Vor Showdown um Staatshilfen Lufthansa verhandelt weiter über Job-Abbau

Die Lufthansa-Staatsrettung droht zu scheitern. Der Finanzminister spricht deshalb mit einem umstrittenen Großaktionär. Der Konzern verhandelt derweil unbeirrt über Stellenabbau - und fliegt aus dem Dax.
Lufthansa-Maschinen auf der Landebahn Nordwest in Frankfurt: Piste zum Parkplatz umfunktioniert

Lufthansa-Maschinen auf der Landebahn Nordwest in Frankfurt: Piste zum Parkplatz umfunktioniert

Foto: Boris Roessler/ dpa

Für die Zukunft der Lufthansa beginnt eine Schicksalswoche, die mit der außerordentlichen Hauptversammlung am Donnerstag ihren Höhepunkt finden dürfte. Doch auch bereits zu Wochenbeginn gibt es schlechte Nachrichten zu Deutschlands größter Fluggesellschaft. Nach dem Kursabsturz der Unternehmensaktien in der Coronakrise ist das Papier von heute an nur noch im MDax zu finden. Lufthansa musste seinen Platz nach fast 32-jähriger Mitgliedschaft im deutschen Leitindex Dax für den Berliner Immobilienkonzern Deutsche Wohnen räumen. Zuletzt hatte der Industriekonzern Thyssenkrupp im September 2019 die höchste Börsenliga verlassen müssen.

Für die Zukunft des Unternehmens, das auf die Gewährung üppiger Staatshilfen in Milliardenhöhe angewiesen ist, ist das nur eines von vielen Problemen. Um die Kosten im Konzern zu drücken, verhandelt die Lufthansa aktuell weiter über ein umfassendes Sparpaket, das den Anteilseignern am Donnerstag präsentiert werden soll. Die Fluggesellschaft sprach von einem rechnerischen Überhang von 22.000 Vollzeitstellen, davon die Hälfte in Deutschland.

Lufthansa zieht offenbar Gehaltszahlungen vor

Verhandlungen über einen Job-Abbau mit den Gewerkschaften sollen heute Ergebnisse bringen, die Piloten hatten dem Unternehmen bereits angeboten, auf bis zu 45 Prozent ihres Gehalts zu verzichten, um die Jobs zu retten. Um in dieser angespannten Lage zumindest den Familien der Beschäftigten Unsicherheiten zu ersparen, hat der Konzern laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung " die Zahlung der Juni-Gehälter auf den heutigen Montag vorgezogen, um einen "ungestörten Gehaltszahlungsverlauf" in dieser turbulenten Zeit zu gewährleisten.

Das Sparprogramm könnte am Ende wenig bringen, falls die Einigung über die neun Milliarden Euro Staatshilfe platzt. Und diese nach wochenlangen Verhandlungen erzielte Einigung steht auf der Kippe. Denn Großaktionär Heinz Hermann Thiele sieht die im Gegenzug vorgesehene Beteiligung des Bundes mit 20 Prozent der Lufthansa-Anteile kritisch - und hat in den vergangenen Wochen seine Unternehmensanteile ausgebaut. Seine Zustimmung zu den Hilfen auf der Hauptversammlung am Donnerstag hat Thiele offengelassen. Da sich nur wenige Aktionäre für das Treffen angemeldet haben, wird es besonders schwer.

Zweidrittelmehrheit auf Hauptversammlung nötig

"Seit heute Nacht wissen wir, dass unsere Aktionäre weniger als 38 Prozent des Kapitals für diese Hauptversammlung angemeldet haben", hieß es am Sonntag in einem Brief von Lufthansa-Chef Carsten Spohr an die Mitarbeiter. Damit stehe fest, "dass bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit erreicht werden muss." Und an die glaubt der Konzern selbst nicht mehr: Eine Zustimmung erscheine "nach jüngsten Äußerungen von wichtigen Aktionären insbesondere zu den Konditionen der Kapitalerhöhung nicht sicher", schreibt Spohr.

Angesichts dieser vertrackten Lage hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) Großaktionär Thiele und Konzernchef Spohr einem Bericht zufolge für heute zu einem Krisengespräch geladen. Vorgesehen sei auch die Teilnahme von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Insider. Eine offizielle Bestätigung für das Treffen im Ministerium, über das auch die "Bild am Sonntag" berichtet hatte, gibt es nicht.

Lufthansa-Chef Spohr hatte in einem Mitarbeiterbrief betont, die Airline stehe "auch an diesem Wochenende und in den nächsten Tagen" weiter im engen Austausch und stetigen Dialog mit der Bundesregierung und den größten Aktionären. Im Gegenzug für die Staatshilfe soll die Lufthansa auch 24 Start- und Landerechte an ihren wichtigen Flughäfen Frankfurt und München abgeben.

Spohr: "Vorbereitungen getroffen, um Grounding zu verhindern"

Der Konzern mit 138.000 Beschäftigten rechnet damit, dass die Erholung der Nachfrage im Luftverkehr nur langsam verläuft. Derzeit hebt nur ein kleiner Teil der Lufthansa-Flotte zu Reisezielen ab. Im ersten Quartal brachte die Coronakrise dem Konzern einen Verlust von 2,1 Milliarden Euro ein; die Barreserven schwinden schnell.

"Nach unseren aktuellen Annahmen über den Geschäftsverlauf der kommenden drei Jahre haben wir allein bei Lufthansa perspektivisch keine Beschäftigung für jeden siebten Piloten und jeden sechsten Flugbegleiter sowie zahlreiche Mitarbeiter am Boden", sagte jüngst Personalvorstand Michael Niggemann. Lufthansa wolle aber möglichst viele Mitarbeiter halten und betriebsbedingte Kündigungen vermeiden.

Trotzdem fürchtet die Lufthansa eine Niederlage bis hin zu einer Insolvenzlösung. "Für den Fall, dass die Hauptversammlung keine Zustimmung für die Stabilisierungsmaßnahmen des Bundes erteilt, haben wir umfangreiche Vorbereitungen getroffen, unter anderem, um ein Grounding zu verhindern", schrieb Spohr im Mitarbeiterbrief. "Auch würden wir die verbleibende Zeit bis zur Anmeldung einer Insolvenz nutzen, um mit der Bundesregierung Optionen zu besprechen."

apr/dpa/Reuters
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