Neuer Commerzbank-Vorstandschef Knof Irgendwas mit Zahlen

Bei der Allianz galt er als Sparfuchs, bei der Deutschen Bank gab er nur ein kurzes Gastspiel: Ist Manfred Knof der Richtige, um die angeschlagene Commerzbank zu sanieren?
Manfred Knof (Archivbild): Enge Mitarbeiter bei der Deutschen Bank wundern sich, wie wenig er in der Lage ist, die eigenen Leute mit Soft Skills durch harte Zeiten zu lotsen

Manfred Knof (Archivbild): Enge Mitarbeiter bei der Deutschen Bank wundern sich, wie wenig er in der Lage ist, die eigenen Leute mit Soft Skills durch harte Zeiten zu lotsen

Foto: Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

Zugegeben, es ist nicht so, als hinge die Zukunft der deutschen Wirtschaft davon ab, wer Vorstandschef der Commerzbank ist. Das gelbe Institut ist ein Schatten früherer Tage, verdient kaum Geld und hat 2018 im Deutschen Aktienindex (Dax) einer gewissen Wirecard AG Platz machen müssen. Die Mitarbeiter sind ermattet von Sparrunden und Stellenstreichungen, die dennoch nie weit genug gingen, um aus der zweitgrößten Bank des Landes wieder ein attraktives Investment zu machen.

Hinzu kam die Perspektivlosigkeit, die kaum jemand besser verkörperte als Martin Zielke, der scheidende Vorstandschef. Um der Dauermisere zu entfliehen, wollte er sich 2019 ausgerechnet der Deutschen Bank unterwerfen. Er bot dem sehr viel größeren Rivalen die Fusion an, um nach wochenlangen Sondierungen eine Abfuhr zu kassieren.

Zielke wirkte wie ein hilfloser Neuntklässler, der auf dem Schulhof von seiner Angebeteten einen Korb kriegt und krampfhaft den Eindruck vermittelt, als sei das Leben solo ohnehin besser. Dass der Großaktionär Bund (knapp 16 Prozent) und der US-Finanzinvestor Cerberus (gut 5 Prozent) Zielke sowie den unsichtbaren Aufsichtsratschef Stephan Schmittmann im Sommer absägten, war folgerichtig.

Was kann der Neue?

Seit Samstagabend steht nun fest, wer dem glück- und ambitionslosen Zielke zum Jahreswechsel folgt. Es ist Manfred Knof, seit August 2019 Chef des Privatkundengeschäfts eben jener Deutschen Bank. Dass man sich dort so rasch wieder trennt, wird keinen grämen: Mit der Konzernführung um Christian Sewing ist Knof nie warm geworden, unersetzlich hat er sich bei der Deutschen Bank gewiss nicht gemacht.

Fraglich ist, welche Botschaft von der Personalie Knof ausgeht. Trotz aller Tristesse, die die Commerzbank verströmt, handelt es sich in der Außenwirkung immer noch um den zweit-prestigeträchtigsten Job der deutschen Finanzwelt nach dem Deutsche-Bank-Chefposten, den derzeit Sewing bekleidet.

Die Antwort auf diese Frage fällt leicht und schwer zugleich. Schwer, weil Knof sein Amt erst am 1. Januar 2021 antritt und wie jeder Neue im Job einen Vertrauensvorschuss verdient. Leicht, weil kaum erkennbar ist, womit Knof diesen Vertrauensvorschuss eigentlich rechtfertigt. Seine bisherige Vita im Banking kann es jedenfalls nicht sein.

Was braucht ein Bank-CEO? Grob gesagt, drei Eigenschaften: Expertise, Entscheidungsfreude, Empathie. Bei mindestens zwei der drei Eigenschaften ist allerdings nicht erkennbar, dass Knof sie zur Genüge mitbringt.

Mit dem Bankgeschäft allenfalls am Rand zu tun

Expertise etwa: Knof war vor seinem Abstecher zur Deutschen Bank jahrzehntelang Manager der Allianz. Beides - das Versicherungs- wie das Bankgeschäft - hat irgendwie mit Zahlen zu tun, aber das war es dann auch schon. Ein Versicherungsmanager muss keine knifflig-riskanten Kreditentscheidungen treffen und wie Banker permanent bei Kunden Klinken putzen, um ihnen allerlei Dienstleistungen zu verkaufen. Wer von der einen Branche in die andere wechselt, stellt rasch fest, dass es kaum Gemeinsamkeiten gibt. 

In seiner Laufbahn hatte Knof vor seinem Wechsel zur Deutschen Bank mit dem Bankgeschäft allenfalls am Rand zu tun: Er war kurze Zeit Leiter des Vertriebes Deutschland-Süd im Personal Banking der Dresdner, die einst zur Allianz gehörte, bevor sie von der Commerzbank übernommen wurde. Das aber war es dann auch schon, soweit bekannt.

Bei der Allianz galt Knof, immerhin, als Sparfuchs. Echten Mangel freilich lernte er erst bei seinem Wechsel zur Deutschen Bank kennen. So musste er sein Vorhaben, das Personal in den Filialen regelmäßig per Videokonferenz zu informieren und das Mitarbeitermagazin zu digitalisieren, flugs wieder begraben - die morsche IT der Bank war heillos überfordert.

Mit Sparen allein wird es nicht getan sein

Eine Chance, anderweitig mit der Belegschaft der Konzerntochter Postbank zu fraternisieren, ließ er verstreichen: Die obligatorische Karnevalsparty in der Bonner Zentrale, ein absoluter Pflichttermin, schwänzte er.

Für Verdruss sorgte auch seine Rolle rückwärts beim geplanten Umzug der Postbank innerhalb Bonns. Die 3000 Beschäftigten dort sind auf neun Gebäude verteilt, ab 2021 sollen alle im Komplex "Neuer Kanzlerplatz" zusammenziehen. Knof stellte das Projekt zeitweise aus Kostengründen infrage, ehe er einsehen musste, dass eine Alternative zum Umzug fehlt, weil die bisher von Postbankern belegten Gebäude teils abgerissen werden.

Enge Mitarbeiter bei der Deutschen Bank wundern sich bis heute, wie wenig er in der Lage ist, die eigenen Leute mit Soft Skills durch harte Zeiten zu lotsen. Dabei kommt es auch in seinem neuen Job auf Weichfaktoren wie Empathie an, denn mit Sparen allein wird es nicht getan sein - die Commerzbank braucht dringend auch mehr Erträge, Umsatz also.

Bleibt die Entscheidungsfreude. Sie wird Knof nachgesagt, ihm hängt sogar das Label "Sanierer" um. Wobei nie wirklich messbar ist, ob diese Zuschreibung gerechtfertigt ist. Was ist Glück oder Zufall? Was hat der Vorgänger bereits in die Wege geleitet? Und was geht zu Recht auf das Konto eines Managers, der sich rühmt, ein Anpacker zu sein? Diese narrativen Zwischenräume auszufüllen, ist Aufgabe von Pressesprechern und Büchsenspannern, die nächsten Tage werden es zeigen.

Commerzbank-Filiale in Frankfurt am Main

Commerzbank-Filiale in Frankfurt am Main

Foto: Bloomberg / Bloomberg via Getty Images

Ebenso interessant wird sein, wie sich die beiden internen Kandidaten, die leer ausgegangen sind, verhalten. Finanzvorständin Bettina Orlopp und Firmenkundenchef Roland Boekhout dürften jedenfalls maximal angesäuert sein, dass ihnen ausgerechnet Knof vor die Nase gesetzt wird.

Immerhin scheint Knof ähnlich zu ticken wie der neue Aufsichtsratschef Hans-Jörg Vetter. Der Schwabe hat erst die Bankgesellschaft Berlin, dann die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) saniert und in seinem neuen Amt bereits durchblicken lassen, dass er sich nicht auf die Rolle des Aufsichtsonkels beschränken wird.

Unter Corporate-Governance-Aspekten ist das ein heikler Punkt: Der Vorstandschef soll schließlich kein weisungsgebundener Erfüllungsgehilfe des Aufsichtsratschefs sein. Umgekehrt soll der Aufsichtsratschef den Vorstandschef kontrollieren und nicht sich selbst, was aber der Fall wäre, wenn der CEO nur sein Abziehbild ist.

Die Politik scheint das nicht zu stören. Wie Knof hat Vetter seinen Job dem Bund und hier vor allem Finanzstaatssekretär Jörg Kukies zu verdanken. Berlin ist seit der Finanzkrise größter Commerzbank-Aktionär. Ex-Goldman-Sachs-Banker Kukies wiederum gefällt sich in der Rolle des Masterminds, der das zerklüftete deutsche Bankgewerbe neu ordnet.

Kukies orchestrierte bereits die Fusionsverhandlungen von Commerzbank und Deutsche Bank, nun hat er Vetter und Knof an der Spitze der halbstaatlichen Commerzbank durchgesetzt. Cerberus, den angeblich so gerissenen Investor, hat er dabei ignoriert. Die New Yorker durften mit Kukies' Plazet und reichlich Getöse Zielke und Schmittmann verjagen, mit der Nachfolgesuche hatten sie nichts zu tun. "Politische Ambition trifft Expertise als Investmentbanker", beschreibt einer, der Kukies aus nächster Nähe kennt, dessen Wirken.

Was also werden Vetter und sein Erfüllungsgehilfe Knof mit der Commerzbank anstellen? Vermutlich das, was schon die alte Führung unter Zielke und Schmittmann in ihren letzten Amtstagen wollte: das von Kukies bei der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) in Auftrag gegebene und längst erstellte Restrukturierungsprogramm umsetzen. Die neue Commerzbank-Spitze wird brutal sparen, das ist so klar wie notwendig. 10.000 Arbeitsplätze oder mehr könnten wegfallen, ebenso Hunderte Niederlassungen. Spätestens seit der Coronakrise haben auch die letzten Fans der Filialstrategie eingesehen, dass die Zukunft im Internet liegt. 

Personalie mit ironischer Pointe?

Das alles wird Milliarden an Restrukturierungskosten verschlingen, Geld, das die Commerzbank eigentlich dafür braucht, Kreditausfälle zu verdauen, die wegen der Corona-Folgen auf sie zurollen. Neue Erträge freilich lassen sich so nicht erwirtschaften. Es ist ein Wettlauf nach unten ("race to the bottom"), wie Investmentbanker treffend sagen.

Nicht unmöglich ist daher, dass der Bund bei der Commerzbank nochmals Geld zuschießt, um Kapitallöcher zu füllen, wenn Covid-19 so richtig zuschlägt. Und dann? Das Elend lässt sich nicht ewig verlängern, dagegen sprechen die betriebswirtschaftlichen Zwänge, Kukies' Gestaltungsehrgeiz sowie der Trend in Europa, sich auf nationaler Ebene zu größeren Einheiten zusammenzuschließen; Beispiele dafür finden sich aktuell in Italien und Spanien. Ziel dieser Übung ist, gestärkt am Verhandlungstisch zu sitzen, sobald dereinst grenzüberschreitende Fusionen anstehen.

In der Konsequenz bedeutet das für die Commerzbank, dass sie doch unter dem Dach der Deutschen Bank landen könnte. Denn ein Verkauf an einen ausländischen Wettbewerber scheint derzeit zu gewagt. Immerhin finanziert die Commerzbank noch immer große Teile des deutschen Mittelstands, und letztlich denken alle Politiker immer zuerst national und nicht europäisch, trotz aller Sonntagsreden.

Es wäre die ironische Pointe der Personalie Knof, wenn er fusionsbedingt zur Deutschen Bank zurückkehrt, von der er nach kurzer Zeit geflohen ist. Für ein fulminantes Comeback der Commerzbank jedenfalls ist es zu spät.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.