gar -preise gibt es zwar noch nicht, aber immerhin einen möglichen Partner: Mit Turkish Airlines gebe es "fortgeschrittene Gespräche" über eine Kooperation, sagte Spohr.

Fensterplatz oder Essen kosten extra

Dass die derzeitige Lage der Lufthansa deutlich ungemütlicher ist, hatte sich im Juni gezeigt: Kurz nachdem sich Spohrs Vorgänger Christoph Franz mit einer bestätigten Gewinnprognose verabschiedet hatte, wurde daraus plötzlich eine Gewinnwarnung. Der Konzern korrigierte seine Erwartungen für die kommenden zwei Jahre um insgesamt knapp eine Milliarde Euro nach unten, die Aktie brach ein. Die schlechten Nachrichten musste Finanzchefin Simone Menne verkünden, Spohr hielt sich bislang mit öffentlichen Auftritten auffallend zurück.

Umso präsenter war der 47-Jährige am Mittwoch. Etwas heiser, aber gut gelaunt präsentierte Spohr das Vorhaben der Lufthansa, wieder "Maßstab der Branche" zu werden. Neben den neuen Billigfliegern gehören zur Strategie auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Air China und die Gründung eines "innovation Hub" in Berlin, mit dem Lufthansa die Ideen der dortigen Start-up-Szene anzapfen will.

Zukunftsvisionen kann das Unternehmen gut gebrauchen. Der einstmals unangefochtene Marktführer ist gleichermaßen durch Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet und staatlich gepäppelte Golf-Airlines wie Etihad und Emirates unter Druck geraten. Der Versuch, auch auf längeren Strecken günstiger zu werden, ist vor allem eine Reaktion auf diese Konkurrenz.

Dabei setzen die Lufthansa-Manager drauf, dass das Geschäft mit Privatreisen schneller wächst als das mit Geschäftsreisenden, die sich eher einen herkömmlichen Lufthansa-Flug leisten können. Die neuen Kunden müssen bei den Billigfliegern zwar Zusatzleistungen wie einen Fensterplatz oder Essen hinzubuchen. Zugleich sollen sie aber mit neuen Services wie einem eigenen Flugmeilenprogramm umworben werden. Als Zielgruppe infrage kommen beispielsweise deutsche Touristen, die es zu "Warmwasserzielen" wie den Seychellen zieht oder Angehörige der schnell wachsenden chinesischen Mittelklasse, die günstig in Europa Urlaub machen wollen.

"Wir haben die Erfahrungen auf der Langstrecke. Wir wissen, was funktioniert und was nicht funktioniert", gab sich Spohr in Seeheim selbstbewusst. Doch ganz so sicher scheint man bei der Lufthansa über die Erfolgsaussichten dann doch nicht zu sein. So soll der neue Billigfernflieger zunächst mit alten Maschinen an den Start gehen. Diese könnten natürlich auf Dauer ausgetauscht werden, sagte Spohr. "Aber hier geht es darum, schnell loslegen zu können."

Als problematisch an dem Geschäftsmodell gilt vor allem, dass die Flugzeuge im Gegensatz zu Kurzstrecken deutlich längere Zeit am Boden bleiben müssen, in der sie kein Geld verdienen können.

Crews der neuen Billigflieger werden weniger verdienen

Am spannendsten wird für Spohr die Frage, wie Arbeitnehmervertreter die Pläne aufnehmen. Zwar betonte der Lufthansa-Chef, die herkömmliche Flotte werde nicht reduziert. Er räumte aber ein, dass sich Lufthansa mit den neuen Billigangeboten zum Teil selbst Konkurrenz macht. Manchmal sei eine " interne Kannibalisierung besser als eine externe Kannibalisierung". Die Crews der neuen Billigflieger werden weniger verdienen als ihre Kollegen bei der herkömmlichen Lufthansa. Das könnte schlecht ankommen bei den Piloten, mit denen die Lufthansa Chart zeigen nach Warnstreiks derzeit über Gehaltserhöhungen und eine Reform der Altersvorsorge verhandelt.

Spohr gab sich in Seeheim zuversichtlich. "Dass Sie nichts hören, ist ein gutes Zeichen", sagte er über den Verlauf der Tarifverhandlungen. Zugleich setzte er sich zumindest vorsichtig von seinem Vorgänger Christoph Franz ab, unter dem das ungeliebte Sparprogramm Score begonnen hatte. Die Zitrone sei nie ausgequetscht, hatte Franz einst gesagt. Das wollte Spohr nun nicht wiederholen, bei den neuen Billigtöchtern soll es schließlich um Wachstum gehen: "Wir pflanzen neben die Zitrone noch eine Limone."

insgesamt 40 Beiträge
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freddygrant 09.07.2014
1. Trotz ...
... Gewinnwarnung für die Aktionäre geht die Lufthansa unter die Billigflieger. Scheinbar sind die Kraniche so herzkrank und -insuffient, dass sie den Billigfliegern Paroli bieten müssen ....
ptb29 09.07.2014
2. Der Artikel nennt es doch beim Namen.
Das Sparen geht auf Kosten der Lufthansabelegschaft, egal was jetzt behauptet wird. Nur um den Aktionären ihre Rendite zu sichern, werden wieder einmal Moral und Anstand über Bord geworfen.
ichsagemal 09.07.2014
3.
... die Lufthansa hat's adaptiert: Geiz ist geil! Wer das am Ende des Tages bezahlt > egal! Hauptsache UNSERE Rendite stimmt; Umwelt und reine Luft ist nicht unser Kerngeschäft.
robert.o 09.07.2014
4. unfairer Wettbewerb
Auch wenn die Lufthansa ihren Service noch erheblich verbessern muss, darf nicht vergessen werden, dass sie gegen staatlich gestützte Fluglinien kämpft. Die großen US und arabischen Airlines, sowie Turkish, ChinaAir und Quantas. Auch Deutschland subventioniert Billigflieger mit geringen oder gar keinen Landegebühren. Das sollte unbedingt abgeschafft werden. Dann ändert sich die Lage sofort.
ahloui 09.07.2014
5. Wann kapieren die Nadelstreifenträger
es endlch: Billig kann jeder! In diesem schwierigen Umfeld kann man sich nicht mehr mit Preisdumping von der Masse abheben. Wie wäre es, wenn man es einfach mal mit Qualität probiert?
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