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25. Juni 2012, 15:13 Uhr

EnBW-Affäre

Mappus-Vertrauter Notheis nimmt Auszeit bei Morgan Stanley

Dirk Notheis, Deutschland-Chef von Morgan Stanley, zieht sich aus der Geschäftsführung zurück. Er stand wegen seiner Rolle beim Kauf der EnBW-Anteile durch das Land Baden-Württemberg in der Kritik. Vor allem seine Nähe zum ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus galt als problematisch.

Frankfurt am Main - Am Ende wurde der Druck offenbar zu groß: Wegen seiner umstrittenen Rolle beim Teilankauf des Energiekonzerns EnBW durch das Land Baden-Württemberg zieht sich Morgan-Stanley-Deutschland-Chef Dirk Notheis vorübergehend aus dem operativen Geschäft zurück. "Dirk Notheis hat den Aufsichtsrat darüber informiert, eine Auszeit zu nehmen", sagte eine Sprecherin der Investmentbank. Seine Aufgaben als Deutschlandchef würden mit sofortiger Wirkung von dem Aufsichtsratsvorsitzenden Lutz Raettig wahrgenommen. Die operativen Aufgaben des Tagesgeschäfts übernehmen demnach die übrigen Mitglieder des Vorstands. Zur Dauer von Notheis' Auszeit teilte die Bank zunächst nichts mit.

Notheis' vorläufiger Rückzug erfolgt nach tagelanger massiver Kritik an seinem Verhalten im Zusammenhang mit dem Geschäft zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem französischen Energieversorger EdF . Notheis hatte seinem Arbeitgeber daraufhin am Wochenende den Rücktritt angeboten - nun wurde aus dem kompletten Rücktritt eine vorläufige Auszeit vom Chefposten.

Morgan Stanley hatte das Land bei dem Geschäft beraten, bei dem dieses im Dezember 2010 für 4,7 Milliarden Euro 45 Prozent der EnBW-Anteile von EdF erworben hatte. Es geht um die Frage, ob das Land zuviel bezahlt hat. Der Staatsgerichtshof des Landes hat den ohne Mitwirkung des Parlaments von Mappus und Notheis eingefädelten Kauf der Anteile vom französischen Energiekonzern EdF als Verfassungsbruch beurteilt.

Grüne schalteten Bankenaufsicht ein

Notheis ist ein Jugendfreund des damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU). Zuletzt waren E-Mails bekannt geworden, in denen Notheis dem Regierungschef dezidierte Handlungsanweisungen für das mittlerweile umstrittene Geschäft gibt, das Mappus damals ohne Zustimmung des Landtags abgeschlossen hatte. In den E-Mails drängte Notheis den Ministerpräsidenten etwa dazu, Mandatsangebote anderer Banken zurückzuweisen und einen renommierten Volkswirt zu suchen, der das Geschäft mit EdF als positiv bewerte.

In die Kritik geriet Notheis außerdem wegen einer E-Mail an René Proglio, Chef von Morgan Stanley in Frankreich und Zwillingsbruder von EdF-Chef Henri Proglio. In ihr soll der Banker den Kaufpreis von 41,50 Euro pro Aktie, den Baden-Württemberg zu zahlen bereit war und letztendlich auch zahlte, als "mehr als üppig" bezeichnet haben - obwohl das Land sein Mandant war und ein Interesse an einen möglichst geringen Kaufpreis hatte.

Nach Bekanntwerden der E-Mail hatten sich die Grünen im Stuttgarter Landtag in der vergangenen Woche an die Bankenaufsicht BaFin gewandt. Diese solle die Tauglichkeit von Notheis als Banker überprüfen. Es gebe "hinreichend" öffentliche Informationen, "welche den Verdacht nahelegen, dass Herr Dr. Dirk Notheis nicht mehr die erforderliche Zuverlässigkeit zur Führung eines Finanzinstitutes besitzt", schrieben die Grünen in ihrem Brief an die Behörde.

Im Februar hatte die neue grün-rote Landesregierung eine Schiedsgerichtsklage gegen EdF eingereicht, weil sie den unter Mitwirken von Morgan Stanley ausgehandelten Preis als zu hoch erachtet. Auch befasst sich ein Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag mit den Geschehnissen um das Geschäft. Vor dem Gremium musste Notheis bereits im Frühjar aussagen - nun wird erwartet, dass der Ausschuss den Banker noch einmal als Zeigen vorladen will. Dies könnte am Mittwoch in einer nichtöffentlichen Sitzung beschlossen werden.

Notheis gilt auch in der politischen Szene in Berlin als gut vernetzt. Er hat nach einer steilen CDU-Karriere 1999 bei Morgan Stanley angefangen und steht seit 2009 an der Spitze des Deutschland-Geschäfts. Er war in den vergangenen Jahren unter anderem Berater beim Börsengang von Air Berlin oder der Postbank. Raettig ist zwar ebenfalls ein gut verdrahteter Banker, gilt aber bankintern nur als Übergangslösung. Wer ihm nachfolgen könnte, ist noch offen.

fdi/dpa/AFP

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