Ablösung an der Markenspitze VW-Chef Diess wirft eigenem Aufsichtsrat Straftaten vor

Fehlende Integrität und Geheimnisverrat: Nach Herbert Diess' Ablösung von der Spitze der VW-Kernmarke werden brisante Anschuldigungen des Konzernchefs bekannt - auf die der Aufsichtsrat offenbar reagiert hat.
VW-Chef Herbert Diess: Durchgestochene Interna

VW-Chef Herbert Diess: Durchgestochene Interna

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Sebastian Priebe/ imago images/regios24

Der Machtkampf im Volkswagen-Konzern eskaliert. Zu Amtsantritt lobte Konzernchef Herbert Diess den Wettstreit der verschiedenen Sparten noch mit den Worten "Besser ein Verband von Schiffen als ein Panzerkreuzer", jetzt gehört er selbst zu den Verlierern dieses Konkurrenzkampfs. Denn er muss die Führung des wohl wichtigsten Schiffs VW abgeben - nachdem er sich als Vorstandschef mit dem eigenen Aufsichtsrat angelegt hat.

"Die Vorkommnisse im Aufsichtsrat in der letzten Woche und die Kommunikation über die Vorkommnisse im Aufsichtsrat helfen dem Unternehmen nicht", sagte Diess nach SPIEGEL-Information bei einer Volkswagen-Konferenz mit Führungskräften vergangenen Donnerstag. "Sie sind auch Zeichen fehlender Integrität und Compliance." Und: "Das sind Straftaten, die im Aufsichtsratspräsidium passieren und dort offensichtlich zugeordnet werden können."

Für diese Worte musste sich Diess nach SPIEGEL-Informationen beim Aufsichtsrat rechtfertigen. Das Kontrollgremium beriet auch länger über die künftige Führung. Bei der Sitzung Ende vergangener Woche, über die zuvor die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, stand Diess' Zukunft bei Volkswagen insgesamt auf der Kippe.

Diess hat sich entschuldigt

Hintergrund des Streits soll Diess' Wunsch nach einer vorzeitigen Vertragsverlängerung gewesen sein. Er habe nach der Einstellung des Verfahrens wegen Marktmanipulation im Dieselskandal diesen Gedanken IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vorgetragen, der als Aufsichtsratsvize in diesem Fall dafür zuständig war, berichtete das manager magazin . Dass dies öffentlich wurde, führt Diess offenbar auf eine Indiskretion zurück und wertet es als Gesetzesverstoß.

Auf den Vorwurf reagierte am Montag der Aufsichtsrat - und entzog Diess die Leitung über die Kernmarke. VW teilte mit, Diess erhalte nun "mehr Freiraum für seine konzernweite Führungsaufgabe". Ralf Brandstätter soll diese Aufgabe zum 1. Juli übernehmen.

Diess soll weiter die Gesamtverantwortung für die Markengruppe tragen. Der Topmanager hat sich wegen seiner Äußerungen auf der Konferenz inzwischen entschuldigt, erst schriftlich dann persönlich. Der Aufsichtsrat teilte mit, er habe die Entschuldigung angenommen - man habe sich ausgesprochen. Die Mitglieder des Kontrollgremiums wollen Diess "auch künftig bei seiner Arbeit unterstützen".

VW teilte mit, Diess habe nicht zum Ausdruck bringen wollen, dass sich Mitglieder des Aufsichtsrats strafbar gemacht hätten: "Diese Äußerungen sind im Kontext von Presseberichten getätigt worden, für deren Grundlage in wiederholten Fällen offensichtlich vertrauliche Informationen auch zu Themen des Aufsichtsrats an Medien gelangt waren."

Der Streit mit dem Aufsichtsrat ist längst nicht Diess' einziges Problem. Als VW-Markenchef steht er seit Langem unter Beschuss des Betriebsrats. Die bei Volkswagen besonders mächtige Arbeitnehmervertretung warf ihm schwere Managementfehler vor und machte ihn für die Softwareprobleme beim Golf 8 und dem neuen Elektroauto ID.3 verantwortlich. Schon länger wurde deshalb vermutet, Diess solle abgelöst werden.

Zuletzt kam der Skandal um ein rassistisches Werbevideo für den Golf hinzu. Dadurch wurde das wegen der Dieselaffäre ohnehin angekratzte Ansehen des Wolfsburger Konzerns weiter beschädigt. Diess wurde außerdem eine ungeschickte Argumentation bei der Forderung nach einer Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotor angelastet, im Konjunkturpaket der Bundesregierung gegen die Folgen der Coronakrise blieb die Forderung unberücksichtigt.

Anmerkungen der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Diess' Aussagen zum Aufsichtsrat hätten so in seinem Redemanuskript gestanden. Tatsächlich handelte es sich dabei nach SPIEGEL-Informationen um gesprochene Worte, die nicht schriftlich festgehalten waren. VW will den Wortlaut weder bestätigen noch dementieren. Wir haben die Stelle korrigiert.

apr/sh
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