Marode Infrastruktur So will Verkehrsminister Wissing die Bahn zuverlässiger machen

»So wie es ist, kann es nicht bleiben«, sagt Volker Wissing zum Bahn-Chaos. Ein neuer Sanierungsplan soll Abhilfe schaffen. Doch folgen den Worten des Ministers diesmal auch Taten?
Bahnbaustelle an der Rheintalstrecke nahe Riegel

Bahnbaustelle an der Rheintalstrecke nahe Riegel

Foto: Arnulf Hettrich / IMAGO

Zugausfälle, Verspätungen, Reisestress: Das 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn hat viele seit Langem schwelende Probleme beim Schienenverkehr in Deutschland offengelegt . Besonders ausgelastete Streckenabschnitte des Schienennetzes wollen die Bahn und das Bundesverkehrsministerium nun zu einem »Hochleistungsnetz« ausbauen. Baumaßnahmen sollen dafür künftig gebündelt und die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur soll erhöht werden.

»So wie es ist, kann es nicht bleiben«, sagte Verkehrsminister Volker Wissing bei der Vorstellung der neuen Strategie. »Politische Versäumnisse und Unterfinanzierung« hätten die Schiene an »ihre absolute Grenze gebracht«. Die Generalsanierung des Schienennetzes, kündigte der FDP-Politiker an, werde nun zur »Chefsache«.

Kern der Probleme im Passagier- und Güterverkehr sei ein Mangel an Kapazitäten und die Überalterung der Infrastruktur, teilte die Bahn mit. Ab 2024 sollen deshalb besonders beanspruchte Streckenabschnitte ausgebaut werden. Konkret gehe es dabei um rund zehn Prozent des Gesamtnetzes, also rund 3500 Kilometer – diese Abschnitte seien bereits heute zu 125 Prozent ausgelastet.

Verkehrs- und Passagierverbände reagieren mit Skepsis

Eine steigende Nachfrage in Kombination mit veralteter Infrastruktur und Bautätigkeiten führe zu »Staus und Verspätungen mit massiven Auswirkungen auf alle Kundinnen und Kunden«, so Bahn-Chef Richard Lutz. »Die aktuelle Betriebsqualität entspricht ganz klar nicht unseren Ansprüchen«. Das neue Hochleistungsnetz solle vom »Problemfall zum Qualitäts- und Stabilitätsanker für die gesamte Infrastruktur« werden. Laut Verkehrsministerium waren zuletzt weniger als zwei Drittel aller Fernverkehrs- und Güterzüge pünktlich.

Bei der geplanten Generalsanierung will die Bahn künftig drei neue Kriterien berücksichtigen:

  • Alle geplanten Baumaßnahmen sollen »radikal gebündelt« werden, um Streckenabschnitte anschließend über mehrere Jahre frei von Baustellen zu halten.

  • Bei Bauarbeiten sollen künftig nicht nur bestehende Mängel beseitigt, sondern auch Zusatzmaßnahmen vorgenommen werden. Die Hochleistungskorridore sollen so einen »erstklassigen Ausstattungsstandard« erhalten.

  • Bei der Bauplanung soll mehr auf kundenfreundliches Bauen gesetzt werden. Zu diesem Zweck will die Bahn »hochverdichtete und kapazitätsschonende Bauverfahren« einsetzen.

Der Bundesverband Schienennahverkehr (BSN) äußerte sich skeptisch. »Die Ankündigungen von Besserung hören wir jedes Jahr aufs Neue«, kritisierte BSN-Präsident Thomas Prechtl. Strukturelle Defizite würden jedoch nicht abgebaut. »Mit Blick auf die bisherigen zeitlichen Vorläufe für Großbaustellen und die fehlende Finanzierung haben wir jedoch erhebliche Zweifel daran, dass sich mit vorgelegten Plänen wirklich etwas substanziell verändern wird.«

Der Unternehmensverband Mofair, der private Wettbewerber der Deutschen Bahn vertritt, forderte eine Neustrukturierung des Bahnkonzerns, ein zentrales Problem sei »die Gewinnorientierung der DB-Infrastrukturtöchter, die einer Qualitätsorientierung heute im Wege stehen«.

Eine solche Neustrukturierung kündigte Wissing indes für Anfang 2024 an: Zum 1. Januar sollen die DB-Tochtergesellschaften DB Netz und DB Station und Service in einer gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte aufgehen. Somit würden die Steuerungsmöglichkeiten des Bundes als Eigentümer gestärkt. Wissing sagte: »Ich erwarte, dass wir künftig die Uhr wieder nach der Bahn stellen können.«

apr/AFP
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