Managergehälter Warum Chefs nicht zu viel verdienen sollten

Es gibt gute Gründe, das Gehaltsgefälle zwischen Chefs und Arbeitern klein zu halten. Gerade für die Unternehmen zahlt es sich aus.
Manager auf dem Weg ins Büro

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Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Thomas Minder versteht es einfach nicht. Die Credit Suisse zum Beispiel: Die Schweizer Großbank machte zuletzt Milliardenverluste. Nur die Chefs, die gewinnen: Der Vorstandsvorsitzende Tidjane Thiam verzichtet zwar freiwillig auf den ein oder anderen Bonus, verdiente im Krisenjahr 2015 aber fast 19 Millionen Franken, fast doppelt so viel wie sein Vorgänger. "Da fehlen mir die Worte", sagt Minder.

Der Schweizer Abgeordnete und Unternehmer hatte 2013 eine Volksinitiative gegen das Abkassieren der Konzernchefs vorangebracht, die mit einem der besten je erzielten Ergebnisse angenommen wurde. Minder selbst beobachtete staunend, wie hart die Eidgenossen ihre Spitzenmanager fortan kontrollieren wollten. Die Bilanz gut vier Jahre später fällt ernüchternd aus. Die Top-Gehälter in der Schweiz sind weiter gestiegen, allein die Direktvergütungen für die Chefs der 20 größten börsennotieren Unternehmen legten im vergangenen Jahr der Beratungsfirma HKP zufolge im Schnitt um satte elf Prozent zu .

Aktionäre haben kein Interesse an Gehaltsdeckeln

Minder zählt viele Gründe auf, warum seine Initiative die Spitzengehälter bisher nicht zu deckeln vermochte. In der Verordnung habe die Schweizer Regierung viele seiner Ideen verwässert, die Unternehmen nutzten zudem Schlupflöcher.

Vor allem eine Erwartung hat sich nicht erfüllt: dass es bereits zur Mäßigung führt, wenn man die Entscheidung über die Vorstandsgehälter in die Hände der Aktionäre legt. Genau das wollte Minder mit seiner Initiative erreichen. "Aber wenn die Aktionäre solche Gehälter wie bei der Credit Suisse zulassen, kann man ihnen schlicht nicht mehr helfen", sagt Minder heute.

Aus den Erfahrungen der Schweizer könnte die SPD lernen, die kürzlich selbst Pläne zur Begrenzung der Managergehälter vorlegte. Im Kern setzen auch die Sozialdemokraten ihre Hoffnung auf die Unternehmenseigner: Demnach sollen die Aktionäre künftig darüber befinden, das Wievielfache eines durchschnittlichen Mitarbeitergehalts dem Vorstand gezahlt werden soll.

Zu niedrigeren Chefgehältern dürfte das aber nicht führen: "Zur Hauptversammlung kommen überwiegend nicht die Kleinaktionäre, die sensibel auf Milliardenboni reagieren", sagt Marion Weckes, die bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung über Managervergütungen forscht. "Den Ton geben die großen Investmentfonds an, deren Vertreter ebenfalls in den obersten Gehaltsklassen mitspielen und denen die Vorstandsvergütung relativ egal ist, solange die Dividende stimmt." Deutschland ist dabei, in die Schweizer Falle zu tappen.

Teure Chefs, mehr Streiks

Dabei gäbe es sehr gute Gründe, warum die Gehälter an den Konzernspitzen gedeckelt werden sollten. Nicht nur weil viele es vielleicht als gerecht empfinden, sondern auch weil Bescheidenheit in den Vorstandsetagen wirtschaftlich vernünftig ist.

Darauf deutet zum Beispiel eine Untersuchung zweier Forscherinnen aus London hin, die Daten aus rund 2000 britischen Betrieben auswerteten . Ihr Ergebnis: Je weiter sich die Managervergütung vom niedrigsten Gehalt im Unternehmen abhebt, desto häufiger geben Mitarbeiter ihrer Stelle auf und desto häufiger wird gestreikt. Große Ungleichheit scheint zumindest mit großer Unruhe in der Belegschaft einherzugehen.

Allerdings sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten, wie die Forscherinnen selbst einräumen: Sie haben nicht untersucht, ob eine ausufernde Spitzenvergütung wirklich die Ursache für den Krankenstand oder Streikbereitschaft ist oder ob beides unabhängig voneinander auftritt. So ist denkbar, dass schon die Unternehmensgröße viel Einfluss nimmt: In einem Konzern mit mächtigem Betriebsrat rebellieren die Mitarbeiter vielleicht häufiger als im kleinen Familienbetrieb, in dem auch die Gehaltsspanne niedriger ist.

Große Gehaltsunterschiede demotivieren die Mitarbeiter

Andere Studien, die mit ausgefeilteren Methoden versuchen, diese Frage zu beantworten, stützen jedoch den Befund der Londoner Forscherinnen. In einer der ersten Untersuchungen zum Zusammenhang von ungleicher Bezahlung und Geschäftserfolg zeigten zwei US-Forscher Anfang der Neunzigerjahre mit Daten aus 102 Firmen : Je größer das Gehaltsgefälle in einer Firma ist, desto schlechter ist die Qualität der Produkte. Die Forscher vermuten, dass Mitarbeiter weniger motiviert sind und sich weniger stark anstrengen, wenn sie die Bezahlung in ihrem Unternehmen als unfair empfinden - was schließlich dazu führt, dass schlechtere Waren auf den Markt kommen.

Klassischerweise gehen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass Unterschiede in der Bezahlung zu mehr Leistung anspornen. Das gilt allerdings wohl allenfalls in wenigen Fällen, wie eine Studie des Ökonomen Nils Braakmann nahelegt . Die Untersuchung befasst sich als eine der wenigen mit Deutschland. Braakmann wertete Daten von rund 6000 westdeutschen Unternehmen aus den Jahren 1995 bis 2005 aus. Er wollte wissen, wie sich Einkommensungleichheit auf den Umsatz pro Mitarbeiter auswirkt. Das Ergebnis in Kürze: Ein bisschen Ungleichheit mag nützen, allerdings nicht besonders viel. Wird sie aber zu groß, schadet sie dem Geschäft.

Teure Bosse sind mitunter leichtsinniger

Ein überzogenes Gehalt scheint Vorstandschefs zudem leichtsinnig zu machen. Das jedenfalls legt eine US-Studie nahe . Die Forscher stellten fest, dass sich der Aktienkurs von Unternehmen, die einen besonders teuren Boss engagieren, in den Folgejahren unterdurchschnittlich entwickelt. Besonders schwach war die Kursentwicklung bei Firmen, deren Chefs nicht nur ein hohes Gehalt bekamen, sondern offenbar auch ein extrem hohes Vertrauen in ihre Fähigkeiten hatten. Als Indiz für ein übersteigertes Chef-Ego werteten die Wissenschaftler es dabei, wenn der Vorstand die ihm im Vertrag zugesicherten Aktienoptionen nicht einlöste - obwohl der Kurs gerade günstig stand.

Manager vs Arbeitnehmer

Manager vs Arbeitnehmer

Foto: Statista / SPIEGEL ONLINE

Es spräche also einiges dafür, die Managergehälter zu drosseln, auch für die Unternehmen selbst. Aussichtsreicher und einfacher als der SPD-Ansatz wäre dabei ein Mittel, das die Rosa-Luxemburg-Stiftung bereits 2013 in einem Arbeitspapier vorgeschlagen hatte , als auch Deutschland über die Schweizer Anti-Abzock-Initiative von Thomas Minder debattierte: höhere Steuern auf Spitzeneinkommen.

Je stärker der Staat zugreift, desto geringer ist der Anreiz für überhöhte Vorstandsvergütungen. Ein weiterer Vorteil: Diese Regelung würde auch Großverdiener treffen, deren Gehalt nicht von einer Aktionärsversammlung geregelt wird. Im Profifußball sind die Gagen inzwischen ja auch recht üppig.

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