Lufthansa in der Corona-Krise Mit voller Wucht

Der Flugplan bis zur Hälfte zusammengestrichen, die A380-Flotte stillgelegt: Die Lufthansa zieht in der Coronakrise die Notbremse. Das bekommen auch die Mitarbeiter zu spüren.
Lufthansa-Chef Spohr: Notbremse gezogen

Lufthansa-Chef Spohr: Notbremse gezogen

Foto: JOHANNA GERON/ REUTERS

Das Großraumflugzeug A380 galt einmal als Glanzstück europäischer Ingenieurskunst - und Beweis, dass es Deutsche, Franzosen, Engländer und Spanier durchaus mit dem US-Rivalen Boeing aufnehmen können. An diesem Freitag teilte die Lufthansa überraschend mit, dass sie ihre gesamte Flotte von 14 Maschinen stilllegen will. Es ist ein Fanal und zeigt die Wucht, mit der Deutschlands Vorzeigefluglinie von der Coronakrise überrollt wird.

Noch vor wenigen Tagen haben Konzernchef Carsten Spohr und seine Kollegen angekündigt, dass sie die Kapazität von umgerechnet 150 Jets aus dem Verkehr ziehen wollen. Schon das klang schockierend. Doch die Pläne erwiesen sich innerhalb kürzester Zeit als Makulatur. Nun sollen in den kommenden Wochen sogar bis zu 380 Maschinen und damit rund 50 Prozent des Angebots stillgelegt werden.

Können Spohr und sein Management nicht rechnen? Im Gegenteil. Vielmehr zogen sie nun gerade deshalb die Notbremse, weil sie ihre Zahlen genau kennen und studieren. Auf einer Mitarbeiterveranstaltung teilte der Lufthansa-Chef am Freitagnachmittag mit, dass allein am Donnerstag fast genau so viele Stornierungen wie Buchungen eingingen. An normalen Tagen verkauft die Lufthansa rund 250.000 Tickets.

Vorbild Sars-Krise

Mau sieht es neuerdings auch auf Atlantik-Strecken aus, die bislang noch als sichere Bank galten. Zudem vergällen Einreisebeschränkungen in immer mehr Ländern Urlaubern und Geschäftskunden die Lust am Reisen.

Doch wie geht es nun mit den Lufthansa-Mitarbeitern weiter? Schließlich beschäftigt die Fluggesellschaft pro Maschine mehrere Crews, die sie zumeist selbst ausgebildet hat und behalten will.

Es spricht viel dafür, dass es auch dieses Mal so ähnlich läuft wie bei der Sars-Krise 2003:

  • Die Boden-Angestellten arbeiteten damals statt 37,5 Stunden nur 35 Stunden pro Woche – gegen entsprechende Lohneinbußen. Eine Öffnungsklausel im Tarifvertrag mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ließ das zu.

  • Die Flugbegleiter wiederum bekamen Kurzarbeitergeld von der Bundesagentur für Arbeit, das einen Teil ihrer Einbußen ausgleichen sollte. Ähnlich wurde mit den Piloten verfahren.

Gespräche mit Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern über derartige Regelungen begannen an diesem Freitag und sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Auch hilft der Lufthansa eine Art Puffer, der in die Tarifverträge für das Kabinenpersonal eingebaut ist: Die Flugbegleiter beziehen ein Grundgehalt, das sich auf eine Mindestzahl von 70 Arbeitsstunden pro Monat bezieht. Richtig attraktiv wird es für die Beschäftigten, wenn sie darüberhinaus Dienst schieben, erlaubt sind bis zu 89 Stunden. Außerdem wirbt die Geschäftsführung bei den Angestellten darum, vorübergehend Teilzeit oder unbezahlten Urlaub in Anspruch zu nehmen.

Am Ende könnten alle verlieren

Ob das alles ausreicht, um Schlimmeres zu verhüten, bleibt abzuwarten. Wie aus Berlin verlautet, hat die Lufthansa bei der Regierung bislang noch nicht offiziell um Unterstützung gebeten.

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Aber gegen freiwillige Erleichterungen hätten Spohr und seine Kollegen sicher nichts. So könnte zum Beispiel die zum 1. April geplante Anhebung der Luftverkehrssteuer verschoben werden. Außerdem könnten die EU und die Bundesregierung eine Regelung vorübergehend suspendieren, wonach Fluggesellschaften ihnen gewährte Start- und Landezeitfenster regelmäßig nutzen müssen, um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren.

Diese Ideen könnten in Berlin und Brüssel durchaus wohlwollend geprüft werden - da ansonsten am Ende möglicherweise alle verlieren: die Kunden, die Mitarbeiter, die Politik - und Airbus. Lufthansa hat bei dem Flugzeughersteller 200 Maschinen bestellt. Bislang hat sie keinen einzigen Auftrag storniert oder um eine spätere Auslieferung gebeten.

did/mum/gt