Streik der Lufthansa-Piloten "Manager verdienen noch deutlich mehr"

Lufthansa-Piloten verdienen sehr gut, jährliche Gehaltssteigerungen sind ihnen garantiert. Dennoch wollen sie nun streiken. Muss man das verstehen? Der Sprecher der Pilotengewerkschaft Cockpit verteidigt sich und seine Kollegen.
Streikender Lufthansa-Pilot (Archivbild): "Es gibt ja auch andere, die gut verdienen"

Streikender Lufthansa-Pilot (Archivbild): "Es gibt ja auch andere, die gut verdienen"

Foto: Marius Becker/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Piloten bei der Lufthansa verdienen mit Zulagen und Spesen zwischen 78.000 und 260.000 Euro pro Jahr. Dennoch werden Ihre Mitglieder nun wahrscheinlich Streiks beschließen, weil sie zehn Prozent mehr Gehalt fordern und sich gegen eine Umstellung der Altersversorgung wehren. Dafür muss man als deutscher Normalverdiener kein Verständnis haben, oder?

Jörg Handwerg: Es gibt ja auch andere, die gut verdienen. Wir sind ganz normale Arbeitnehmer und bringen eine gute Leistung. Und wir wollen nicht immer schlechter verdienen, nur weil uns andere das Geld nicht gönnen. Andere haben jedes Jahr fünf Prozent gefordert, bei uns gibt es seit knapp zwei Jahren Verhandlungen. Wir sind also völlig im Rahmen der üblichen Forderungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Piloten haben doch jetzt schon enorme Privilegien. Unabhängig von zusätzlichen Erhöhungen steigt Ihr Gehalt jedes Jahr automatisch um durchschnittlich drei Prozent. Und Sie können bereits mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen. Das hätten andere Arbeitnehmer auch gerne.

Handwerg: Mag sein, aber das gibt es nicht umsonst. Wir sind alle relativ gut ausgebildet und intelligente Menschen. Ich selbst hatte schon einen Studienplatz als Wirtschaftsingenieur, in dem Beruf hätte ich bei guter Leistung schneller aufsteigen und mehr verdienen können. Und wir sind teilweise verantwortlich für mehr als 500 Menschenleben und Flugzeuge, die zwischen 40 und 250 Millionen Euro wert sind.

Zur Person
Foto: Vereinigung Cockpit/Uwe Noelke

Jörg Handwerg ist Flugkapitän bei der Lufthansa und Sprecher der Vereinigung Cockpit. Die Pilotengewerkschaft vertritt rund 9300 Cockpitbesatzungsmitglieder und gilt wegen ihres hohen Organisationsgrades als sehr schlagkräftig.

SPIEGEL ONLINE: Mediziner sind auch hochqualifiziert und für Menschenleben verantwortlich. Dennoch steigt ein durchschnittlicher Krankenhausarzt mit weniger ein und verdient am Ende etwa halb so viel wie ein Lufthansa-Pilot.

Handwerg: Das ist eine reine Neiddiskussion. Manager verdienen noch deutlich mehr. Und auch die können nicht zehn- oder zwanzigmal so viel arbeiten wie ein normaler Arbeitnehmer. Jeder, der die entsprechende Leistung bringt, kann sich zum Piloten ausbilden lassen - die wenigsten schaffen es aber.

SPIEGEL ONLINE: Dann sprechen wir über Gerechtigkeit innerhalb der Lufthansa: Die Piloten machen nur zwölf Prozent der Kernbelegschaft aus, aber rund ein Drittel der Personalkosten und sogar 40 Prozent der Versorgungsansprüche. Dennoch haben Sie bislang nicht am Sparprogramm "Score" teilgenommen. Das ist doch unsolidarisch.

Handwerg: "Score" überzeugt uns nicht, weil es nur die Dividende für Aktionäre steigern soll. Und als es beim letzten Sparprogramm darum ging, den Verkehr abseits der großen Drehkreuze zu stabilisieren, haben wir den größten Beitrag geleistet.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Handwerg: Wir haben die Schwelle angehoben, ab der Flugstunden zusätzlich vergütet werden müssen. Auch für Piloten auf Langstrecken, obwohl die von der Umstellung eigentlich nicht betroffen waren. Denn wir schließen am liebsten kollektive Vereinbarungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber offenbar fühlen sich dabei nicht alle von Ihnen vertreten. Piloten der Lufthansa-Tochter Cityline haben sich der Arbeitnehmergewerkschaft im Luftverkehr (Agil) angeschlossen, einer Konkurrenzorganisation zur Vereinigung Cockpit.

Handwerg: Wir stehen zur Tarifpluralität, jeder soll sich da organisieren, wo er es für richtig hält. Bestrebungen, wie nun bei der Agil gibt es schon seit mehr als fünf Jahren, zuvor waren die Kollegen bei Ver.di. Ich weiß nicht, ob die abgesehen von den drei aktiven Kollegen überhaupt Mitglieder haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kollegen bei Cityline fürchten immerhin um ihre Arbeitsplätze. Und zwar, weil Sie wollen, dass ein Teil der Maschinen künftig nur noch von Piloten Ihrer Gewerkschaft geflogen werden.

Handwerg: Wir haben bestehende Tarifverträge mit Lufthansa, wonach Flugzeuge ab 95 Sitzen grundsätzlich von Piloten der Passagesparte geflogen werden. Dass Verträge eingehalten werden, ist auch im Interesse der Kollegen der Cityline. Der Abbau der kleinen Maschinen geht auf eine Entscheidung des Lufthansa-Managements zurück. Aber wir werden uns natürlich für unsere Kollegen bei der Cityline einsetzen. Das haben wir getan und werden es auch weiter tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn? Ihre Haltung gefährdet doch vielmehr die Jobs der Kollegen, weil Cityline sich teurere Piloten nicht leisten könnte.

Handwerg: Lufthansa versucht mit Hilfe der unterschiedlichen Unternehmen, die Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen. Das machen wir nicht mit. Nur wenn Piloten solidarisch gemeinsam nach Lösungen suchen ohne die Tarifstrukturen zu zerstören, wird dies langfristig zum Erfolg für alle führen.

SPIEGEL ONLINE: Die Lufthansa steht sowohl durch Billigflieger als auch durch Golf-Airlines wie Emirates unter Druck. Wie soll sich das Unternehmen ihre Gehaltsforderungen leisten?

Handwerg: Wir haben in den letzten zehn Jahren deutlich schlechter abgeschnitten als andere, auch Boden- und Kabinenpersonal. Insgesamt betragen die Kosten für Piloten fünf Prozent, daran ist noch keine Airline pleite gegangen. Im Gegenteil: Meist gehen die mit den schlechtesten Konditionen im Cockpit unter. Entscheidend ist das Geschäftsmodell. Natürlich muss Lufthansa etwas am Angebot ändern, das Produkt dem Kundenwunsch anzupassen ist richtig. Aber gegen die staatlich subventionierten Golf-Airlines kommen wir selbst dann nicht an, wenn wir alle umsonst arbeiten. Hier ist die Politik gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Der künftige Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist selbst Pilot. Glauben Sie, dass Ihnen das in Tarifverhandlungen helfen wird?

Handwerg: Nein. Carsten Spohr versteht vielleicht eher, wie wir denken. Doch gerade deshalb wird man ihn von der Kapitalseite ganz genau beobachten, nach dem Motto: Der ist zu weich zu den Piloten. Deshalb könnte er in den Verhandlungen sogar besonders hart sein.